Drei mal Drei Zinnen Marathon light

Zwei Tagen zuvor haben Florian Storkenmaier und Hermann Böttcher die drei Zinnen über drei Kanten – an einem Tag -bestiegen. Eigentlich wollten die beiden schon einen Tag früher mit den drei klassischem Nordwänden nachlegen. Allerdings bot der stürmische Wind, der beim Weckerklingeln am Bus rüttelte, die perfekte Ausrede für einen Ruhetag. Nachmittags haben sie dann zwei Liter Wasser, etwas Brot mit Käse und zwei Bananen am Einstieg der kleinen Zinne deponiert. Am nächsten Tag klingelt der Wecker um 4:00 Uhr und nach einem kleinen Frühstück marschierten Flo und Hermann die Scharte zwischen Großer und Kleiner Zinne hinauf, welche sie nordseitig wieder abstiegen und einen weiteren Liter Wasser am Einstieg der Comici-Dimai deponierten. Nach dem Durchsteigen der Cassin auf die Westliche Zinne wollten sie hier wieder absteigen, die Comici-Dimai auf die Große Zinne klettern und abschließend, nach der verdienten Pause an ihrem Depot, über die Innerkofler-Führe den Gipfel der Kleinen Zinne erreichen. So ihr Plan.

„Den Einstieg der Cassin bis zur Querung kennen wir bereits von unserer letzten Aktion an den Zinnen vor zwei Tagen. Flo führt zügig und übergibt am Einstieg der 8er-Längen an mich. Die erste klettere ich noch entspannt durch, das Dranhängen der zweiten Seillänge endet dann allerdings mit einem bösen Kaltpump und nachfolgendem Griff in die überall baumelnden Schlingen für mich. Wir beschließen an dieser Stelle, dass wir diesmal nicht alles frei klettern müssen. Weiter geht es also mit einigen Zügen an Schlingen in die fotogene Querung. Hier wackelt wirklich alles – Haken, Griffe, Tritte… Wir sind an mancher Stelle froh, einfach an den Sicherungspunkten ziehen zu können und nicht nach einem der gerüchteweise existierenden festen Griffe suchen zu müssen. Nach der Wasserfallquerung folgt dann leichteres Ausstiegsgelände, über welches wir zügig das Ringband erreichen. Heute wollen wir nicht jedes Mal die Ausstiegsschrofen zum Gipfel klettern. Die Routen selbst sollen reichen. Im Abstieg überlegen wir, ob wir nicht doch einfach noch je eine Kante zusätzlich zu allen Nordwänden klettern sollten, wie es Simon Gietl und Nicolas Hojac getan hatten. Nach kurzer Überlegung ist es beschlossen. Sechs Touren sollen es werden. Auf die Gipfel wollen wir aber nach wie vor verzichten – auf denen standen wir ja vor zwei Tagen schon. Während wir den Normalweg suchen, um nicht wieder südseitig der Zinnen den Wandfuß zu erreichen, rufe ich einen Freund an und bitte um ein Topo der Demuthkante. Unterwegs fragen wir noch bei zwei Bergführern nach, ob die Tour bis zum Ringband oder bis zum Gipfel gehe. „Bis zum Ringband“, ist die Antwort. Die beiden Kundinnen der Bergführer sind etwas schockiert, dass wir uns bereits telefonierend im Abstieg befinden…

Alsbald erreichen wir den Einstieg der Demuthkante. Ich steige am laufenden Seil vor, erfreut von der geringen Anzahl von fixen Sicherungen. So brauche ich nur wenig Material und mein Vorstieg kann umso länger werden. In der vierten Seillänge beginne ich das Überholmanöver von vier italienischen Seilschaften. Diese wirken etwas skeptisch ob unserer Sicherung und sind wenig erfreut uns über sich im losen Dolomit zu wissen. Bevor sie sich wehren können, sind wir allerdings auch schon wieder weg. Nach einem kurzen Verhauer zwei Seillängen geradeaus nach oben bringt mich Flo mit einem Ruf von unten wieder auf die richtige Spur. Ich quere 100 Meter in Richtung der Nordwand und lande so vor dem kleinen gelben Dach, welches die Schlüsselstelle der Tour darstellt. Hier ist Flo dann endlich an der Reihe.

