» Es wird einem kein kleiner Fehler mehr verziehen « Martina Demmel

Martina Demmel ist derzeit die erfolgreichste deutsche Leadkletterin. Sie schaffte bei der WM in Bern den Sprung ins Halbfinale und belegte letztendlich den 26. Platz. Mitte Juli kletterte sie beim Weltcup Lead in Briançon sogar im Finale mit, sie wurde dort Siebte. Ks.com konnte der 21-Jährigen kurz nach dem Lead-Finale in Bern einige Fragen stellen. Hier das Interview:

Ks.com: Kurze Bilanz: bist du zufrieden mit deinem Auftritt bei der WM?

Insgesamt bin ich mehr als zufrieden, dass es geklappt hat, ein zweites Mal im Halbfinale zu klettern. Ich habe an der Wand aber nicht den besten Flow gefunden und bin nicht dazu gekommen, wirklich zu kämpfen – weil ein paar kleine Fehler einen frühen Sturz bedeuteten. Bis dahin fühlte ich mich aber ziemlich frisch und solide. Also ich weiß, dass auf jeden Fall noch mehr drin gewesen wäre.

Hast du dir nach Briançon mehr erwartet, wieder aufs Finale gehofft?

Meine Erwartungen sind natürlich gestiegen. Aber trotzdem fühlt sich ein Finale vor allem bei der WM noch immer unerreichbar an. Bei der WM im Halbfinale zu klettern, war trotzdem ein Traum für mich. Vor allem, wenn ich an meine Verletzung am Handgelenk Anfang des Jahres zurückdenke, die mich vier Monate quasi lahmgelegt hat.

Beim Weltcup in Briançon scheint sich bei dir der Schalter umgelegt zu haben, zumindest hatte man diesen Eindruck. War das so?

Ich denke, ich hatte bei den Weltcups zuvor schon das Gefühl, knapp vor dem Sprung in die nächste Runde zu sein. Aber das Feld ist inzwischen so stark, dass einem kein kleiner Fehler mehr verziehen wird. In Briançon ist aber alles perfekt zusammengekommen: meine Arbeit an meinem Kletterstil und an meinem Mindset in den letzten Monaten hat sich ausgezahlt. Trotzdem ist es keine Selbstverständlichkeit, sofort wieder an dieser Leistung anknüpfen zu können.

Trainierst du mittlerweile anders?

Ja, da hat sich in den letzten Monaten einiges verändert. Seit letztem Herbst arbeite ich regelmäßig mit einem Sportspsychologen zusammen, der mich auch zwischen den einzelnen Wettkämpfen unterstützt. Seit April dieses Jahres – nach meiner Verletzung – habe ich erstmals begonnen, nach einem Trainingsplan zu trainieren. Außerdem hat mir mein Trainer wertvolle Tipps zur Verbesserung meines Kletterstils gegeben. Aber letztendlich ist es immer ein Zusammenspiel von vielen Faktoren… und vielleicht war das Glück in Briançon ja auch ein bisschen auf meiner Seite.

Du hast vorhin schon erwähnt, dass es mittlerweile an der Weltspitze ein extrem dichtes Feld gibt: also ein Fehler und du bist raus?

Ja, das kann ich auf jeden Fall bestätigen. Unsere Trainer sagen inzwischen oft, dass in der Quali 50 bis 60 Athleten beziehungsweise Athletinnen das Potenzial haben, ins Halbfinale zu kommen. Vor zwei Jahren hatte ich das Gefühl, dass ein guter Go für die nächste Runde ausgereicht hat, inzwischen muss man fast zwei Routen perfekt klettern, um eine Chance zu haben.

Wie ist es für dich, gemeinsam mit Janja Garnbret, Ai Mori oder Brooke Raboutou einen Wettkampf zu machen? 

Es fühlt sich immer noch komplett verrückt an, an der Aufwärmwand direkt neben solchen Topstars zu klettern. Ich muss manchmal aufpassen, dass ich mich von ihnen nicht ablenken lasse. Insgesamt ist es einfach total inspirierend und beeindruckend, diese Athletinnen so hautnah nicht nur an der Wettkampfwand selbst zu sehen. Letztendlich aber verbindet uns die Leidenschaft zum Klettern.

Ist dir der Routenbau inzwischen manchmal zu abgefahren?

An sich mag ich die Entwicklung des Routenstils, weil mehr Kreativität und Bewegungsgefühl gefordert sind – aber man kann deswegen beim Besichtigen der Route irritiert werden. Beim Halbfinale der WM ist es uns beispielsweise schwergefallen, einzuschätzen, welche Stellen wirklich wichtig sind, und diese auch genau anzuschauen. Wenn man dabei einen Trick übersieht, kann das bitter sein, weil man dann sein eigenes Potenzial nicht zeigen kann. Das war bei mir im Halbfinale so, weil ich mir zu viele Gedanken über eine Stelle weiter unten gemacht habe.

Du bist eigentlich eine Felskletterin: wie geht es weiter mit Martina Demmel? Fokussierst du dich zukünftig mehr auf Wettkämpfe – oder ist dir der Fels einfach zu wichtig?

Das Felsklettern wird immer meine größte Leidenschaft bleiben. Momentan ist meine Priorität aber das Wettkampfklettern. Auch, weil ich seit letztem September im Spitzensportprogramm der Bayerischen Polizei die perfekte Möglichkeit habe, eine verlängerte Ausbildung mit dem Leistungssport kombinieren zu können. Da die Ausbildung noch vier Jahre dauert, bin ich gespannt, was für mich in dieser Zeit in den Leadwettkämpfen möglich sein wird. Jetzt freue ich mich aber erst einmal darauf, die nächsten drei Wochen am Fels zu verbringen, danach starten die finalen Vorbereitungen für die letzten zwei Leadweltcups.

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Video-Link: https://youtu.be/NIouznrgUrg