„Eine Übung vor dem Einstieg und das Projekt wurde abgehakt“ -Atmung beim Klettern: Teil 2

Die Atmung gewinnt in der Kletterszene immer mehr Aufmerksamkeit, sagt Mic Brenzinger. Die 42-jährige Fränkin ist eine bekannte Kletterin, sie ist aber auch Yogalehrerin – und hat eine Atemtrainingsausbildung gemacht. Mit dem Thema Atmung hat sie sich zwar schon gleich zu Beginn ihrer Yogakarriere befasst, so richtig intensiv dann aber erst während ihrer zweiten Ausbildung – das war vor etwa vier Jahren. „Die war sehr atemlastig, danach war ich angefixt“, sagt Mic.

Inzwischen gehört die bewusste Atmung zu ihrem Leben dazu. „Bei meinem Yogaunterricht, egal ob online oder in Präsenz, machen wir beispielsweise immer Atemübungen.“ Aber auch im Alltag, wenn sie schlecht schlafe. Oder wenn sie ein schweres Kletterprojekt hat: „Es gibt spezielle Atemtechniken, die helfen, dass ich mich besser konzentrieren kann, ich bin dann vor der Crux auch nicht mehr so nervös.“ Durch bestimmte Atemübungen werde die CO2-Toleranz erhöht, „und dann kannst du besser performen.“ Sie hatte nach ihrer zweiten Ausbildung einen Aha-Moment: Nach drei Monaten ohne Klettern oder spezifisches Training war ihr Kletterniveau durch Atemübungen gleichgeblieben. „Das war schon krass.“

Yoga-Atemübungen

Yoga-Atemübungen werden Pranayama genannt. Diese Atemübungen und -techniken wurden entwickelt, um die Lebenskraft oder Energie (Prana) im Körper zu kontrollieren (Yama) und zu erweitern. Pranayama ist aber nicht nur eine Übung für den Körper, es soll Körper, Geist und Seele verbinden. Pranayama heißt wörtlich die „Kontrolle der Lebensenergie“. Ziel ist, den Atemfluss durch eine bewusste Atmung zu kontrollieren. Auch bei Einschlafproblemen oder Schlafstörungen gibt es verschiedene Übungen, beispielsweise die 4-7-8 Atemtechnik: Bei dieser wird durch die Nase eingeatmet und bis vier gezählt, dann die Luft sieben Sekunden angehalten – und anschließend durch den geöffneten Mund tief und geräuschvoll ausgeatmet (dabei bis acht zählen). 

Viele Menschen hätten verlernt, richtig zu atmen, die allermeisten würden durch den Mund atmen, sagt Mic. „Das lernen wir schon in unserer Kindheit.“ Optimal aber wäre die Nasen- und Zwerchfellatmung. Sie mache inzwischen zu 99 Prozent die 24-Stunden-Nasenatmung, „alleine das bringt mir schon enorm viel.“ Das könne sich aber jeder antrainieren, beispielsweise wenn man beim Ausräumen der Spülmaschine oder beim Zustieg zum Fels nur durch die Nase ein- und ausatmet. Nach ein paar Wochen habe sich das dann automatisiert.

Richtige Atmung hilft, sich mit sich selbst zu verbinden

Für Kletterer seien gezielte Atemübungen ein schönes Training ohne großen Aufwand. „Ein Training, von dem man aber viel profitiert.“ Sich das aber autodidaktisch beizubringen, sei keine gute Idee, sagt Mic. Was für einen Kletterer wie Alex Megos sinnvoll ist, ist nicht automatisch für jeden geeignet: „Das ist individuell sehr unterschiedlich, jeder Mensch ist anders, jeder hat ja beispielsweise ein anderes Nervensystem. Lieber erst einmal einen Experten kontaktieren“, sagt Mic.

Für sie sei die bewusste Atmung ein Gamechanger gewesen. „Es hat mein Leben definitiv positiv verändert. Das Tolle ist, dass man relativ einfach viel regulieren kann.“ Früher sei sie ein sehr nervöser Mensch gewesen, heute sei das ganz anders. Richtige Atmung hilft dabei, sich mit sich selbst zu verbinden, sagt Mic. Und beim Klettern besser zu performen. Auch von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ihrer Kurse und Workshops bekomme sie oft ein positives Feedback, viele schreiben ihr, dass es viel gebracht hat. „Eine Übung vor dem Einstieg und das Projekt wurde abgehakt“, sagt Mic und lacht. 

Mit der jeweilig richtigen Atemtechnik könne man sich beruhigen, pushen, fokussieren – und seine Leistung massiv steigern. „Die allermeisten Menschen atmen im Alltag zu schnell und zu flach“, erklärt Mic. „In meinen Workshops schaue ich mir genau an, wie jeder Teilnehmer atmet und mit welchen Übungen er sich vor einem Go beruhigt, mehr Flow und Energie an die Wand bringt und sich schneller erholen kann.“

Nächster Workshop mit Mic ist am 29. November in der Frankenjura Academy: Link

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