Den kurzen Aufschwung bezwingt er meisterlich und anschließend erreichen wir in wenig spektakulärer Kletterei zügig das Ringband. Flo hat das Seil schon weggepackt, als ich ums Eck wieder zurückkomme und berichte, dass ich kein Interesse habe auf diesem Ringband zum Abstieg zu queren. Der ausgetretene Weg endet bei einem Biwak vor einer steilen Schotterhalde. Auch Florians Vorschlag mit Siemens-Lufthaken zu sichern, lehne ich dankend ab. Ein paar Flucher später sind wir wieder angeseilt in Richtung Gipfel unterwegs und steigen wenig später ein zweites Mal von der Westlichen Zinne ab. Unser Abstecher auf den Gipfel resultiert in einer zweiten Begegnung mit den beiden Bergführern, die wir vor nicht einmal zwei Stunden nach der Tour gefragt hatten und die sich immer noch im Aufstieg über den Normalweg befinden. Während die Bergführer die Situation humorvoll mit einem Spruch quittieren, können die beiden Kundinnen nicht begreifen, dass wir ihnen schon wieder im Abstieg begegnen. Für Plausch haben wir leider keine Zeit, schließlich haben wir erst ein Drittel unserer Tagesration Klettern geschafft, und so widmen wir unsere Aufmerksamkeit ganz dem Abklettererlebnis in „wandelbarem Fels“, wie es der Führer so schön ausdrückt.

Am Einstieg der Comici-Dimai an der Großen Zinne können wir dann endlich etwas trinken. Der Wind, der uns die letzten zwei Tage geplagt und außerdem dazu bewogen hatte auch heute wieder mit zwei Hosen, gefütterter Softshell und zusätzlich einer Daune am Gurt loszuziehen, ist heute verschwunden. Eigentlich herrscht T-Shirt-Wetter. Ich merke gleich, dass der Liter Wasser für uns beide viel zu wenig ist. Ändern kann ich es aber nicht, insofern begnüge ich mich mit etwas Maulen über unsere, wie stets, grandiose Verpflegungsplanung. Weiter geht‘s. Während Flo in den anspruchsvolleren Längen begeistert einen Schlaghaken nach dem anderen zur Fortbewegung nutzt, kann ich mich noch nicht so ganz vom Freiklettergedanken lösen. Irgendwie fühlt es sich komisch an statt dem speckigen gelben Fels auf einmal Schlingen zu greifen. Ich klinge bei jeder Bewegung wie ein Pfandflaschensammler, da ich die leere Trinkflasche im Fleece verstaut habe.

Flos Sorge, dass ich im Nachstieg die halbe Tour abgebaut habe, kann ich mit einem Klopfer auf die eigene Brust im Keim ersticken. Irgendwo in den letzten schwereren Seillängen überwinde ich mich dann doch noch dazu, einfach mal von Haken zu Haken zu hangeln, was von Flo mit laut gejubeltem Lob belohnt wird: „Da wird ja doch noch ein echter Alpinist aus dir!“ Vom Ringband steigen wir diesmal an den Fuß der Kleinen Zinne ab, wo unsere letzten zwei Liter Wasser und ein Snack auf uns warten. Einen Liter gönnen wir uns. Den zweiten soll es erst zwei Touren später geben. Da wir hier noch öfter vorbeikommen werden, lassen wir außerdem Daunenjacken, Hosen und ich meine Kletterschuhe zurück. Dann geht es weiter.

Die Innerkofler-Führe bringt uns mit zwei schnellen Vorstiegen seitens Flo rasch zum Gipfelkreuz der Kleinen Zinne. Unsere Rechnung geht auf, wir sollten die Dibona-Kante auf die Große Zinne noch im Tageslicht schaffen. Schnell seilen wir die Abseilpiste hinunter ins Kar zwischen Großer und Kleiner Zinne, stolpern elegant das Schneefeld hinab und beginnen den Aufstieg. Wie schon vor zwei Tagen bewältigten wir die Tour in einer einzigen langen Seillänge, nur dass wir diesmal am Ringband rausqueren. Im Abstieg versinkt die Welt im Dunkeln. Während dichter Nebel aufsteigt, bedienen wir uns, wieder am Fuß der Kleinen Zinne angelangt, unseres letzten Liters Wasser und der übriggebliebenen Banane.

