„Ich bin schwanger!“ – wie ungewohnt dieser Satz anfangs für mich klang und wie neugierig er mich machte! Ich hatte mich dafür entschieden, einen kleinen Menschen in mein Leben zu lassen, der den Takt meines Lebens mitbestimmen sollte. Und der mich unweigerlich auch als Kletterin beeinflussen würde.

Sarah S.6.monatGleich am Anfang der Schwangerschaft beschloss ich, alle Erwartungen an meine Leistung fallenzulassen und das Klettern „nur“ als Form der Bewegung zu sehe sowie als Möglichkeit, mit meinen Freunden Zeit zu verbringen. Ich kletterte im wahrsten Sinne des Wortes nach Bauchgefühl und freute mich über jeden Tag, den ich mit wachsender Kugel am Fels verbringen konnte.

Parallel dazu machte ich mich auf die Suche nach etwas objektiveren Informationen über das Klettern in der Schwangerschaft. Medizinisch und sportwissenschaftlich ist dieses Thema allerdings noch kaum erforscht, auch meine Gynäkologin und Hebamme hatten nicht wirklich Erfahrung mit kletternden Schwangeren (ich selbst habe ebenfalls kein medizinisches Fachwissen, daher sollte dieser Text auch nicht als medizinischer Ratgeber verstanden werden!). Dennoch haben die körperlichen Veränderungen in der Schwangerschaft natürlich direkten Einfluss auf das Klettern und andersrum. Dazu gehören die hormonelle Umstellung, die allmähliche Lockerung der Rumpf- und Beckenbodenmuskulatur sowie anderer Bindegewebsstrukturen, die Gewichtszunahme, der gesteigerte Sauerstoffbedarf und natürlich die große Empfindlichkeit von Plazenta und Gebärmutter bei jeglicher Art von Schockeinwirkung.

Ab der achten Schwangerschaftswoche fühlte ich mich hundeelend und es war sehr verlockend, nur noch auf dem Sofa zu liegen. Ich merkte jedoch schnell, dass Übelkeit und Müdigkeit nachließen, sobald ich mich bewegte. Ich nahm das Unwohlsein als Signal meines Körpers, dass er sich auf ein neues Leben einstellte, das gerade im ersten Trimester noch sehr verletzlich ist. Ich stieg auf Toprope-Klettern um und verzichtete auf das Bouldern (bis auf ganz wenige Ausnahmen, bei denen ich in der Halle direkt über der Matte hin- und herquerte). Diese Entscheidung traf ich ganz individuell, andere kletternde Mamas in spe bouldern oder steigen deutlich länger vor. Wie auch immer man sich entscheidet, man sollte sich wohl und sicher fühlen und sich nicht von anderen beeinflussen lassen.

Ich tauschte meinen Gurt mit einem tief sitzenden Hüftgurt, Sarah S.7.monatda mein Bauch von Anfang an sehr berührungsempfindlich war. Diesen Gurt trug ich bis zu Beginn des achten Monats, erst ganz am Ende stieg ich auf einen Komplettgurt um. Ungefähr ab dem sechsten Monat sicherte ich keine Vorstiege mehr.

Ab der 14. Woche waren Übelkeit und Müdigkeit komplett verschwunden und ich hatte meine alte Energie wieder. In senkrechten bis leicht überhängen Touren merkte ich noch kaum einen Unterschied zu meiner Prä-Schwangerschafts-Kletterleistung. Steileres Gelände mied ich zunehmend, um die Bauchmuskulatur so wenig wie möglich zu belasten, und stellte instinktiv auf einen recht statischen Kletterstil um. Dies war eine schöne Gelegenheit, die fränkische Felsvielfalt neu zu entdecken und ich entwickelte mich zur Expertin für technische, plattige Touren ohne Längenzüge.

Wie vor der Schwangerschaft auch, war ich 2-4 Mal pro Woche am Fels. Aufgrund der unmittelbaren Konfrontation mit meinem wachsenden Bauch hatte sich das Klettern ganz selbstverständlich zu (m)einer Methode entwickelt, mich mit der immer näher rückenden Herausforderung Geburt vertraut zu machen und mir die nötige physische und mentale Zuversicht zu geben. Wenn man es gewohnt ist, viel Sport zu treiben und es keine medizinischen Einwände oder Komplikationen gibt, besteht kein Grund, sein Leben komplett zu ändern, nur weil man schwanger ist –solange man gut auf seinen Körper hört und sich nicht unter Druck setzt. Happy Mum, happy Baby!

