Exodia (9A+): Elias Iagnemma im Interview zum möglichen ersten 9A+ Boulder der Welt
Als Elias lagnemma Anfang November seine Erstbegehung der Boulderlinie Exodia öffentlich machte, war klar: Hier ist möglicherweise Historisches im Gange. Denn der italienische Profi-Kletterer schlug keinen geringeren Schwierigkeitsgrad als eine bisher von niemandem je gekletterte 9A+ für das Boulderproblem im Val Pellice (Piemont) vor.
Eine neue Dimension? Wie immer, wenn Grenzen ausgelotet und verschoben werden ist die neugier groß und viele Fragen kommen auf. Nachdem die frischen Durchstiegsemotionen sich setzen konnten und der Gratulationsstrom nun etwas ruhiger fließt, hat Elias sich die Zeit genommen, einige davon zu beantworten.
Elias, hättest du dir jemals vorstellen können, mehrere Jahre an einer einzelnen Line zu arbeiten? Hat Exodia verändert, wie du über Langzeit-Projekte denkst?

Mir war bewusst, dass Exodia ein langer und schwieriger Prozess werden würde, aber nicht in diesem Ausmaß.
Was mich vor allem motiviert hat, war die Nähe zu meinem Zuhause. Wäre Exodia irgendwo anders auf der Welt gewesen, hätte ich es unmöglich schaffen können. Ich hätte niemals so viel Zeit und Energie investieren können.
Ich habe viereinhalb Jahre daran gearbeitet, insgesamt waren es 211 Sessions. Keines meiner anderen Langzeitprojekte hat jemals mehr als 35 Trainingseinheiten in Anspruch genommen.
Nach einer vierjährigen Reise mit 211 Sessions – wie geht es nun weiter? Brauchst du eine Pause oder hast du bereits ein neues großes Projekt im Sinn?
Jetzt werde ich mir etwas Zeit nehmen, um zu trainieren und eine Reise nach Fontainebleau zu genießen, mit dem Ziel, so viele Klassiker wie möglich zu klettern und mich wieder auf die pure Freude am Klettern zu besinnen. Und dann werde ich mir auf jeden Fall ‘Soudain Seoul’ ansehen.
Nimm uns mit zurück zu deinen ersten Sessions. Was ist dir davon in Erinnerung geblieben? Wie lange hat es gedauert die Bewegungen zu verstehen? Wann hattest du zum ersten Mal das Gefühl tatsächlich Fortschritte zu machen? Was war dein Prozess? Wann wurde dir klar, dass Exodia nicht nur möglich war, sondern etwas, das du eines Tages tatsächlich finishen könntest?
In den ersten Sessions hatte ich sogar Schwierigkeiten, die Griffe zu identifizieren. Das Dach ist voller Formen, die fast identisch aussehen.
Ich habe lange gebraucht, um die richtige Abfolge zu finden, besonders in der zweiten Hälfte des Boulders. Die erste Hälfte ist aber ebenfalls knifflig, mit vielen möglichen Lösungen – alle schwierig – und ich musste jeden Zug an meine Stärken anpassen.
Der erste echte Wendepunkt kam 2023, als ich endlich den zweiten Teil in einem Durchgang vom „Bat Rest“ aus kletterte. In diesem Moment dachte ich: Okay, ich kann das schaffen. Anschließend habe ich noch einmal zwei Jahre gebraucht, um alles zu verbinden.
Als ich es schließlich schaffte, hatte ich ironischerweise aufgehört an den Erfolg zu denken. Ich hatte bereits akzeptiert, dass die Saison vorbei war, und war in Gedanken bereits mit der nächsten beschäftigt. Am 11. November hatte ich zufällig Zeit, war in der besten Form meines Lebens und die Bedingungen waren ideal. Mein Körper wusste alles, mein Verstand hörte auf dazwischenzufunken. Der Rest … nun, ihr wisst, wie es ausgegangen ist.
Wie würdest du den Gesamt-Style von Exodia beschreiben? Was macht diesen Boulder einzigartig oder herausfordernder im Vergleich zu anderen Lines, die du geklettert bist?
Das Hauptmerkmal ist der fast vollständige Mangel an Grip auf dem Gestein Serpentinit – das ist einzigartig. Der Stil ist unglaublich vielfältig und umfasst fast alle Arten von Bewegungen, die beim Outdoor-Klettern vorkommen: Kompressionen, Crimps, Sloper, Pinches, Toe Hooks, Heel Hooks … Ich könnte endlos weiter aufzählen.
Exodia vereint die besten Bewegungen des Outdoor-Kletterns in einem einzigen Boulder.
Diese Schönheit ist einer der Gründe, warum ich all die Jahre durchgehalten habe – jede Bewegung ist etwas Besonderes und unglaublich befriedigend auszuführen.
Wie fühlt es sich an, eine Bewertung vorzuschlagen, die noch niemand zuvor abgegeben hat?
Was soll ich sagen – ich bin mit mir im Reinen. Natürlich denke ich oft über die Bewertung nach, die ich Exodia gegeben habe, aber meine Überzeugung bleibt unverändert.
Ich verstehe und akzeptiere alle Kritikpunkte rund um diese Bewertung, aber sie beeinflussen meine Entscheidung nicht. Ich habe keine Angst vor Kritik – sie ist lediglich eine zusätzliche Motivation für zukünftige Projekte.
Hat die Geschichte früherer Neubewertungen – wie etwa ‘Burden of Dreams’ oder ‘Alphane’ – dein Mindset beeinflusst?
Nein. Ich habe diese Begehungen mit Bewunderung verfolgt und fand sie motivierend. Beispiele von Kletter:innen, die ihre eigenen Grenzen überschritten haben. Das hat mich sicherlich inspiriert, meine eigenen Grenzen zu überschreiten.

