Viele Mythen und Geschichten ranken sich um den Petit Clocher du Portalet. Von Yosemite-Feeling ist da die Rede, von einer garstig kalten Nordwand, an welcher man nur klettern kann, wenn das Quecksilber im Tal über 30 Grad steigt. Auch von schauerlich schönen Offwidth-Klettereien (also Schulterkaminen) liest man und von Touren mit klangvollen Namen wie „ Ave Caesar – Die totgeweihten grüßen Dich“ oder „État de Choc“; was so viel heißt wie „Schockzustand“. Wir wollten es wissen!

 

Standortbestimmung

Der Granitmonolith des Petit Clocher du Portalet steht auf Schweizer Boden, gehört jedoch zum Mont Blanc Massiv und wird von Champex-Lac mit der Bahn und zweieinhalb Stunden  Fußmarsch oder von Praz de Fort zu Fuß erreicht (3h). Diese Felspyramide stellt ein kleines Wunder dar: während von Wänden ringsum in lautem Getöse Felssturz um Felssturz Richtung Tal abgehen steht sie ruhig und unbewegt da; messerscharfe Kanten und Risse durchziehen den rotgrauen, 300 Meter hohen Clocher. Beim Anblick der dunklen Nordwand läuft einem ein kühler Schauer über den Rücken und es verwundert nicht, dass diese Nordseite nicht vor 1965 erstbegangen wurde (während 1897 bereits der Westgrat geklettert werden konnte)!

 

Das Spiel beginnt

Je nach Temperatur und persönlichen Vorlieben stehen hier verschiedene Routen zur Auswahl. Ein absolutes Muss ist die Route von Claude und Yves Remy: „État de Choc“. Sie folgt den Rissen und Kamine am linken Rand der Nordwand, die logischste und eindrücklichste Linie am Fels. Am Beginn der Route befinden sich ein großer roter Punkt sowie ein Bohrhaken. Die ersten zwei Seillängen (je 2 Bohrhaken) führen über Risse und Wandstellen auf ein Schotterband. Dann folgt eine kurze 6c+ Stelle auf einen Balkon, auf dem das Spiel beginnt. Faustrisse, Kamine und Körpernahe Risse saugen einen bisweilen ganz hinein und verlangen ungewohnten Körpereinsatz −und große Cams! Es wird geschoben, gedrückt, mit den Füßen gestrampelt und schließlich folgt das unvermeidliche: der Helm muss ausgezogen werden, da der Schlitz zu schmal für die schützende Schale ist! Was für ein herrlicher Kampf um jeden Zentimeter Höhe. Am Standplatz fühlt man sich durchgekaut, ausgespuckt und um eine Erfahrung reicher. Vier Seillängen dieses Charakters sind zu klettern bevor eine technische 6b+ und leichte Schrofen zum Gipfel führen, von dem man nun Auge in Auge mit der Cabana d’Orny steht. Beim Abseilen über die Route „Ave Caesar“ macht unser Risskletterherz Luftsprünge: feine Finger- und Handrisse Seillänge für Seillänge! Der Entschluss für den nächsten Tag ward gefasst – doch unser Tatendrang wurde abrupt vom Regen und einer Bakterieninfektion gestoppt: das Gletscherwasser in unseren Trinkflaschen war anscheinend von den Abwässern der nahen Hütten verunreinigt und so schleppen wir uns ins Tal. Einige Kohletabletten und Klopapierrollen später klettern wir „Ave Caesar“: von Totgeweihten jedoch keine Spur, die Risse lassen sich tiptop absichern. Lediglich die 7c der sechsten Seillänge verlangt einen scharfen 10 Meter Runout zum nächsten Standplatz. In der siebten Seillänge lernen wir wieder eine neue Rissklettertechnik: den Ringlock. Der Riss ist zu groß, um Fingerklemmer unter zu bringen und zu eng für einen Handklemmer. Also formt man einen Ring aus Zeigefinger und Daumen wobei die Zeigefingerspitze auf dem Daumennagel liegt. Vorsichtig hinein in den Riss, verdrehen, Zähne zusammenbeißen und voilà: es klemmt! Am Ende der Seillänge geht es dann über vier Bohrhaken und schwere Züge zum Standplatz der État de Choc- ins bekannte Gelände!

 

Auf nach Süden

Noch ein Tag Schönwetter lockt uns an die Südwand um „Le Chic, le Cheque et…le choc“ zu klettern: ebenfalls eine Kreation der Gebrüder Remy. Risse und Platten wechseln sich in meist 45 Meter langen Seillängen ab, die Sonne brennt uns auf die Kletterschuhe. Doch dann: ein aufziehendes Gewitter kurz vor dem Gipfel zwingt uns zum Abseilen. Es zieht vorbei, die Sonne lachte uns aus aber wir kontern mit einem genussvollen Bad im Bergsee unterhalb der Cabane d‘Orny.

