Mentale Gesundheit Therapeutisches Klettern - wieder Halt im Leben finden
03. Juni 2026 in Stories
- Bouldern
Die Idee zum Boulderpsychotherapieangebot der Uniklinik Erlangen entstand, als zwei der heutigen Kursleiter, selbst Kletterer, bemerkten, wie viel Positives ein Ausflug in die Boulderhalle bei den Patient*innen in kurzer Zeit bewirkte.
Anderthalb Jahre später (2013) riefen die beiden zusammen mit einer psychologischen Psychotherapeutin der Uniklinik Erlangen das Projekt Klettern und Stimmung (KuS) ins Leben.
In meinen über 20 Kletterjahren sind mir das Phänomen und die Aussage, dass dieses Tun etwas Therapeutisches habe, schon häufig begegnet. Allem voran deshalb, weil einem im Grunde gar nichts anderes übrig bleibt, als körperlich und geistig ganz im Jetzt und bei der Sache zu sein. Gedanken, die um Sorgen oder ToDo-Listen kreisen, haben Sendepause.
Allerdings gleich zu Beginn der Hinweis:
Einfach selbst Bouldern oder Klettern zu gehen und die auf dieser und den verlinkten Webseiten bereitgestellten Informationen zu lesen, ist kein Ersatz für eine medizinische oder therapeutische Behandlung. Wenn du dich in einer akuten psychischen Krise befindest, wende dich bitte sofort an deinen Hausarzt, den ärztlichen Notdienst (116 117) oder den Notruf (112).
An sich sind therapeutisches Bouldern oder Klettern nichts Neues, doch die Wirksamkeit der Boulderpsychotherapie (BPT) bei Depressionen ist mittlerweile durch mehrere qualitativ hochwertige Studien belegt. Sie wurde für die Gruppenbehandlung von Personen mit aktueller Depressivität entwickelt und hat sich als mindestens genauso wirksam wie eine kognitive Verhaltenstherapie herausgestellt.
Stefan Först, von der ersten Stunde an dabei, sowie eine Teilnehmerin haben sich Zeit für ein Gespräch mit uns genommen.
Wir sind hier in einer Halle mit einem großen Angebot an zu lösenden Boulderproblemen. Ein prima Ort, um sich spielerisch Problemlösungsstrategien anzueignen, oder?
SF: Definitiv! Es ist ein fast unerschöpfliches Themenfeld. Von der Organisation/ Strategieentwicklung, Kreativität, Planung und Durchführung über Strukturierung, Freude zu erleben, überhaupt wieder was zu erleben... das ist in einer Depression oder Angststörung ja nicht selbstverständlich.
Das Schöne dabei ist ja, dass sich die Leute miteinander freuen, dass sich da häufig so eine coole Gemeinschaft entwickelt, die füreinander da ist, und das ist megaangenehm zu erleben für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, einfach mal so sein zu dürfen, wie sie sind.
Im Rahmen einer psychischen Beeinträchtigung hat man ja oft so ein Gefühl, dass man allein damit ist. Es ist zwar mittlerweile öffentlicher, wie verbreitet beispielsweise Depressionen sind, aber in der Gruppe ist viel deutlicher spürbar: „Ich bin tatsächlich nicht alleine damit, und auch wenn es sich bei mir anders anfühlt, es gibt so viele andere Leute, die auch diese Themen haben.“ Immer funktionieren müssen, Leistung abliefern.
Teilnehmerin BTP: Da war plötzlich das Gefühl, dass überhaupt wieder was geht. Es ging gar nicht darum, gleich die schwierigsten Boulder zu lösen, aber es war wieder das Gefühl da, dass ich etwas will, dass ich bouldern will und dass es auch einfach Spaß macht. Plötzlich habe ich nicht mehr gegen meinen Körper, sondern mit ihm zusammengearbeitet.
In einer stark leistungsorientierten Gesellschaft ist es ja oft und für viele Menschen gar nicht so einfach, sich ohne zu werten an seinem Tun zu freuen.
SF: Was mir gerade im Rahmen einer Depression superwichtig ist, den Leuten zu vermitteln: Wenn die morgens um 10 hier sind, dann haben die schon richtig was geschafft!