Wie interpretierst du persönlich den Unterschied zwischen 9A und 9A+? Sind es die Bewegungen, die Länge, der Stil, die Komplexität oder etwas anderes?
Das ist schwer zu sagen, es ist sehr subjektiv. Aber mir ist eine Sache aufgefallen: viele aktuelle 9A-Boulder haben in der Regel einen 8B-Abschnitt und einen 8C-Abschnitt – manchmal nach Bewegungen, manchmal nach Sequenzen unterteilt. Exodia hat einen 8B+-Abschnitt und einen 8C+-Abschnitt.
Es musste noch etwas mehr sein. Dieses „Etwas“ ist meiner Meinung nach der vorgeschlagene Schwierigkeitsgrad – obwohl nur die Zeit und zukünftige Wiederholungen dies bestätigen können.
Über Big Slamm hast du gesagt, dass die äußeren Bedingungen von entscheidender Bedeutung waren. War das bei Exodia ähnlich oder sind die Bedingungen hier nicht so wechselhaft?
Auch hier spielen die Bedingungen eine zentrale Rolle. Nicht wegen der Schwierigkeit an sich, sondern um den richtigen Tag zu finden. Oben gibt es eine Wiese und Wasser sickert in die Griffe, insbesondere in die letzten Pinches, die nach starken Regenfällen tagelang nass bleiben. Insgesamt herrschen jedoch oft gute Bedingungen, besonders während regenärmerer Perioden.
Der Boulder befindet sich darüber hinaus auf etwa 1500 Metern Höhe, und ich konnte ihn etwa sechs Monate im Jahr versuchen: drei Monate von Frühjahr bis zur Mitte des Sommers und drei Monate im Herbst.

War Christian Core, der Entdecker der Linie ein Kletterer, zu dem du aufgeblickt hast? Und hat das Wissen, dass er diese Line versucht, aber nicht erfolgreich abschließen konnte, das Problem einschüchternder oder aufregender gemacht? Oder beides gleichzeitig?
Seit meiner Kindheit bewunderte ich Christian für seine legendären Durchstiege, aber auch für seine Persönlichkeit. Zu wissen, dass er das Projekt nicht erfolgreich abschließen konnte, machte mir Angst. Aber gleichzeitig gab mir der Gedanke, dass der Boulder direkt vor mir lag, in Reichweite, ein Gefühl von Zuhause. Ich war in meiner Komfortzone, in meiner Ecke dieser Welt.
Exodia hat seinen Namen von einer mächtigen Figur aus Yu-Gi-Oh!. Worin besteht die Verbindung zwischen dem Spiel und diesem Boulder?
Ich habe mich für den Namen Exodia kommt entschieden, weil er das mächtigste Monster in Yu-Gi-Oh! ist, das in fünf Teile zerlegt wurde, weil es zu mächtig war und eingesperrt werden musste. Um es zu beschwören, muss man alle fünf Teile sammeln, dann gewinnt man sofort. Auf dem Boulder befindet sich auf dem letzten Teil eine Zeichnung, die Exodias Gesicht ähnelt. Das war die verbotene Sektion, der schwierigste Part. Die Farben der Karte ähneln ebenfalls der Karte.
Und dann gibt es noch die „fünf Teile“, die man braucht, um erfolgreich zu sein: die beiden extremen Abschnitte, den mentalen Aspekt, den physischen Aspekt und die äußeren Bedingungen. Bei all diesen Ähnlichkeiten – welchen anderen Namen hätte ich wählen können?
Wie wichtig sind für dich Erzählungen, Bedeutungen oder persönliche Mythen beim Klettern? Motiviert dich die Geschichte hinter einem Projekt?
Auf jeden Fall. Ich bin ein sehr emotionaler Mensch und lege großen Wert auf die Geschichte des Kletterns. Wenn ich mich für ein Projekt entscheide, dann nicht wegen seiner Schwierigkeit, sondern aufgrund dessen, was es repräsentiert und welche Emotionen es in mir auslöst, wegen der Schönheit der Linie und der Natur um das Projekt herum.
Ich liebe es, ganze Tage im Freien zu verbringen – das ist es, was ich an diesem Sport am meisten liebe und was mir das Gefühl gibt, lebendig und frei zu sein.
Wenn zukünftig Kletterer Exodia wiederholen, was hoffst du werden sie dabei empfinden?
Ich würde mich freuen, wenn Kletter:innen es ausprobieren und ich hoffe, dass sie Exodia wiederholen, damit sie die Emotionen erleben können, die man empfindet, wenn man diesem Block erklimmt.
Natürlich wird es für niemanden leicht sein, genau das zu empfinden, was ich empfunden habe – die Verbindung und die lange Geschichte dahinter gehören nur mir – aber ich bin mir sicher, dass der Boulder auch zukünftigen Kletter:innen unglaubliche Emotionen bescheren wird.
