„Pain makes you feel alive“ | Staša Gejo im Interview

Staša Gejo: „A half german“, so nannte sie der Bundestrainer des deutschen Kletterkaders, Urs Stöcker, vor Kurzem. Seit September 2020 lebt die gebürtige Serbin in München. Sie kam wegen ihres Masterstudiums Power Engineering hierher – und wegen des Kletterns. Staša war lange erfolgsverwöhnt: bei der Jugend-WM 2015 stand sie beim Bouldern und beim Combined ganz oben auf dem Treppchen, 2017 wurde sie Europameisterin im Bouldern und Dritte beim Combined. Ein Jahr später schließlich gewann sie bei der WM Bronze in ihrer Lieblingsdisziplin Bouldern. Im Qualifikationsjahr 2019  für die Olympischen Spiele verletzte sie sich dann gleich zu Beginn schwer am Knie, kämpfte sich aber zurück an die Weltspitze. Bei der EM in Moskau im vergangenen November wollte sich die 23-Jährige nun das letzte Ticket für Tokio holen – und verpasste es nur knapp. 

Ks.com: Staša, du hast mal gesagt, du willst immer die Beste sein. Wie wichtig sind dir Erfolge?

Staša Gejo: Das muss keine Goldmedaille sein. Wichtig ist für mich der Progress, also der Fortschritt. Ich setze mir kleine Ziele im Leben – und das nicht nur beim Klettern. Wenn ich keine Erfolge habe, ist das zwar schon ein bisschen deprimierend. Aber ich versuche, dann schnell einen Weg zu finden, um mich weiterentwickeln zu können.

Dein ganz großes Ziel im vergangenen Jahr war das Ticket für Tokio. Wie war der Moment für dich, als du realisiert hast, dass du es wegen ein paar Sekunden verpasst hattest?

Äußerlich war ich vielleicht cool, innerlich war es nicht so. Ich war tot, ich war müde, hungrig und durstig. Und ich wollte weg. Ich war so nervös, ich konnte nicht zuschauen, was die anderen Kletterinnen, die nach mir im Leadfinale im Combined an der Reihe waren, machten. Dann sah ich auf der Anzeige, dass ich dort als Erste stand, dass ich im Combined gewonnen hatte – für einen Moment hatte ich das Olympia-Ticket in der Hand. Fünf Sekunden später hatte ich es aber wieder verloren. Die Russin Viktoria Meshkova stand als Erstplatzierte auf der Anzeige, ich als Zweite. Neben ihr gab es nämlich nur noch eine andere Athletin, die die Finaltour toppen konnte – dafür aber eine Minute länger als Viktoria brauchte. Viktoria hatte Lead und damit auch Combined gewonnen. Ich dachte mir nur, „Scheiße, das war nicht mein Tag.“  

Wie gehst du mit Niederlagen um?

Ich gehe dann öfters mal joggen, um mich abzureagieren. Und ich konzentriere mich auf andere Dinge, wie mein Studium – oder ich gehe draußen am Fels klettern, um den Kopf frei zu bekommen.

Bis ich dann beginne, das Ganze analytisch anzugehen. Ich frage mich, was ich nicht optimal gemacht habe, was schiefgelaufen ist und was ich verbessern könnte. Dann ändere ich den Plan. Wichtig ist die Einstellung, also wie man damit umgeht, sein Ziel nicht erreicht zu haben. Ich habe in den vergangenen Jahren gelernt, Niederlagen nicht persönlich zu nehmen. Ich reagiere nicht mehr so emotional und beziehe es auf mich – sondern gehe rational damit um.

Das Combined-Format ist extrem anspruchsvoll – physisch und psychisch. Bist du nicht auch irgendwie erleichtert, das jetzt nicht mehr trainieren zu müssen?

Ja, ich bin schon ein bisschen erleichtert. Aber ich hatte die Chance für einen Start in Tokio und es war so knapp…  aber Lead ist eben nicht wirklich meine Disziplin.  Die Olympische Kombination ist echt heftig, das zu trainieren, ist nicht einfach. Momentan kann ich mich wieder mehr auf das Krafttraining konzentrieren und kann die Ausdauer etwas vernachlässigen. In dieser Saison will ich mich auf das Bouldern, meine Lieblingsdisziplin, fokussieren. Parallel dazu aber mit der Vorbereitung für Paris 2024 beginnen: Bei den nächsten Olympischen Spielen wird es eine Kombination aus Bouldern und Lead geben. Dort will ich dabei sein – das ist zumindest mein Plan. Ich werde mal schauen wie das läuft, beide Disziplinen parallel zu trainieren.

