„Die Dichte ist brutal hoch“ – Interview mit Ingo Filzwieser

„Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“: Die Weltcupsaison 2025 ist gerade erst zu Ende gegangen, schon in ein paar Tagen fällt der Startschuss für die Weltmeisterschaften in Seoul. Zeit, um Ingo Filzwieser, DAV-Sportmanager und langjähriger früherer Bundestrainer, ein paar Fragen zu stellen:

Ingo, nach dem Weltcup in Salt Lake City sagtest du Ks.com in einem Interview, man hoffe für diese Saison auf einen Podestplatz. Die Hoffnung hat sich beim Bouldern und Lead nicht erfüllt, woran lags?

Die Dichte ist brutal hoch – beim Bouldern und Lead, gerade bei den Herren. Bei den Damen sind wir beim Lead relativ schwach aufgestellt und freuen uns auf den Nachwuchs – da gibt’s einige Talente im Jugendbereich. Die Weltcupsaison im Lead war so gesehen gut, vor allem mit den Ergebnissen von Yannick Flohé und Yannick Nagel. Auch Anna Apel, eigentlich eine Boulderexpertin, konnte beim Lead souverän ins Halbfinale klettern. Alex hat heuer nur zwei Weltcups mitgemacht und war dafür längere Zeit in Flatanger. Beim Bouldern dagegen waren in dieser Saison unsere Favoriten nicht dabei: Yannick Flohé konzentriert sich heuer auf Lead und Lucia Dörffel war verletzungsbedingt länger nicht am Start. Und beim Speed konnte Leander Carmanns erst nach dem Abitur in den Weltcupzirkus einsteigen. Dass er sich jetzt in Wujiang Bronze geholt ist, ist eine grandiose Leistung und perfekt so kurz vor der WM. Leander ist mit seinen Ergebnissen und seiner Bestzeit knapp unter fünf Sekunden gut am Weg für das Finale in Korea. 

In ein paar Tagen geht’s schon weiter, das Climbing Team Germany hat bei der WM ein sehr großes Team am Start – darunter auch einige unerfahrene Athletinnen und Athleten. Weshalb das?

Wir haben insgesamt 35 Athletinnen und Athleten in Seoul am Start. 18 Para-Athleten und 17 Athleten beim Bouldern, Lead und Speed. Alle diese Athleten haben die WM-Qualifikationskriterien erfüllt und sind deshalb in Südkorea dabei. Beim Bouldern sind es neun Athleten, vier Damen und fünf Herren. Beim Lead sind es vier, eine Dame und drei Herren und beim Speed vier Herren. Unsere 18 Para-Athleten sind sehr stark, sie haben bei jedem Weltcup mehrere Medaillen gewonnen. Das erhoffen wir uns auch bei der WM – die Vorbereitungen sind gut am Laufen. 

Ein Favorit für einen Podestplatz, Yannick Flohé, war beim Lead einige Male im Finale dabei, hat sich zuletzt aber eher auf den Fels konzentriert. Ist das aus Sicht des Sportmanagers eine optimale Vorbereitung für die WM? In Koper belegte er beim letzten Lead-Weltcup 2025 Platz 9.

Dass Yannick sein Projekt „Ratstaman Vibrations“ in Ceuse klettern konnte, war ihm sehr wichtig. Er konnte sich damit die zweite Begehung nach Alex holen. Die Vorbereitung am Fels ist nicht ideal, aber auch nicht schlecht.

Die Route ist mit 9b/+ sehr kräftig und ausdauernd. Nach der Begehung bleiben auch noch etwa drei Wochen bis zur WM, da kann sich Yannick noch gut auf Plastik umstellen. Mit seinem neunten Platz in Koper hat Yannick ja gezeigt, dass er ganz vorne mitklettert. 

Bei wem siehst du die größten Medaillenhoffnungen? 