Jetzt wieder mit Kletterschuhen bewaffnet wird mir die Ehre zuteil, die Einstiegverschneidung der Gelben Kante vorzusteigen. Mir kommt es vor, als wäre ich noch nie zuvor hier gewesen. einen strengen Ruf von unten wieder in die Verschneidung zurückverwiesen.

War die wirklich so lang…? Beim dritten Mal schnauze ich die offenkundige Frage zurück: „Warum steige ich eigentlich vor, wenn du weißt, wo es lang geht?“ Die Antwort kommt schnell und ist einfach: „Weil du die schweren und beschissenen Längen kletterst und ich die leichten und schönen!“. Tatsächlich ist der gelbe Fels weniger unangenehm zu klettern als beim ersten Mal. Schließlich stellen sich ja (wie gelernte Schreiner oder auch theoretische Physiker wissen) durch die Feuchtigkeit in der Luft die Gesteinsfasern auf. Bis zur oberen Verschneidung führt dann Flo wieder durch eigentlich leichtes Gelände. Im dichten Nebel kann ich ihn allerdings trotz Stirnlampen über mir nicht erkennen und stehe irgendwann in einer brüchigen senkrechten Wand. Wenig zuvor hatte Flo gerufen, dass er die Spocs vergessen hätte und ich deshalb bitte vorsichtig klettern möge. Weiterklettern scheint mir dementsprechend keine gute Idee zu sein, also brülle ich die Frage nach oben, ob ich denn nun links oder rechts lang klettern müsse. Der Nebel verschluckt meine Worte so stark, dass Florian nichts verstehen kann. Einige Male brüllen wir hoch und runter bis Flo endlich versteht, wo ich gerade bin. Er legt den Rückwärtsgang ein und so kann ich rechts um die steile Plattenflucht herum klettern.

Am nächsten Stand bin ich wieder dran. Mein letzter Vorstieg soll es sein für heute. Inzwischen ist meine Kehle schmerzhaft ausgetrocknet und meine Lippen aufgeplatzt. Wie der Mediziner weiß, leidet die Hirnkapazität rapide unter Dehydration. Während Flo mir von unten ansagt, wo es lang geht, klettere ich meinen eigenen Weg und schimpfe dabei über die wenigen Rostgurten, die ich dabei clippen darf, um dann auf dem nächsten Band wieder zurück in die Tour zu queren. Dank meiner extravaganten Linienführung habe ich so viel Seilzug, dass ich statt einen Spoc einzuhängen diesmal am Stand Flo nachhole und deshalb noch einmal an der Reihe bin. In der folgenden Verschneidung wundere ich mich wieder einmal, wie wackelnde Griffe jemals so poliert werden können, ohne unten auf der Geröllhalde zu landen. Dank ein bisschen gutem Zureden ertragen besagte Griffe heute auch mich noch und so erreiche ich nach einer luftigen Linksquerung endlich den ausgesetzten Stand an der Kante unter den Ausstiegslängen. Flo steigt in einer letzten Seillänge zum Gipfel aus, welchen wir um 24:00 Uhr glücklich und ich für meinen Teil, völlig ausgetrocknet, erreichen.

Nach einer letzten Abseilfahrt und dem obligatorischen Umweg zum Depot, um unsere Hosen und Jacken mitzunehmen, machen wir uns um Punkt 01:00 Uhr über die letzte Flasche Orange Soda im Auto her. Im Dunkel der Nacht können wir dann auch noch unseren Sieg über die Gravitation fotografisch festhalten. Der Dank gilt an dieser Stelle Lavazza für das Bereitstellen des Versuchsaufbaus.“

Fakten zum Drei mal Drei Zinnen Marathon light

6 Touren auf die Drei Zinnen. Start um 05:00 Uhr, zurück um 01:00 Uhr.

  1. Cassin (6+/ A0, 500m) Westliche Zinne Nordwand
  2. Demuthkante (6-, 600m) Westliche Zinne Nord-Ost-Kante
  3. Comici-Dimai (6/ A0, 500m) Große Zinne Nordwand
  4. Innerkofler-Führe (4+, 400m) Kleine Zinne Nordwand
  5. Dibonakante (4+, 600m) Große Zinne Nord-Ost-Kante
  6. Gelbe Kante (6-/ A0, 350m) Kleine Zinne