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Bewaffnete Konflikte und neutrale Athleten – Eine Gratwanderung

Am 12. Juni veröffentlicht der Internationalen Sportkletterverband (IFSC) eine Pressemitteilung, zum Entscheid ihres Exekutivrates, über die Einleitung eines Verfahrens zur Wiederaufnahme von Athlet*innen mit russischem und belarusischem Pass als neutrale Athlet*innen ab 2024.

Ihnen soll ermöglicht werden, nach Anfang des Jahres vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) herausgegebenen Richtlinien eine neutrale Lizenz erhalten zu können, um sich ab 2024 für IFSC-Veranstaltungen anmelden zu dürfen.

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Während man sich in unzähligen Komitees und Gremien der Sportwelt die Köpfe darüber zerbricht, wie man die diffizile Gratwanderung einer Trennung von Sport und Politik realisieren könnte, gab es auch Stimmen, die sich grundsätzlich gegen jegliche Präsenz russischer und belarusischer Athlet*innen bei allen Arten von Sportveranstaltungen aussprechen.

Unter den ukrainischen Profisportler*innen, wurde seit Beginn der Debatte vereinzelt in den sozialen Medien die Verweigerung der Teilnahme an Wettkämpfen und Sportveranstaltungen angekündigt, sollte es zu einer Zulassung russischer und belarusischer Teilnehmer*innen kommen.

Eine Art zu demonstrieren, die erstmal harmloser erscheint, als sie tatsächlich ist, denn der IFSC bekräftigte parallel wiederholt seine Unterstützung für die ukrainischen Athleten und Grundsätze der Trennung von Sport und Politik.

Wie nun also allen gerecht werden? Bis zu welchem Punkt kämpft hier schlicht Sportler*in gegen Sportler*in und ab welchem nationalstolze Vertreter*innen ihres jeweiligen Landes für dessen Prestige?

Man muss kein besonders strebsamer Schüler im Geschichtsunterricht gewesen sein, um zu verstehen, dass Flagge zeigende, sportliche Idole schon immer im besseren Fall sympathische Werbeträger, im schlimmeren Fall Propaganda-Treiber fürs eigene Land waren und sind.

Sport, insbesondere gigantische, internationale Sportveranstaltungen wie beispielsweise die Olympischen Spiele, sind mitnichten unpolitisches Terrain. 

Darüber hinaus unvergessen, die FIFA-Weltmeisterschaft in Katar, das Verbot der One-Love-Binde und das Mannschaftsfoto der deutschen Fußballnationalmannschaft, die sich darauf geschlossen mit der Hand den Mund zu hält um ein Zeichen für die Meinungsfreiheit zu setzen.

Allein der sogenannte „Medallienspiegel“ ist mehr oder weniger eine Abbildung davon, welche Länder es sich leisten (können und wollen) möglichst viele, möglichst erfolgreiche sportliche Vorbilder aufzubauen und zu entsenden.

Der IFSC setzt sich auf der einen Seite für die Unterstützung ukrainischer Sportler*innen ein, indem er u.A. dem ukrainischen Bergsteiger- und Kletterverband (UMCF) die Jahresgebühren 2022 und 2023 sowie auf die Anmeldegebühren 2022 und 2023 für alle IFSC-Veranstaltungen erlässt.

Auf der anderen Seite setzt sich der IFSC aber auch dafür ein, dass ALLE Athlet*innen unabhängig von ihrer Herkunft, die Möglichkeit zur Teilnahme an Wettkämpfen bekommen können.

Auch diejenigen, die aus kriegstreibenden Ländern stammen und dort leben.
Spätestens an diesem Punkt wird die Thematik global, denn weltweit wüten derzeit mehr als hundert bewaffnete Konflikte.

Innerhalb der heute alltäglich gewordenen Kriegsberichterstattung bleibt selten die Zeit, klar zu differenzieren, wer eigentlich genau wen oder was angreift.
Innerhalb dieser Vereinfachung der Mittteilungen führt Russland schlicht und ergreifend einen bewaffneten Angriffskrieg gegen die Ukraine und „den Westen“. 

Ganz Russland? Auch beispielsweise Berufssportler*innen, die den Krieg und die Ideologie der Kriegstreibenden mehr oder weniger öffentlich verurteilen, soweit es ihnen möglich ist ohne sich selbst oder ihre Angehörigen in Gefahr zu bringen?

