„Ich lerne gerade, wie man gesund isst“ – Martina Demmel im Interview

Martina Demmel ist eine der stärksten Felskletterinnen Deutschlands: Auf der Ticklist der 23-jährigen Wahlmünchnerin stehen 66 Routen im Grad 8c oder schwerer, darunter auch zwei 9as. Die 23-Jährige ist aber auch eine erfolgreiche Wettkampfkletterin – sie steht im Rampenlicht. Das ist die eine Seite von ihr, die andere kannte viele Jahre lang kaum jemand. Bis zum 20. Januar, an diesem Tag schrieb Martina auf Insta über ihre Essstörung. Im Interview mit Ks.com erzählt sie, wieso sie sich entschied, ihre Essstörung öffentlich zu machen, wie sie da reinrutschte – und wie es ihr heute geht.

Martina, wie war das Feedback auf deinen Post?

Die Resonanz war überwältigend, ich habe auch viele persönliche Nachrichten bekommen. Ich hoffe, ich habe damit viele erreicht. Es wäre schön, wenn ich nur einer Betroffenen oder einem Betroffenen damit helfen kann. Ich wollte Mut machen, über seine Essstörung zu sprechen.

 Stigmatisiert eine Essstörung denn noch immer?

Na ja, Klettern ist sicher eine Sportart, bei der das Gewicht eine große Rolle spielt. Viele drehen an dieser Schraube. Die richtige Balance, einen gesunden Weg zu finden, ist schwer. Wenn man dann in eine Essstörung reingeraten ist, ist es sicher nicht einfach, darüber zu reden… also solange man da noch drinsteckt. Man hat das Gefühl, eine Schwäche einzugestehen.

Immer mehr Kletterinnen und Kletterer sprachen zuletzt öffentlich darüber, das verändert ja vielleicht auch etwas in der Szene…

Ja, definitiv. Es bringt mehr Bewusstsein, wie weit verbreitet das Problem tatsächlich ist – nicht nur im Leistungssport. Es hilft aber auch sehr, sich darüber auszutauschen, sich weniger allein zu fühlen und sich gegenseitig zu einem gesunden Umgang mit dem Körper zu bestärken.

Wie bist du da reingerutscht?

Das hatte ganz viele verschiedene Gründe. Ich war damals elf Jahre alt, wurde in der Schule gemobbt – auch das Gewicht spielte eine Rolle. Dazu kam eine fehlende Anerkennung, auch teilweise in der Schule. Ich hatte den Wunsch nach Kontrolle und bin so in die Essstörung geraten. Bei mir war es zunächst eine Magersucht, das waren etwa zwei Jahre. Ich war nun diejenige, die die Kontrolle hatte, das bestätigte mich.

Eher zufällig bin ich dann in der Bulimie gelandet. Das ging über knapp zehn Jahre so, es gab keinen einzigen Tag, an dem ich nicht sehr große Mengen an Essen zu mir nahm und diese wieder erbrochen habe.

 Wie ging es dann weiter? 

Ich wusste selber, dass es auf Dauer so nicht weitergehen kann. Aber ich konnte mit dieser Essstörung alles andere kompensieren. Das war ein sicherer Ort, wo ich mich von der Außenwelt abgekapselt habe und mich betäubt habe… es war meine Art, mit allen, aber vor allem negativen Emotionen umzugehen, sie ausblenden zu können. Mir war in all diesen Jahren wichtig, nach außen hin nicht aufzufallen, das Ganze zu verheimlichen.

Und welche Rolle hat dabei das Klettern gespielt?

Das hat mir die Möglichkeit gegeben, ohne aufzufallen mein Gewicht zu kontrollieren. Ich hatte ziemlich große Schwankungen von bis zu zehn Kilo innerhalb weniger Wochen. Mit weniger Gewicht kletterte ich zwar besser, aber ich fühlte mich immer leer, hatte keine Energie. Das hat aber niemand mitbekommen. Das Klettern hat mir aber auch geholfen, mein Verhalten zu reflektieren. Das war ja ein sehr präsentes Problem, von dem ich wegkommen wollte.

 

Du hast gesagt, dass du dich im Genesungsprozess befindest, seit Langem nicht mehr nach dem Essen gebrochen hast… wie hast du das geschafft?