Lucia Dörffel sehe ich schon als Favoritin, sie hatte zwar ein lange Verletzungspause, aber hat eine sehr lange Wettkampferfahrung. Sie war bei den Olympischen Spielen in Paris 2024 dabei, und zuletzt gab es einige Wettkampfsimulationen. Bei den Herren sind es Yannick beim Lead und Leander beim Speed. Und beim Paraclimbing haben Korbinian, Philipp, Laura, Luisa, Rosalie und Kevin gute Chancen auf das Podest, sie haben sich alle schon Medaillen beim Weltcup geholt.

Beim Speed hat sich beim Team Germany zuletzt viel getan, zumindest bei den Herren: Leander Carmanns, der deutsche Rekordhalter, hat sich beim letzten Speed-Weltcup Bronze geholt und war zuvor schon einige Male im Finale dabei. Und Aodhán Umlauf, Jugend-Weltmeister (U19), hatte bislang auch eine super Saison.

Leander und Aodhán sind gut am Gas und schnell! Auch Sebastian Lucke und das junge Talent Andrin Zedler drücken nach, da können wir uns in Seoul einiges erhoffen. Die Disziplin Speed entwickelt sich nach vor sehr schnell weiter. Bereits heuer bei den World Games in China gab es beim Speed vier parallele Bahnen und die neuen Disziplinen Staffel und Relay – beim Relay gibt es einen verzögerten Start. Schon nächstes Jahr wird das Format Relay im Weltcup dazukommen. Dadurch wird die Disziplin für die Zuschauer noch einmal spannender.

Die Paraclimber sind äußerst erfolgreich, werden in der Öffentlichkeit nach wie vor aber kaum wahrgenommen. Hast du dafür eine Erklärung?

Das sehe ich anders. Gerade in den letzten Jahren haben die Paraclimber immer mehr wachsende Aufmerksamkeit. Das freut uns sehr und das sehen wir auch an der Anzahl an Athletinnen und Athleten, die wir schon im Team haben und die immer neu dazukommen. In Korea sind wir mit 18 Athleten vertreten. Und heuer hatten wir in Augsburg die erste deutsche Meisterschaft im Paraclimbing mit bereits 65 Startern. 

Es gab einige Olympiateilnehmer, die sich in diesem Jahr eine Auszeit genommen haben. Janja Garnbret und Brooke Raboutou beispielsweise waren nur bei ausgewählten Weltcups am Start. Verbrennt das Wettkampfklettern die Spitzenathleten und -athletinnen so extrem?

Olympia über zwei Disziplinen wie in Paris mit Bouldern und Lead kostet viel Energie. Viele Olympiateilnehmer hatten heuer mit langwierigen Verletzungen zu kämpfen oder brauchten eine Wettkampfpause. Das heißt nicht, dass sie nicht fünf bis sieben Tage die Woche im Training waren.

Die Separierung aller drei Disziplinen bei den Olympischen Spielen in Los Angeles 2028 ist ein wichtiger Schritt für die Zukunft. Jetzt müssen aber noch die Teilnehmerzahlen angepasst werden. 12 Starter pro Geschlecht und Disziplin ist einfach viel zu wenig, die Qualifikation wird dadurch unglaublich schwierig werden.

Ingo, die Saison war sehr dicht, gerade beim Bouldern hatten die Athletinnen und Athleten zwischen den Wettbewerben kaum Pause. Seid ihr froh, wenn dann mit der WM die Saison endgültig zu Ende ist? 

Die heurige Saison war zu dicht. Drei bis vier Weltcups ohne Pause, Wochenende auf Wochenende. Das zehrt an den Kräften und erhöht auch unnötig die Verletzungsgefahr. Wir sind froh, dass mit dem Saisonhöhepunkt, den Weltmeisterschaften, auch die Weltcups zu Ende sind und die Athletinnen und Athleten einmal durchatmen können. Ausgenommen Paraclimbing: hier ist der letzte Weltcup erst im Oktober in Laval. Für die Saison 2026 sieht es momentan so aus, als würde die Saison im April in Asien mit Korea und China starten und im Oktober in Salt Lake und Chile ihren Abschluss finden. Da heißt es wieder gut zu taktieren und vernünftige Entscheidungen zu treffen, um unsere Athleten nicht über ihr Limit zu bringen.