Weil das im Rahmen einer Depression häufig alles andere als in deren Komfortzone ist.
Morgens hier zu sein und dann zu sagen "Ich muss mich erstmal hinlegen, sorry."
Da kann ich nur sagen "Brauchst dich gar nicht entschuldigen, es ist schon eine echte Leistung, dass du da bist!"
Noch so ein Thema ist, zu denken, alles gleich auf Anhieb perfekt machen zu müssen.
Es ist zwar schön, eine Route im ersten Versuch zu klettern, aber es ist auch super, sich eine Route zu erarbeiten. Griffe in einer anderen Farbe zu Hilfe zu nehmen, um eine Bewegung zu üben ist eine kluge Sache, auch wenn man manchmal mit Schlaumeierkommentaren von der Seite, wie z. B. "der Griff/Tritt gehört aber nicht dazu" leben muss.
SF: Ich würde schon sagen, dass es auch einer der Wirkfaktoren ist, dass wir den Teilnehmer*innen die menschlichen Werte der Klettercommunity, wie respektvollen Umgang miteinander, Gemeinschaft, gegenseitige Unterstützung aber auch Eigenverantwortung vorleben. Dass Leistung zwar auch schön, aber nicht das Wichtigste ist und dass dieses Miteinander und die Freiheit, mal Hilfe anzunehmen, wenn ich sie brauche, um etwas überhaupt austüfteln zu können, mich einer Lösung annähern zu können, wertvoll ist.
Man wartet quasi jede Woche aufs Neue auf diesen Tag, weil das so viel weiterhilft und mein ganzes Leben und meine Einstellung dazu verändert. In der Gruppe erleben zu können, wie bei einem selbst und auch bei anderen was geht, ist wirklich wichtig und wertvoll.
Es gibt natürlich trotzdem immer mal wieder so kompetitive Situationen beim Bouldern, was aber in Maßen ja auch nicht verkehrt ist. Man kann den Umgang damit üben...
SF: Ja, die Eigendynamik von Gruppen kann natürlich auch in diese Richtung gehen. Es ist an sich ein sehr offenes Konzept, aber unter anderem deshalb bieten wir hier einen sicheren Rahmen, gerade damit wir so offen arbeiten können. Wir haben den Aspekt „Wettkampf" schon auch ganz bewusst dabei. Wir bilden z. B. gelegentlich Teams und stellen die Aufgabe, möglichst sauber und sicher z. B. Wäscheklammern eine Route hochzubringen. Es entwickelt sich eigentlich immer fast automatisch ein "Höher, schneller, weiter“ und das möglichst saubere und sichere Klettern tritt in den Hintergrund. Das kann man dann danach gemeinsam erkennen, benennen, anschauen und bearbeiten.
Wettkampf kann ja auch Spaß machen. Aber wenn ich darüber dann merke, dass ich die ganze Zeit automatisch in so ein „Ich muss besser sein als die anderen“ oder „Wenn ich es nicht schaffe, bin ich ein schlechter Mensch“-Denken komme, ist das nicht hilfreich, aber ein markant sichtbarer Effekt, aus dem ich lernen kann.
BTP:Vor allem am Anfang wäre es, wenn ich alleine hergekommen wäre, wahrscheinlich so oder so ähnlich abgelaufen: Ich wäre zu einem Boulder hingerannt, da zehnmal runtergefallen, hätte keine Pause gemacht, wäre maximal frustriert gewesen. Mittagspause hätte ich sowieso keine gemacht, irgendwann gedacht: „Alle um mich herum sind viel besser, ich kann überhaupt nichts, mir tut alles weh, ich nehm noch 'ne Schmerztablette, vielleicht geht’s dann besser.“ Und dann wäre ich wohl frustriert nach Hause gegangen.
Doch da sind Therapeuten, die einen anspornen und auch mal bremsen, da ist die Gruppe. Man ist nicht allein.
Was sind es denn sonst so für Ansätze die im Rahmen der BPT eine Rolle spielen?