Vor etwa zwei Jahren habe ich den Sportpsychologen kontaktiert – unter einem Vorwand. Ich wollte so nicht mehr weitermachen. Irgendwann hatte ich dann den Mut, mit ihm darüber zu sprechen, das hat ungefähr ein Jahr gebraucht, um das Vertrauen zu ihm aufzubauen. Ich hatte negative Konsequenzen befürchtet, wenn ich davon erzähle, hatte befürchtet, dass ich für Wettkämpfe gesperrt werde, dass mir das Klettern verboten wird. So war es aber gar nicht, es hat sich dann viel zum Positiven geändert. Im April 2024 habe ich mich dann auch für eine stationäre Therapie angemeldet, die Wartezeit war etwa acht Monate. Ja, und im vergangenen Juli hatte ich dann ein Schlüsselerlebnis, das alles veränderte. Ich habe mit einem Teamkollegen, der eine ähnliche Vergangenheit hat, sehr lange darüber gesprochen. Damals konnte ich das erste Mal alles aussprechen, fühlte mich absolut verstanden – das hat sehr viel verändert. Seitdem habe ich auch eine andere Einstellung zum Essen. 

 Bist du noch in Therapie?

Ja, bei einer niedergelassenen Therapeutin, die viel Erfahrungen mit Essstörungen hat. Die besuche ich einmal in der Woche. Die stationäre Therapie habe ich abgesagt, die ist momentan nicht mehr notwendig. Ich habe inzwischen andere Instrumente als die Bulimie, um etwas zu verarbeiten. Ich hatte jetzt schon lange nicht mehr den Drang, wahllos zu essen und mich danach zu erbrechen. Ich lerne gerade, wie man gesund isst.

 Bekommst du Unterstützung durch das Team?

Von den Trainern, Physios und dem Olympiastützpunkt in München: ja. Die waren aber auch schon von Anfang an einbezogen und haben mich sehr unterstützt. Von den aktiven Athletinnen und Athleten kam bislang kaum eine Rückmeldung… wahrscheinlich auch, weil es ein schwieriges Thema ist oder viele nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen.

 Wie groß ist dieses Problem im Leistungsklettern? 

Manchmal habe ich fast das Gefühl, es ist normal, keinen normalen Umgang mit Essen zu haben. Es gehört dazu – in welcher Form auch immer. Bei den Weltcups und anderen internationalen Wettkämpfen sieht man viele Kletterinnen und Kletterer, die ein sehr besorgniserregendes Verhalten haben. Es gibt leider wenige Gegenbeispiele. Ein Leistungssprung ist durch Gewichtsabnahme vielleicht kurzfristig möglich, aber nicht auf Dauer. Essstörungen haben definitiv negative Langzeitfolgen. Ich hatte zum Beispiel viele Jahre lang meine Periode nicht. Der Körper braucht ausreichend Energie. Fürs Klettern und fürs Leben. 

 Wie geht es dir heute? Wie ist dein Verhältnis zum Essen?

Ich habe definitiv inzwischen schon ein besseres Essverhalten und inzwischen auch ein höheres Gewicht. Und ich habe mehr Energie – ich fühle mich trotz mehr Gewicht leichter an der Wand. Züge, die früher nur sehr schwer gingen, gehen jetzt. Ich lerne gerade noch viel übers Essen und meinen Körper, bin dabei, den richtigen Weg zu finden. Erlebe wieder Hunger- und Sättigungsgefühl. Intuitives Essen ist sehr schwer mit dem vielen Hintergrundwissen. Ich esse, weil es mir guttut, weil mein Körper gesunde und ausreichend Nahrung braucht – und weil ich dann besser klettern kann. Das ist das Ziel, das ich erreichen will… aber ohne meinen Körper zu schaden.

 Also keine Verbote?

Nein, ich verbiete mir nichts, um so auch die Gefahr eines Rückfalls zu minimieren. Ich mag sehr gerne Süßes und esse es dann auch – Schokolade beispielsweise. Ich denke, es sollte eine gute Balance sein. 80 Prozent sollten notwendige und vernünftige Lebensmittel sein, 20 Prozent darf auch Genuss sein. Ausreichende Energieaufnahme vor, während und nach dem Training ist zumindest wichtig.

Was würdest du dir wünschen? Was müsste sich verändern?

Es müsste offener über dieses Thema und seine Folgen gesprochen werden – und es müsste eine bessere Aufklärung geben. Im Jugendbereich ist die Gefahr, da reinzurutschen, besonders groß. Und beispielsweise der Satz eines Trainers, mit ein paar Kilos weniger hätte man Chancen, bei einem Wettkampf zu starten, kann viel auslösen. In dem Alter denkt man nur an kurzfristige Erfolge, will um jeden Preis gut sein – an die Konsequenzen denkt wohl noch niemand. Bei Wettkämpfen wäre ein BMI-Grenzwert vielleicht ein Ansatz, würde aber das eigentliche Problem nicht lösen. Denn dann wird eben versucht, ganz knapp über diesem Wert zu liegen… das bedeutet aber nicht automatisch, dass jemand keine Essstörung hat, denn die kann auch bei einem unbedenklichen Gewicht vorhanden sein. 

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Video-Link: https://youtu.be/NIouznrgUrg?si=JYRAW0QZjgrVpoLN