Katha Saurwein im Interview "Hochleistungssport findet nicht nur an der Kletterwand statt"
25. April 2026 in Stories
- Wettkampf
Über Katha Saurwein
Katha Saurwein wurde 1987 geboren und begann im Alter von acht Jahren mit dem Klettern. Mit zwölf Jahren trat sie der österreichischen Jugendnationalmannschaft bei, 2006 gewann sie die Jugend-Weltmeisterschaften im Leadklettern in Imst. Zwei Jahre später holte sie Gold beim IFSC-Boulderweltcup in Moskau und stand daraufhin mehrfach auf dem IFSC-Podium im Bouldern. Zwischen 2005 und 2017 dominierte sie außerdem zahlreiche österreichische Wettkämpfe. Neben ihrem Training und den Wettkämpfen hat Katha außerdem ein Masterstudium in Sportwissenschaft in Innsbruck und eine Trainerausbildung über die Bundessportakademie (BSPA) absolviert.
2018 beendete sie offiziell ihre Kletterkarriere in der österreichischen Nationalmannschaft und gehört seit 2019 zu deren Trainerstab.
Katha, wann hast du eigentlich gemerkt, dass du Trainerin werden möchtest?
"Ich habe bereits während meiner aktiven Karriere darüber nachgedacht, ob ich später als Trainerin arbeiten möchte. Dessen, dass ich dies wirklich machen möchte, war ich mir aber erst als meine Karriere dem Ende zuging, sicher. Es war mir wichtig, dass ich dem Verband etwas zurückgeben kann – genauso wie ich meine Leidenschaft fürs Klettern und meine Erfahrungen an die nächste Generation weitergeben möchte."
Wie kam es dann zur Zusammenarbeit mit dem österreichischen Verband?
"In den letzten Jahren meiner aktiven Karriere habe ich gemeinsam mit dem Kletterverband Österreich (KVÖ) und weiteren ambitionierten Kletter*innen das Paraclimbing in Österreich aufgebaut. Heiko Wilhelm, Sportdirektor des KVÖ, hat mich nach 2018, meinem letzten internationalen Wettkampf, gefragt: "Kannst du dir auch vorstellen, zusätzlich zum Paraclimbing die Koordination des österreichischen Nachwuchs-Nationalteams zu übernehmen?". Konnte ich. In den darauffolgenden Jahren habe ich die Athlet:innen des Jugendnationalteams auf Wettkämpfen und Trainingslagern betreut und die Koordination im Nachwuchs übernommen. Als sich meine Vorgänger beim Erwachsenen-Nationalteam vom Verband getrennt haben, bekam ich die Chance, auch bei der Elite mitzuwirken."
Vermisst du die Arbeit mit dem Nachwuchskader?
"Ja ich vermisse die Arbeit mit der Jugend. Ich habe die Nachwuchsathlet:innen sehr gerne betreut und konnte viel von ihnen lernen. Mein Ziel war es immer, die Athlet*innen so gut wie möglich bei dem Erreichen ihrer Ziele zu unterstützen.
Ich hoffe, dass ich ihre Leidenschaft für den Sport ausbauen konnte, dass ich sie bei den Bewerben und Trainingslagern unterstützen, bestärken und motivieren konnte und dass sie in sämtlichen Bereichen des Sports etwas von mir lernen konnten und sie dies in ihrer Karriere weiterbringt."
Du betreust heute als Trainerin der Elite Lead und Boulder eine ziemlich diverse Gruppe aus Athlet*innen. Wie schwierig ist es da allen individuell gerecht zu werden?
"Ein Team zu trainieren ist immer eine große Herausforderung. Die Athlet:innen sind Einzelsportler – im Wettkampf zählt nur ihre eigene Leistung. Trotzdem trainieren und reisen wir als Team. Dabei haben alle Mitglieder unterschiedliche Charaktere und Bedürfnisse. Allen gerecht zu werden, ist aus meiner Sicht die größte Herausforderung als Trainerin."
Kannst du ein Beispiel für die verschiedenen Bedürfnisse geben?
"Wir haben Athlet:innen im Team, die erst 16 Jahre alt sind und welche über 30. Da sind also Menschen dabei, die teils noch sehr wenig Erfahrung mit professionellem Training haben und noch viel lernen können. Parallel dazu haben wir sehr erfahrene Athlet:innen, die sich schon ein optimales Umfeld aufgebaut haben und selbst genau wissen, was sie brauchen, um erfolgreich sein zu können.Dass die Gruppe meist zeitgleich und teils auch zusammen am selben Standort trainiert, birgt manchmal natürlich Spannungspotenzial. Vor allem aber bietet es extrem viele Chancen, voneinander zu profitieren und zu lernen und sich im Training zu ergänzen. Jede:n dabei gezielt zu unterstützen, ist nicht immer leicht, aber ich versuche täglich mein Bestes zu geben."
Was sind deine wichtigsten Aufgaben im österreichischen Nationalteam?