SF: Das Thema Achtsamkeit spielt auf jeden Fall eine große Rolle. Meditation, Yoga, Körpertherapie... Die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) ist auch ein Thema. Da geht es darum den Umgang mit Gefühlen, auch mit sehr starken zu lernen. Wir haben aber auch noch andere Elemente aus der Verhaltenstherapie dabei. Eine der häufigsten Fragen von erwachsenen Menschen, die teilweise schon am Ende ihres Berufslebens stehen, ist: „Warum haben wir nie gelernt, mit Gefühlen umzugehen?“Wie du gesagt hast, kann Bouldern sozusagen erlebte Achtsamkeit sein. Viele Menschen verlieren in der Depression den Bezug zu sich und ihrem Körper.
Ambulant, tagesklinisch, stationär … Kommen die Teilnehmer:innen aus ganz unterschiedlichen Settings?
SF: Ja, mittlerweile schon. Zu Beginn haben wir einfach aufgrund des Studiendesigns gesagt, wir nehmen nur Leute mit einer schweren Depression auf, damit es einfach vergleichbar ist.Nach 15 Gruppen, also 15 mal 2 Monaten, war die Studie abgeschlossen.Wir haben angefangen, auszubilden, und haben unsere Gruppe hier mit Nicht-Studienpatienten ambulant weitergeführt. Damit haben sich dann auch die Diagnosen erweitert. Es ist zwar gut zu wissen, wenn jemand einen Trauma-Hintergrund hat um entsprechend agieren und reagieren zu können, aber die genaue Krankengeschichte ist hier unwesentlich, weil das was wir machen mehr auf der salutogenetischen Ebene, also dem Entwicklungs- und Erhaltungsprozess von Gesundheit wirkt. Es geht eher darum, sich selber kennenzulernen und mit den eigenen Themen umzugehen, egal welche es sind.
Welchen Zeitlichen Rahmen hat denn so eine Boulderpsychotherapie?
SF: Die ambulante Gruppe hat einen gemeinsamen Starttermin. In 8 aufeinander folgenden Terminen, a 3 Stunden, lernen die Teilnehmer*innen alle Grundlagen des Boulderns, der Achtsamkeitspraxis und des Umgangs mit Gefühlen. Durch den schrittweisen Aufbau entwickeln die Teilnehmer*innen das Gefühl der Selbstwirksamkeit - also das Gefühl, selbst etwas in ihrem Leben bewirken zu können. Sie müssen nur selbst in die Halle kommen und für ihre Verpflegung sorgen.
Es gibt aber auch nach wie vor eine Gruppe vollstationärer Patient*innen, die gemeinsam mit den Gruppenleiter*innen aus der Klinik direkt hierher kommen. In dieser Gruppe sind die Teilnehmenden unterschiedlich häufig dabei.
Gibt es mittlerweile national oder sogar international weitere Gruppen und Forschung auf Basis eurer Vorarbeit?
SF: Ende Juni 2025 war das erste Fachtreffen für therapeutisches Klettern hier in Erlangen, da haben wir einen Fachverband gegründet. Wir sind dabei uns immer mehr zu vernetzen. Wir bilden auch einmal im Jahr aus da ist der komplette deutschsprachige Raum (DACH) vertreten.
Die Idee, auch mit Jugendliche zu arbeiten hatte eine Teilnehmerin unserer Weiterbildung aus dem Norden Deutschlands, die viel mit Studenten arbeitet.
In Norwegen wird unser Konzept mit Kindern und Jugendlichen etwas angepasst und beforscht. Aus Kanada kam ein Beitrag zum Fachtreffen. Dort wird auch mit unserem Manual gearbeitet.
Ks.com: Zwischenzeitlich sind einige Teilnehmer*innen vorbeigekommen, haben Erfolge, Freude und Schwierigkeiten geteilt und wir essen gemeinsam leckeres, von einer Teilnehmerin selbst gemachtes Gebäck.
Ich habe hier wirklich gelernt, dass es Tage gibt, die besser laufen, und andere, die nicht. Dass man auch einfach Spaß haben darf. Jeder ist so, wie er ist, okay, mit all seinen Facetten.
Weitere Informationen zum Thema "Therapeutisches Bouldern und Klettern" sowie alles zum Aus- und Weiterbildungsangebot findet ihr hier: