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Trad-Klettern im Aufwind Zwischen Traumlinien, junger Wildheit und der Suche nach dem nächsten großen Ding

01. Mai 2026  in Stories

Trad-Klettern im Aufwind: zwischen Traumlinien, junger Wildheit und der Suche nach dem nächsten großen Ding
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  • Alpin

Jacopo Larcher gehört zu den Kletterern, die das moderne Trad-Klettern prägen – eine Disziplin, die sich irgendwo zwischen kompromissloser Schwierigkeit, sauberem Stil und echtem Abenteuer bewegt. In seinem Essay beschreibt Larcher, warum ihn Trad-Klettern bis heute so tief packt und weshalb die Zukunft dieses Sports gerade spannender ist als je zuvor.

Spätestens mit der Erstbegehung von Tribe (9a/E12) im Jahr 2019 war klar, dass Jacopo Larcher zu den wichtigsten Akteuren des harten Trad-Kletterns gehört. Mit der Route setzte der Südtiroler einen Meilenstein: Sportkletter-Niveau am absoluten Limit, aber mit mobilen Sicherungen und in einer Linie, die nicht nur schwer, sondern auch stilistisch kompromisslos ist.

Im Dezember 2025 gelang Larcher mit der legendären James-Pearson-Route Bon Voyage der nächste große Trad-Coup. Doch bei dem 36-Jährigen geht es schon lange nicht mehr nur um Grade. Es geht um eine Haltung zum Fels, um Stil und um diese ganz eigene Faszination, die das Trad-Klettern bis heute bei ihm und vielen anderen auslöst.

Mehr als nur schwer

Ein Essay von Jacopo Larcher

Trad-Klettern ist für mich eine andere Herangehensweise an die Ressource Fels. Du formst ihn nicht nach deinen Bedürfnissen, sondern passt dich an. Genau das macht diesen Stil für mich fairer – und in gewisser Weise auch anspruchsvoller.

Was mich dabei immer wieder begeistert, ist dieses spezielle Gefühl am Ende einer Route: Wenn du nach unten blickst und dort nicht eine Linie aus Expressen oder Bohrhaken siehst, sondern fast nichts. Vielleicht ein paar Chalkspuren – vielleicht aber auch gar nichts. Nach einem ordentlichen Regenschauer ist oft kaum noch zu erkennen, ob an diesem Felsen überhaupt schon einmal jemand geklettert ist. Genau diese Mischung aus Intensität, Zurückhaltung und Respekt vor dem Gestein zieht mich bis heute so stark an.

Als Tribe plötzlich alles veränderte

Ich hatte ziemlich früh das Glück, dass mir ein Freund die Linie gezeigt hat, die wir später Tribe nennen würden. Damals war mir noch nicht klar, was für eine Rolle diese Route einmal für mich spielen würde. Aber rückblickend war sie genau das, wonach ich immer gesucht hatte: eine ästhetische, fordernde Linie, körperlich extrem anspruchsvoll und gleichzeitig mit gerade genug guten Sicherungsmöglichkeiten, um sie sicher klettern zu können.

Als ich anfing, die Route ernsthaft zu probieren, hatte ich im Trad-Klettern noch nicht besonders viel Erfahrung. Ich erinnere mich gut daran, wie planlos ich damals unterwegs war. Ich probierte herum, eher intuitiv als strukturiert, und hielt das Ganze vor allem für wahnsinnig gefährlich. Ich war überzeugt, dass ich jeden einzelnen Zug perfekt beherrschen müsste, bevor ich überhaupt an einen Durchstieg denken dürfte. Ein Sturz schien für mich schlicht keine Option zu sein.

Ein Sturz schien für mich schlicht keine Option zu sein.
Jacopo Larcher über Tribe

Mit der Zeit veränderte sich dieser Blick komplett. Durch meine Erfahrungen in anderen klassischen Trad-Routen wurde mir klar, dass eher das Gegenteil der Fall war. Die Sicherungen in Tribe waren gut. Klar, es konnte weite Stürze geben. Aber insgesamt war die Route sicherer, als ich anfangs dachte.

Ein Projekt als Spiegel der eigenen Entwicklung

Genau deshalb wurde Tribe für mich zu weit mehr als nur einem Projekt. Die Route wurde zu einem Spiegel meiner Entwicklung als Trad-Kletterer.

Über sechs Jahre hinweg, Saison für Saison, konnte ich sehen, wie ich Fortschritte machte – nicht nur in dieser Linie, sondern in meinem gesamten Verständnis für das Trad-Klettern. Im Rückblick war das eine unglaubliche Erfahrung.

Ich habe in diesen Jahren enorm viel gelernt. Gleichzeitig blieb nach dem Durchstieg aber auch ein seltsames Gefühl zurück. Eine Art Leere. Vielleicht, weil ich wusste, dass ich so einen Prozess in dieser Form so schnell nicht noch einmal erleben würde.

Ich habe verstanden, wie selten solche Linien eigentlich sind.
Jacopo Larcher über Tribe

Die Suche nach der nächsten Traumroute war nach Tribe jedenfalls nicht vorbei. Aber ich habe verstanden, wie selten solche Linien eigentlich sind. Eine Route zu finden, die ästhetisch ist, körperlich so anspruchsvoll und gleichzeitig sicher genug mit mobilen Sicherungen geklettert werden kann, ist fast ein Glücksfall.

Die Szene verändert sich – und zwar spürbar

Genau darin liegt für mich auch eine der größten Herausforderungen für die Zukunft dieses Sports. Denn Trad-Klettern ist gerade ganz offensichtlich im Aufwind.

In den letzten Jahren haben sich immer mehr Kletterinnen und Kletterer dieser Disziplin zugewandt. Vor allem aber ist eine neue Generation nachgewachsen, die frischen Wind reinbringt. Die Szene wirkt heute dynamischer, offener und in gewisser Weise auch hungriger. Und das Entscheidende ist: Nicht nur das Niveau hat sich verändert, sondern auch die Herangehensweise.

Früher konzentrierten sich viele Trad-Kletterer fast ausschließlich auf diese eine Disziplin. Sie sammelten unfassbar viel Erfahrung, bewegten sich über unzählige Seillängen und brachten enorme Kletterkultur mit – gingen aber eher selten bis an ihre absoluten physischen Grenzen. So hatte sich das Trad-Klettern eben entwickelt.

Die neue Generation bringt nun etwas anderes mit. Sie vermischt die Mentalität aus Sportklettern und Bouldern mit dem klassischen Trad-Gedanken. Und genau dadurch werden die Grenzen dieses Sports gerade neu definiert.

Wenn junge Kletterer neue Maßstäbe setzen

Immer mehr Kletterer bewegen sich auch im Trad-Klettern an ihrer absoluten Leistungsgrenze. Das mitzuerleben, finde ich extrem inspirierend. Es motiviert mich, zu sehen, wie junge Talente mit ihrem technischen Können, ihrer Physis und ihrer Selbstverständlichkeit am Fels neue Standards setzen.

Als ich mit dem Klettern anfing, war Trad-Klettern vor allem eine Disziplin der älteren Generation. Heute ist es fast erstaunlich, wie jung diese Szene geworden ist. Und genau das ist für mich eine wichtige Grundlage für ihre Zukunft.

Es ist erstaunlich, wie jung die Trad-Szene geworden ist.
Jacopo Larcher

Für mich ist Connor Herson dafür wahrscheinlich das beste Beispiel. Ich hatte in den letzten Jahren das Glück, einige Trips mit ihm zu unternehmen und seine Entwicklung aus nächster Nähe mitzubekommen. Was mich an ihm immer wieder beeindruckt, ist nicht nur das Niveau, sondern vor allem die Art, wie er sich im Gelände bewegt. Ihn mit mobilen Sicherungen klettern zu sehen, ist jedes Mal ziemlich "mindblowing". Die Leichtigkeit, mit der er Placements setzt, die Natürlichkeit in Rissen, diese fast mühelose Ruhe in anspruchsvollem Terrain – das ist schon enorm beeindruckend.

Wenn man sich seine Erfolge anschaut, könnte man fast vergessen, dass er eigentlich noch ganz am Anfang seiner Karriere steht. Und genau das macht es so spannend. Ich bin wirklich neugierig, wie weit er und andere junge Talente diesen Sport in den nächsten Jahren noch pushen werden. Das Können ist da. Die Motivation auch. Die Frage ist eher, in welche Richtung sich das Ganze entwickeln wird.

Wo liegen die nächsten Grenzen?

Denn harte Trad-Linien an der absoluten körperlichen Leistungsgrenze zu finden, wird nicht leichter. Schon im Sportklettern ist es schwer genug, überhaupt eine Route im Bereich 9c zu entdecken. Eine Linie zu finden, die dieses Niveau hat, gleichzeitig mobile Sicherungen zulässt und dabei noch sicher genug ist, ist noch einmal eine ganz andere Aufgabe.

Vielleicht liegt die Zukunft also nicht nur im Entdecken neuer Linien, sondern auch stärker darin, wie bestehende Routen geklettert werden: Ground-up, Flash oder vielleicht sogar Onsight. Auch dort steckt enormes Potenzial.

Eine andere Möglichkeit wäre, den Fokus wieder stärker auf gefährlichere, dafür körperlich weniger extreme Linien zu legen.

Das ist die andere Seite des Trad-Spektrums – und eine, die in den letzten Jahren etwas weniger offensiv weiterentwickelt wurde. Früher haben 8b-Kletterer potenziell lebensgefährliche 8a-Routen eingerichtet. Aber niemand aus dem 9b-Niveau hat bislang wirklich gefährliche 9a-Routen erschlossen.

Abgesehen von ein paar Ausnahmen konzentrieren sich viele der neuesten schweren Trad-Routen eher auf sehr anspruchsvolles technisches Klettern bei vergleichsweise kalkulierbarem Risiko. Vielleicht ist genau das ein möglicher nächster Schritt: mutigere Linien, größeres Potenzial, aber eben auch ernstere Konsequenzen.

Ein Geschenk für den Sport

Für mich persönlich ist diese frische, junge Energie im Trad-Klettern vor allem eines: ein Geschenk. Mit Leuten wie Connor zu klettern, motiviert mich selbst noch einmal mehr, mein Bestes zu geben. Es erinnert mich daran, warum mich diese Disziplin so tief packt.

Und es hält auch meine eigene Suche am Leben – die Suche nach jener nächsten Linie, die all das wieder zusammenbringt: Schönheit, Schwierigkeit, Risiko, Kontrolle und dieses ganz besondere Gefühl, sich dem Fels nicht aufzudrängen, sondern sich auf ihn einzulassen.

Trad-Klettern ist für mich deshalb viel mehr als nur das nächste große Grad-Ziel. Es ist eine Suche. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum diese Spielart des Kletterns gerade spannender ist denn je.

Ein kleine Auszug aus Jacopos Trad-Tickliste:

Informationen zu der E-Skala:

Text
Jacopo Larcher, kletterszene.com
Foto
©Babsi Zangerl ©RaphaelFourau