Wie muss man ticken, um in der Weltspitze mitklettern zu können?

Der Kopf ist extrem wichtig. Du musst es schaffen, auch unter emotionaler Belastung ruhig zu bleiben. Und dann musst du natürlich auch physisch stark sein, die notwendige Kraft besitzen. Bei den Damen ist es schwierig, da ist die Atmosphäre in den Wettkämpfen ganz anders als bei den boys. Frauen sind sehr competitive. Es gibt immer die großen Themen Ego und Rivalitätsdenken. Aber Klettern ist ein Individualsport, das gehört wahrscheinlich dazu. Wenn jede das aber besser kontrolliert, dann geht klettern auch entspannter.

Trainierst du lieber mit Jungs als mit Mädels?

Statistisch gesehen mehr mit Jungs (lacht). Das ist mit Jungs eine ganz andere Atmosphäre – und ich kann viel von ihnen lernen.  Ich war jetzt eine ganze Weile sehr viel mit Jungs bouldern und habe gemerkt, dass dadurch mein Stil männlicher wurde. Manche Sachen, wie enge Kompressionen, die Füße hochstellen – also die „small box problems“ -, die Frauen meistens gut können, laufen bei mir zumindest auf einmal nicht mehr so gut. Optimal wäre es also, mit beiden zu trainieren. Mit Jungs ist es für mich nur einfacher.

Wie motivierst du dich, wenn du einfach mal keinen Bock auf Training hast?

Manchmal ist ein Tag einfach scheiße und ich sehe keinen Sinn darin, zu trainieren. Aber ich habe gelernt, mein Training an solchen Tagen anzupassen und umzustellen. Das ist gut, um etwas auszuprobieren und sich besser kennenzulernen – du gewinnst dadurch mehr Kontrolle über dich selbst.

„Pain makes you feel alive“: Ich denke da an ein Insta-Bild von deinen total  geschundenen Füßen nach dem Training für die EM…

Pain makes you feel alive“ – das hat mir Urs Stöcker mehrmals gesagt… Dieser Satz ist für mich sehr wichtig. Ja, ich habe mir lange überlegt, ob ich das wirklich posten soll (lacht). Aber ich wollte einfach zeigen, wie es behind the curtain ausschaut. Leistungssportler ignorieren häufig ihre Körpersignale. Ich weiß, dass das nicht so gut ist – die Frage ist, ob es der Körper aushält und was in ein paar Jahren sein wird. Aber um dich perfekt für einen Wettkampf vorzubereiten, gibst du alles. Das ist der Preis für das Commitment, das muss sein. 

Staša, was bedeutet dir das Felsklettern? Du hast gleich mal Anfang Januar einen 8a-Boulder in Franken gemacht… und damals noch mehr angekündigt.

Ich würde mir wünschen, dass ich öfters an den Fels könnte. Aber letztendlich sind mir Wettkämpfe wichtiger, ich definiere mich über das Plastikklettern. Ich habe aber ganz viel Spaß, draußen zu klettern. Früher vor allem am Seil, dieses Jahr möchte ich es mit Bouldern versuchen. Es scheint auch zu gehen, das finde ich interessant. Draußen zu klettern entspannt mich. Außerdem brauchst du am Fels ein anderes Bewegungsspektrum – und das ist gut für mein Kletterkönnen. 

Seit wann kletterst du eigentlich?

Seit 2004. Also eigentlich, seitdem ich denken kann… Klettern hat immer zu meinem Leben dazugehört. Meine Eltern klettern auch beide, mein Vater ist noch heute mein Coach. Wir funktionieren im Team. Ich kann hier in München beim Nationalkader mittrainieren und schicke meinem Vater dann Trainingsvideos zu. Wir besprechen alles gemeinsam – auch meinen Trainingsplan.

Kannst du dir ein Leben ohne Klettern vorstellen?

Nein. Definitiv nicht. Ich bin so glücklich, in dieser Kletterwelt zu sein. 

Letzte Frage: Was sind deine Ziele für dieses Jahr?

Eigentlich wollte ich den Boulder-Weltcup hier in München gewinnen… aber den wird es ja nicht geben. Also meine Ziele sind, auf dem Podium von Weltcups zu stehen, unter die Top 5 im Gesamtranking zu kommen. Mein großer Traum ist, bei der Weltmeisterschaft im Bouldern Erste zu werden. Wir werden sehen, ob es dieses Jahr klappt. Im Juli werde ich nach Südafrika fliegen und dort klettern. In Südafrika war ich noch nie.