Ich hatte viel Glück mit meiner Schwangerschaft. Ich konnte mich mit Ausnahme von einer kurzen Pause im fünften Monat uneingeschränkt bewegen, neben dem Klettern war ich oft Mountainbiken oder Rennradfahren und machte regelmäßig Yoga. Zwar spürte ich schon recht früh – ca. ab der 22. Woche – ab und zu unregelmäßige Kontraktionen, hatte mir jedoch von meiner Ärztin deren Unbedenklichkeit versichern lassen(auch hier gilt: jede Schwangere sollte dringend Rücksprache mit Gynäkologin oder Hebamme halten, wenn Unsicherheiten auftauchen). So kletterte ich bis in die 33. Woche mit einem am Ende sehr stattlichenBauch, insgesamt nahm ich gut 11 Kilo zu. Als ich dann merkte, dass sich Muskulatur und Bindegewebe im Becken zunehmend lockerten, beschloss ich, das Klettern einstweilen ruhen zu lassen.

Sarah S. 9.monatEmil kam am 19. Januar auf die Welt. Eine Geburt ist wohl nie ganz „leicht“, diese verlief jedoch normal und ich konnte schon kurz danach unter Anleitung meiner Hebamme mit sanften Rückbildungsübungen zur Stärkung des Beckenbodens beginnen (auch wenn ich von gut gemeinten Ratschlägen nicht viel halte, wäre mein einziger an alle frisch gebackenen Mamas, die Rückbildung ernst zu nehmen, gerade dann, wenn man wieder Sport treiben möchte). Knapp vier Wochen nach der Entbindung war ich das erste Mal wieder in der Halle und hatte sehr viel Spaß dabei, an den größten Henkeln in geneigtem Gelände ein paar Züge zu machen. Ich zwang mich, nicht zu schnell wieder zu viel zu wollen, um Beckenboden und Bauchmuskulatur zu schonen. Ich kletterte maximal zwei Mal pro Woche, kletterte  nicht steiler als senkrecht, sprang nicht ab und machte keine dynamischen Züge.

Emil war von Anfang an bei (fast) jeder Klettereinheit dabei. Bei seinem ersten Roadtrip nach Fontainebleau war er acht Wochen alt. Für mich hätten Zeitpunkt und Location nicht besser sein können, um langsam wieder fit zu werden.

Nach dieser Woche spürte ich, dass meinKörper wieder stabiler war und ich steigerte meine wöchentlichen Klettereinheiten auf drei bis vier Mal. Die Körperspannung kam zurück und ich merkte bei leichten, statischen Hängeübungen am Griffbrett, dass auch Bänder und Sehnen gut mitmachten. Kurz danach konnte ich meine erste 8a nach der Geburt durchsteigen. Langsam packte mich auch wieder die Lust am Projektieren, was ich während der Schwangerschaft komplett aufgegeben hatte. Das Probieren an meinem Limit gehört für mich zum Klettern dazu, ich liebe es, Routen und Boulder auszutüfteln und eine passende Lösung zu finden. Mit der Boulder-Traverse „Limbonic Art“ (7C+/8A) hatte ich ein schönes Projekt gefunden. Es handelt sich dabei um 60 abwechslungsreiche Züge, von denen die erste Hälfte recht anspruchsvoll ist und eine gute Mischung aus Kraftausdauer und Körperspannung verlangt. Ich hatte Limbonic Art schon vor der Schwangerschaft sporadisch probiert, allerdings nie mit der nötigen Konsequenz und ohne Erfolg. Nach vier Tagen konnte ich die Traverse schließlich durchsteigen und davon beflügelt kurz darauf noch zwei 8b-Touren klettern.

Mit gut einem halben Jahr ist Emil in seinem Babysitzsardinien-monat4danach in zwischen unter einigen Felsen Europas geschaukelt. Die kurzen Routen im Frankenjura kommen uns besonders entgegen, da wir nicht lange in der Wand sind und sich Emil diese Zeit meist gut alleine vertreiben kann. Immer ist er natürlich nicht mit der Zuschauerrolle einverstanden, manchmal fordert er etwas mehr Entertainment und die Klettereinheiten fallen weniger intensiv aus als gewünscht. Meist jedoch kommen wir alle auf unsere Kosten, vor allem dann, wenn wir mit Freunden unterwegs sind. Wie sehr sich die Zeit am Fels ändern wird, wenn Emil krabbelnd und laufend die Welt entdecken möchte, wird sich zeigen. Trial and Error – ich bin sehr zuversichtlich, dass wir weiterhin einen guten Weg für alle finden!

 

P.S.: Ein großer Dank für ihren Rückhalt und ihre Unterstützung geht an meine Sponsoren Marmot, Scarpa, Black Diamond und Sterling Rope.

 

Fotolegende:

  1.  Sechster Monat – Klettern im Frankenjura
  2.  Siebter Monat – leichtes Queren in der Halle
  3.  Neunter Monat – Maximalumfang kurz vor der Geburt
  4.  „Hobbit“ / Misja Pec (7c), April 2015, Foto: Ricarda Miller / Titelfoto
  5.  Schaukel mit Aussicht: Sardinien-Roadtrip, Mai 2015

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