Wie gesagt ist Russland bei weitem nicht die einzige Nation, die derzeit einen bewaffneten Kampf gegen ein anderes Land führt.

Deshalb haben wir versucht, ein Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Positionen zu finden und ein System zu schaffen, das in Zukunft auch bei Konflikten in anderen Gebieten gerecht angewendet werden kann.


IFSC-Präsident Marco Scolaris – Pressemitteilung IFSC, 12.06.2023

Eigens zur Klärung dieser komplexen ethischen Fragen wurde vom Exekutivrat des IFSC am 10. Mai dieses Jahres eine Task Force eingesetzt. 

Ihre Mitglieder sind der Präsidentin des Ozeanien-Rates Naomi Cleary, die Präsidentin der Athletenkommission Shauna Coxsey und die Direktorin für Forschung und Entwicklung des IFSC Silvia Verdolini.

Bei der Vorstellung ihres Berichts am 7. Juni sagte Cleary: 

Die Task Force hielt es für unabdingbar, in einem breit angelegten Konsultationsprozess praktische Lösungen für die von den Athleten, den nationalen Verbänden und den Veranstaltern geäußerten Bedenken zu finden.

Pressemitteilung IFSC, 12.06.2023

Den Empfehlungen der Task Forke des IFSC ging eine einmonatige Konsultationsphase voraus, in der Treffen mit der IFSC-Athletenkommission und einem breiten Spektrum von Interessenvertretern stattfanden, darunter Vertreter des IOC, großer Veranstaltungsorganisatoren, Anti-Doping-Organisationen, des Europäischen Rates, von Nachrichtendiensten und Ermittlungsbehörden sowie des UMCF.

Olympia Ringe Tokio

Die IFSC-Athletenkommission und die nationalen IFSC-Verbände wurden im Vorfeld der Veröffentlichung der Pressemitteilung während einer Telefonkonferenz über die Entscheidung informiert.

Die Entscheidung, den Prozess der Wiederzulassung von Athleten mit russischen und belarusischen Pässen einzuleiten, war nicht einfach und wurde nicht leichtfertig getroffen. Ohne zu zögern sage ich, dass der IFSC die russische Aggression gegen die Ukraine weiterhin entschieden verurteilt und unserem ukrainischen Verband, den Bergsteigern und dem ukrainischen Volk zur Seite steht.

IFSC-Präsident Marco Scolaris – Pressemitteilung IFSC, 12.06.2023

Während der Beginn des Prozesses zur Wiederzulassung von Athleten mit russischem oder weißrussischem Pass genehmigt wurde, bleibt der Beschluss der IFSC-Generalversammlung vom 18. März 2022, mit dem die Suspendierung des russischen Kletterverbands und des weißrussischen Alpenverbands festgelegt wurde, in Kraft.

Andere Bestimmungen werden weiterhin angewandt, darunter:

  • Kein Athlet darf Russland oder Weißrussland repräsentieren;
  • Keine Flagge, Hymne, Farben oder andere Erkennungszeichen dieser Länder werden bei einer
  • Sportveranstaltung oder einem Treffen gezeigt, auch nicht am gesamten Veranstaltungsort;
  • Kein russischer oder belarussischer Regierungs- oder Staatsbeamter kann zu einer internationalen Sportveranstaltung oder -begegnung eingeladen oder akkreditiert werden;
  • Kein internationales Sportereignis wird von einem internationalen Sportverband oder einem Nationalen Olympischen Komitee in Russland oder Weißrussland organisiert oder unterstützt; und
    Offizielle, einschließlich Streckenposten und Kampfrichter, mit russischen oder weißrussischen Pässen bleiben suspendiert.

Fazit:

So honorabel der Versuch einer Trennung von Sport und Politik auch sein mag, insbesondere auf internationaler Großbühne ist sie in der heutigen Zeit schlicht unmöglich geworden.
Ganz gleich, ob am Ende des Prozesses die Zulassung russischer und belarusischer Athlet*innen zu Wettkämpfen und Sportveranstaltungen ab 2024 erfolgt oder nicht:
Jeglicher Ausgang wird unvermeidlich auch ein politisches Statement sein.

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Video-Link: https://youtu.be/EaGxiRPPX-4
  • Credits Text Hanna Rexer f. kletterszene.com
  • Credits Fotos KS.com Archiv, IFSC,
  • Beitragsdatum 17. Juni 2023