 

Fazit

Der Petit Clocher du Portalet ist ein Genuss an Risskletterei und eine mehrtägige Kletterreise wert. Vergleichbare Risse wie in seiner Nordwand findet man in Europa sonst nirgends! Wenn im Tal heiße Temperaturen herrschen und man routiniert mit zwei Sätzen Cams umgehen kann sollte man dieses Erlebnis nicht verpassen. Es gibt zwar nur etwa 15 Routen, diese sind jedoch allesamt erste Sahne. Steinschlag und andere Seilschaften begegnet man hier äußerst selten!

 

 

Infos

Anreise:

Von Martigny Richtung Italien (Großer St. Bernhard) und in Orsières bergauf nach Champex-Lac. Champex-Lac erreicht man auch über Valettes, die Straße ist aber unangenehm steil, eng und kurvenreich.

Zustieg:

Los geht’s am kostenfreien Parkplatz des Sessellifts„La Breya“ (19 CHF Berg/Talfahrt). Trinkwasser und Toiletten sind vorhanden. Achtung: die Bahn fährt nur bei schönem Wetter von 8-17 Uhr. Von der Gipfelstation (2188m) geht es Richtung Cabane d‘Orny (2826m, SAC). Nach etwa zwei Stunden Fußmarsch sieht man linkerhand den Petit Clocher und steigt nach Süden zum Gletscher d’Orny ab. Den Gletscher quert man weit unten oder man watet barfuß durch den Gletscherbach darunter. Über Moränenkämme und vier kleine Täler entlang von Steinmännern und Markierungen (rote Punkte) erreicht man in 45 Minuten die Nordwand. Zur Ost-und Südwand führt ein Pfad teils mit Seilen gesichert entlang der Felsen.

Beste Jahreszeit:

Hochsommer für die Nordwand, Frühsommer bis Herbst für die Ost-und Südwand.

Unterkunft:

Wer ein Dach über dem Kopf mag sei die urige Cabane d’Orny empfohlen, die neben 86 Schlafplätzen, zwei Gebirgsseen und zahllosen nahegelegenen leichten Sport- und Rissklettereien auch ordnerweise Topo- und Führermaterial zu bieten hat (teilweise spannende Originalzeichnungen der Erstbegeher!). 75 CHF muss man für die Halbpension berappen. Zeltmöglichkeiten bieten sich jenseits des Gletschers auf der Moräne. Beim Zelten unbedingt an Wasserfilter und Wasserentkeimer denken, da die Hütten (Orny und Turiner) ihre Kloake in den Gletscher leiten.

Ausrüstung:

50 Meter Halbseile, Helm, einfacher Satz Keile, doppelter Satz Cams (unbedingt auch die großen!), 10 Expresschlingen. Der Gletscher ist im Sommer komplett aper und kann ohne Steigeisen begangen werden.

 

Die Routen auf den Petit Clocher du Portalet:

Nord

  •       L‘Histoire sans fin 7c+, eine Seillänge, Material: viele Schlaghaken vorhanden, kleine Keile und Cams
  •       État de Choc 7b Variante oder 7a, 6c obl. Material: 1×7 1×8 DMM Dragon Cam, Doppelter Satz DMM Dragon Cam 00 (blau) bis 6 (grau), 10 Expresschlingen, 9 Seillängen
  •       Ave Caesar 7c, 6c obl. Material: Doppelter Satz DMM Dragon Cam 00 (blau) bis 5 (blau), dreifach 2 (grün) oder 1 (lila), 1×6 (grau), DMM Dragonfly Microcams 2-4, kleine Keile, 10 Expresschlingen, 4 Seillängen, dann in État der Choc
  •       Indirecte
  •       La guerre des nerfs 7b, 6c obl.
  •       La Darbellay 8a, einige Schlaghaken und Fixkeile vorhanden
  •       Les pique-niqueures
  •       Plaisier Immédiat 6c, 6b obl. 65 Bohrhaken belassen, 1 Satz Cams
  •       Voie de 1956 (Origianlroute)

Süd:

  •     Rendez-vous avec la lune 6c+/A0, 6b obl.
  •      Il a sonnè douze 7a+, 6c obl
  •      Orny soit oui mal y pense 6c+, 6b obl
  •      Le chic, le cheque et …le choc 6c, 6a+ obl., Material: 10 Expressschlingen, 1 Satz Dragon Cams bis Größe 6 (grau)
  •      La sud- est 6c, 6a obl.

Topo:

 

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