"Seit der Entscheidung für getrennte olympische Medaillen in den Einzeldisziplinen (Speed, Lead, Boulder) in Los Angeles 2028 haben wir auch in unserem Training die Sparten Lead und Boulder zunehmend mehr getrennt. Das bedeutet auch, dass wir unsere Rollen im Trainerteam adaptieren mussten. Fabian Leu ist hauptverantworlich für Lead, Jon Redshaw hilft in beiden Disziplinen mit und ich bin seit letztem Jahr vermehrt für die Boulder-Athlet:innen des Erwachsenen-Nationalkaders zuständig, begleite aber auch den Nationalkader Elite Lead.Meine Aufgaben umfassen unter anderem die Trainingsplanung und die Betreuung von täglichen Trainings, Trainingslagern oder internationalen Bewerben. Ich bin neben den Betreuungen bei Maßnahmen und Bewerben auch so mehrmals die Woche beim Athlet*innen-Training im Bundesleistungszentrum in Innsbruck dabei. Das finde ich sehr wichtig, um sie besser kennenzulernen und bestmöglich unterstützen zu können. Zudem kümmere ich mich im Trainerteam gemeinsam mit Fabian und Jon um zahlreiche organisatorische Themen."
Was siehst du als deine wichtigsten Aufgaben als Trainerin?
"Ich sehe es zum Beispiel auch als meine Aufgabe, die Athlet:innen bei einer hoffentlich langjährigen Wettkampfkarriere zu begleiten und das Training so zu gestalten, dass sie die Liebe zum Klettersport nie verlieren. Dass man als Trainer*in bei jedem einzelnen Training dabei sein muss, glaube ich nicht. Stattdessen sollte man als Trainerin Athlet*innen zu selbstständigen Persönlichkeiten und Sportler*innen heranzuziehen und ihnen auch den Raum geben alleine zu trainieren. Das Mittelmaß ist meiner Meinung nach das Mittel zum Erfolg: sie so zu fördern, herauszufordern, unterstützen und zu begleiten, dass sie das Maximum aus sich herausholen können."
Wie förderst und motivierst du die Athlet*innen, die du betreust?
"Als Trainer:in sollte man meiner Meinung nach die Athlet:innen nicht motivieren müssen, weil sie schon extrem intrinsisch motiviert sind. Natürlich kann es im Jahr einzelne Trainings oder kurze Phasen im Leben geben, in denen jemand mit der Motivation zu kämpfen hat. Das darf es geben und als Trainer*in gilt es zu entscheiden, ob die Person das gerade braucht oder ob man versucht, durch verschiedene Strategien die Motivation wieder zu wecken. Aus meinem Trainingsalltag kann ich aber sagen, dass ich Athlet:innen wesentlich öfter beim Training bremsen muss, als sie zu motivieren. Ohne diesen inneren Antrieb hätten sie es vermutlich nicht bis ins Nationalteam geschafft."
Für die, die es noch reinschaffen wollen: Wie läuft der Aufnahmeprozess beim österreichischen Nationalteam ab?
"Der Aufnahmeprozess besteht aus verschiedenen Säulen, wobei sowohl formale, ergebnisorientierte und leistungsorientierte Faktoren eine Rolle spielen. Der Nominierungsprozess für das Nationalteam durchläuft verschiedene Instanzen."
Ks.com: Sämtliche Kriterien für die Aufnahme in das österreichische Nationalteam können auf der Homepage des KVÖ (Kletterverband Österreich) eingesehen werden: www.austriaclimbing.com
Die World Climbing-Saison beginnt im Mai 2026. Wie bereitet sich das österreichische Team derzeit darauf vor?
"Bevor die internationale Saison im Mai startet, finden die österreichischen Staatsmeisterschaften im Bouldern und Lead statt, die einen Teil der Vorauswahl für die Entsendungen ausmachen. Ebenso findet in beiden Disziplinen eine Selektion mit internationaler Beteiligung in Innsbruck statt, die ebenfalls einen Teil der Selektion für den Weltcup ausmacht. Außerdem planen wir in beiden Disziplinen Trainingslager im Ausland und regelmäßige Simulationen in Innsbruck, um einen Austausch zwischen internationalen Athlet*innen zu fördern, Vergleichsmöglichkeiten zu schaffen und die Vorbereitung auf die ersten internationalen Bewerbe zu optimieren."
Wie sehen solche Trainingslager konkret aus?
"Unsere Trainingslager finden über das Jahr verteilt statt und unterscheiden sich in ihrer Länge, der Anzahl der Athlet:innen und ihrer Zielsetzung. Besonders am Herzen liegt mir das jährliche Fels-Trainingslager, auch wenn es für die Wettkampfergebnisse nicht unbedingt relevant ist und keinen direkten Einfluss auf die Saison hat. Klettern findet eben nicht nur am Plastik statt, sondern auch am Fels."
Wie viel "Felskontakt" haben die jungen Athlet*innen heute noch?
