Schulterverletzungen: „New School ist für die Schulter definitiv eine große Belastung“ – Interview mit Volker Schöffl
Erst Finger, dann Schulter, sagt Volker Schöffl. Fingerverletzungen bei Kletterern sieht der Sportorthopäde und Chirurg in seiner Sprechstunde am häufigsten, danach kommt aber gleich die Schulter. Der 60-Jährige Schöffl ist leitender Arzt der Orthopädie und Unfallchirurgie sowie des Zentrums Interdisziplinäre Sportmedizin am Klinikum Bamberg, er gilt als der Schulterpapst in Deutschland. „Schulter-OPs sind Routineeingriffe“, sagt er im Interview mit Ks.com. Wie viele es genau in den vergangenen 20 Jahren waren, kann er nicht sagen. „Vielleicht 400 pro Jahr?“, schätzt er.
Volker, Finger vor Schulter also?

Ja, nach wie vor, aber die Schulter mit Tendenz nach oben, die Zahlen haben deutlich zugenommen. Es sind oft chronische Verletzungen, die ich sehe, also oft bei älteren Kletterinnen und Kletterern. Aber auch im Kader, bei den sehr jungen Kletterinnen und Kletterern, sind akut viele betroffen – und da vor allem die Mädels. Die habe ich zuletzt sehr häufig operiert.
Liegt das mit am Routenbau, also New School mit vielen extremen Moves, Dynos und Sprüngen?
Auf jeden Fall. Vor allem beim Bouldern bietet das oft sehr großes Verletzungspotenzial. Da sind zumeist extrem aufgespannte, dynamische und schulterlastige Züge eingebaut. Wenn ich einen Weltcup anschaue, weiß ich schon, bei welchen Bouldern es Probleme geben wird und sich ein Athlet oder auch mehrere verletzen. Da kannst du noch so viel Ausgleichtraining und Schulterstabi machen, New School ist für die Schulter definitiv eine große Belastung. Es liegt aber nicht nur am Routenbau, dass die Schulterverletzungen mehr werden. Auch die Grundbelastungsintensität hat zugenommen.
Ist denn die menschliche Schulter überhaupt fürs Klettern geeignet?
Grundsätzlich schon. Wir haben ja einen gemeinsamen Ursprung mit den Affen. Die Schulter hat den Vorteil, dass sie einen sehr großen Bewegungsumfang hat, das aber wiederum macht das Schultergelenk mit seinen stabilisierenden Weichteilstrukturen anfällig für Verletzungen. Nachteil ist nämlich, dass die Schulter leider nicht ausreichend durch eine knöcherne Führung stabilisiert wird. Umso wichtiger ist eine gut trainierte, stabilisierende Muskulatur.
Was sind die häufigsten Schulterverletzungen?
Die Schulterluxuation, das Auskugeln, ist tatsächlich die Nummer eins. Oft passiert das, wenn bei einer bereits bestehenden maximalen Bewegungsauslenkung – wie beim kompletten Aufgespanntsein – noch ein plötzlicher Kraftimpuls folgt. Nummer zwei ist ein Einriss im Bizepssehnenansatz. Das passiert bei plötzlichen, sehr kraftvollen Bewegungen, andauernden Überkopfbewegungen oder Vorschädigungen, kann aber auch durch den Alterungsprozess bedingt sein. Nummer drei ist die Rotatorenmanschettenläsion, also die Verletzung der Sehnen, die die Schulter umgeben und stabilisieren. Grund dafür können altersbedingte Verschleißerscheinungen der Sehnen sein oder auch eine andauernde Überbeanspruchung der Schulter. In den seltensten Fällen ist übrigens ein Sturz der Grund für eine Verletzung.
Und danach ab in den OP?
Kann man so nicht sagen. Das hängt immer von der genauen Diagnose ab – und von noch anderen Faktoren. Nehmen wir die Schulterluxuation als Beispiel: Gerade bei älteren Kletterern kann das Gelenk durch eine Ruhigstellung und anschließende Physiotherapie wieder stabilisiert werden. Bei jungen und sehr aktiven Patienten ist das Risiko für ein erneutes Auskugeln dagegen sehr hoch, da wird zumeist operiert. Eine OP ist beispielsweise auch notwendig, wenn das Auskugeln Bänder, Gelenkkapsel oder Labrum verletzt hat. Oder wenn eine konservative Therapie erfolglos blieb. Jeder Fall, jeder Patient, wird sich genau angeschaut und Alter und Zustand spielen natürlich auch immer eine Rolle.

Die Schulter gilt als komplexes Gelenk: Sind die OPs denn sehr kompliziert?
Nee, die sind nicht sonderlich kompliziert, das ist Low-Level-Standard und für mich inzwischen ein Routineeingriff, der mir kein Kopfzerbrechen bereitet. Und auch danach wird es wieder: 80 bis 90 Prozent klettern nach der OP wieder auf gleichem Niveau wie zuvor. Aber das dauert und es kostet Zeit, Geduld und Energie. Erst mal wird die Schulter nach der OP für ein paar Wochen ruhiggestellt, danach beginnt die Reha. Therapien, wie Krankengymnastik, aber auch Eigeninitiative ist gefragt. Auch zuhause sollten konsequent die Übungen gemacht werden.
Jetzt haben wir über die OP gesprochen, aber wie schauts mit der Prävention aus?
Prävention ist immens wichtig. Vor dem Klettern unbedingt vernünftig aufwärmen, nicht einfach direkt losklettern. Daneben sind auch Stabiübungen existenziell. Gezieltes Antagonisten- und Stabilisations-Training bringt viel, es schafft die Grundlage für eine stabile Schulter und damit ein langfristig gesundes Kletterleben. Übungen mit dem Theraband verbessern beispielsweise die Stabilität der Rotatorenmanschette und anderer wichtiger Schultermuskeln, die ja stark beansprucht werden. Daneben werden muskuläre Dysbalancen und die Beweglichkeit und Flexibilität der Schultermuskulatur verbessert. Also konsequent Zeit in diese Übungen zu investieren, bringt viel. Das schützt vor Instabilität und Verletzungen der Schulter. Wir haben hier übrigens ein eigenes Übungsprogramm herausgebracht, das gibt es umsonst als Download unter www.act.clinic.
Investierst du selbst auch die Zeit?
Hm, schwierig… ich gehe halt auch lieber klettern, neben der Arbeit habe ich nicht so viel Zeit. Inzwischen mache ich aber tatsächlich auch schon mehr als früher und versuche, mindestens einmal in der Woche Stabiübungen unterzubringen.
Volker, du kletterst jetzt auch schon sehr lang und schwer. Wie schauts mit deinen Schultern aus?
Ich klettere tatsächlich seit 45 Jahren, und zwar intensiv. Eine Schulter ist mir mal ausgekugelt, die ist dann wieder reingesprungen und macht mir inzwischen ernste Probleme, also beeinträchtigt mich schwer. Ich werde mittelfristig eine Prothese brauchen. Und ja – ich werde danach hoffentlich wieder klettern. Das ist aber eine persönliche Entscheidung. Die Bandbreite, wie das dann noch geht, ist da groß, jeder muss für sich beschließen, wann er eine Prothese braucht. Manche sagen, sie klettern lieber nur noch leicht und sind damit ohne OP zufrieden. Bei anderen ist der Leidensdruck so hoch, dass die Lebensqualität deutlich leidet und sie sich für eine OP entscheiden. Zu lange sollte man aber nicht warten, denn wenn die Abnutzung zu groß wird und in der Schulter kein Grundgerüst mehr da ist, wird es schwierig.
Danke für das Gespräch und alles Gute!
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