"Die Zeiten verändern sich auf jeden Fall. Heute fangen viele Nachwuchstalente in der Halle mit dem Klettern an, um dann ausschließlich auf Kunstwänden zu trainieren und an Wettkämpfen teilzunehmen – ohne je Kontakt mit dem Felsen gehabt zu haben. Ich bin davon überzeugt, dass Athlet:innen den Felsen nicht brauchen um erfolgreich zu sein, aber ich bin auch davon überzeugt, dass Athlet:innen vom Felsklettern profitieren: Es kann dabei helfen, physisch fitter zu werden und Motivation zu gewinnen. Felsklettern bietet nach der Wettkampfkarriere außerdem die Möglichkeit, das Klettern weiterhin zu genießen oder sich neue Herausforderungen zu suchen. Gemeinsam mit den Athlet:innen am Fels unterwegs zu sein – egal bei welchen Bedingungen –, zu sehen, wie sie sich gegenseitig unterstützen und pushen, wie sie abends gemeinsam kochen und Spiele spielen, stärkt den Zusammenhalt im Team, gibt extrem viel Motivation und macht einfach Spaß."
Stichwort Kochen: Berätst du als Trainerin auch zum Thema Ernährung?
Ich habe einiges an Erfahrung im Klettersport, aber als Trainer:in muss man auch wissen, wo die eigenen Grenzen liegen. Nicht umsonst machen Ernährungsberater*innen langjährige Ausbildungen und haben viel mehr Wissen und Erfahrung als ich. Meine Aufgabe als Trainerin ist es nicht, mich überall auszukennen und Athlet:innen in allen Bereichen beraten zu können.
Meine Aufgabe ist es, ein Netzwerk aus Ärztinnen, Physiotherapeuten, Ernährungsberaterinnen, Sportpsychologen, Konditionstrainerinnen usw. aufzubauen. Ich kenne also die richtigen Ansprechpersonen und verweise die Athlet*innen dann an diese. So kommen sie zu der bestmöglichen Beratung und Betreuung in allen Bereichen.
Auch 2026 wird der Weltcup-Zeitplan wieder straff. Wie schaffen es die Athlet*innen zwischen den verschiedenen Stationen, besonders bei Langstreckenflügen, ausreichend zu regenerieren?
"Neben Ernährung, sind Freizeit und Schlaf einer der wichtigsten Faktoren, was die Regeneration angeht. Jetlags sind ein großes Thema bei den Überseebewerben und beeinflussen leider oft die Wettkampfleistung. Die Athlet:innen reagieren sehr unterschiedlich auf die Zeitverschiebung nach langen Flügen. Manche fühlen sich sehr träge, bei anderen gerät auch der Essensrhythmus aus der Bahn. Wir vom Verband versuchen dem entgegenzuwirken, in dem wir die Akklimatisation bei der Anreise berücksichtigen. Idealerweise haben die Athlet:innen vor Ort ein bis mehrere Trainings, um sich auf die neue Zeitzone einzustellen und für den Bewerb vorzubereiten. Ebenso schulen wir die Athlet:innen in möglichen Methoden, wie man dem Jetlag entgegenwirken und dessen Symptome vermindern kann. Wichtig dabei ist, dass jede:r seinen eigenen Umgang damit findet."
Was rätst du deinen Athlet*innen, um langfristig erfolgreich zu sein?
"Athlet:innen können noch so talentiert sein, wenn sie nicht bereit sind hart an sich zu arbeiten, werden sie nicht langfristig erfolgreich sein. Es gilt also fleißig zu trainieren, immer versuchen das Optimum herauszuholen und dabei nicht zu vergessen, zwischendurch auch zu regenerieren. Hochleistungssport findet nicht nur an der Kletterwand statt, sondern beeinflusst den gesamten Lebensstil: eine gesunde und zielgerichtete Ernährung, Ausgleichssport, regenerative Maßnahmen, Klettertraining, Krafttraining... all das und noch viel mehr gilt es zu beachten."
Wenn du zurückschaust: Was war ein unvergesslicher Moment in der Wettkampfsaison 2025?
"Es gab 2025 zu viele Momente, um einen einzigen hervorzuheben. Ich erinnere mich an die Höhen und Tiefen im Training und bei der Vorbereitung auf die Saison mit Athlet*innen genauso wie an die Rückschläge und Rekordleistungen bei den Bewerben, die man gemeinsam erlebt hat – oder das viele gemeinsame Reisen. Es waren so viele schöne Momente dabei, die mir noch lange im Kopf bleiben werden."
Vier kurze Fragen:
Welche Teesorte trinkst du am liebsten?
"Chai und Rooibos sind meine absoluten Favoriten."
Wie trinkst du deinen Kaffee?
"Ich bin nicht sicher, ob man es als Kaffes bezeichnen kann - immer koffeinfrei und mit viiiiiel Hafermilch."
Welche Art von Büchern liest du?
Am liebsten lese ich Bücher, welche auf wahren Begebenheiten beruhen.
Welches Essen aus anderen Ländern magst du?
Am liebsten mag ich Italienisch, das könnte ich einfach immer essen. Aber ich finde auch die griechischen Vorspeisen toll, die thailändischen Currys und mittlerweile sogar Vegetarisches Sushi.
Vielen Dank für das Interview, Katha.
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