Nachdem David Lama (26) und Conrad Anker (54) im November 2015 nur 300 Meter unterhalb des Gipfels des noch technisch sehr anspruchsvollen Lunag Ri (6907 Meter) umkehren mussten, starteten die beiden Ausnahme-Bergsteiger im Herbst 2016 erneut einen Versuch an einem der letzten unbestiegenen Gipfel des Himalaya. Bei ihrer ersten Expedition waren die Bedingungen für die anspruchsvolle Kletterei nicht gut genug: starker Wind, kaum Sicherungsmöglichkeiten und Temperaturen von -25C° zwangen die Alpinisten schweren Herzens zum Umkehren. Mammut hat David gefragt, wie es ihm und seinem Kletterpartner Conrad Anker bei ihrem letzten Versuch ergangen ist.

Wie war die Neuauflage der Lunag Ri Expedition mit Conrad Anker?

Zumal wir ja bereits letztes Jahr knapp gescheitert waren dachten wir, ziemlich genau zu wissen was auf uns zukommt. Jetzt wo ich wieder daheim bin kann ich sagen, dass das eine grobe Fehleinschätzung war. Nach einer problemlosen Akklimatisierungsphase stiegen Conrad und ich entlang der selben Linie wie im Vorjahr ein. Alles schien normal, bis Conrad auf ca. 6000 m im Nachstieg immer langsamer wurde und über Schmerzen in der Brust klagt.

War er höhenkrank?

Eine Höhenkrankheit konnten wir anhand der Symptome relativ schnell ausschliessen. Conrad wollte anfänglich durchbeissen und eine Nacht lang abwarten. Aber da die Schmerzen so gravierend waren, habe ich in Richtung Abstieg gedrängt. Auch als wir dann das Advanced Basecamp erreichten, ging es Conrad immer noch nicht besser, daher setzten wir den Notruf ab und ein Helikopter flog Conrad circa zwei Stunden später aus. In Kathmandu stellte sich heraus, dass er einen Herzinfarkt erlitten hatte, der operativ behandelt werden musste.

In einem Interview hat Conrad gesagt, dass du darauf gedrängt hast, dass er ausgeflogen wird und seinen Transport organisiert hast. Wie hast du dich da durchgesetzt? Immerhin ist er fast doppelt so alt und hat doch ein paar Expeditionen mehr auf dem Buckel (Everst ohne Sauerstoff etc.).

Schon als wir uns dazu entschieden hatten abzuseilen, habe ich vorgeschlagen einen Heli zu rufen, aber Conrad wollte noch abwarten, ob es ihm ein paar Hundert Meter tiefer besser gehen würde. Nachdem wir im Advanced Basecamp ankamen und sich sein Zustand nicht verbessert hatte, sondern eher schlechter wurde, habe ich ihn nicht mehr gefragt, sondern nur noch informiert, dass ich einen Hubschrauber anfordern werde.

«Ich war drei Tage in der Wand und bin bis auf ca 6700 geklettert, also noch ein Stück weiter als mit Conrad letztes Jahr.»


Du bist im Basecamp zurückgeblieben?

Conrad war in guten Händen. Bei seinem Abflug sagte er noch, dass er nicht mehr zum Lunag Ri zurückkehren wolle und liess mir somit die Option offen, es alleine zu versuchen.


Woraufhin du dich entschieden hast, im Alleingang einzusteigen?

Ja. Ich bin drei Tage später in der Nacht losgegangen und über eine direktere Linie eingestiegen, als bei unseren Versuchen zuvor.

Wie lange warst du in der Wand, wie ist es dir ergangen?

Ich war drei Tage in der Wand und bin bis auf ca 6700 geklettert, also noch ein Stück weiter als mit Conrad letztes Jahr. Dort waren meine Kraftreserven dann aber derartig erschöpft, dass ich mich konzentrieren musste klar zu denken. Da der Abstieg nochmals Einiges von mir abverlangte, entschied ich mich umzukehren.

Ärgert es dich erneut so knapp gescheitert zu sein?

Die Umstände waren dieses Jahr komplett anders. Ich war nur froh wieder heil unten zu sein.

«Die Kletterei durch kombiniertes Gelände ist durchwegs anspruchsvoll und nur der kleinste Fehler kann fatal enden.»

Kannst du uns das Gefühl in der Wand beschreiben? Was hört und sieht man da oben eigentlich?

Bis auf den Wind und gelegentlichen Steinschlag hört man dort oben eigentlich nichts, das ist mir dieses Jahr bei meinem Alleingang noch viel mehr bewusst geworden, als letztes Jahr mit Conrad, wo die Stille immer wieder durch Seilkommandos oder Ähnliches unterbrochen wurde. Zu sehen gäbe es viel, sei es die Berge Tibets auf der einen Seite oder die Berge der Everest Region auf der anderen. Aber vor allem wenn man alleine klettert ist man in einer eigenen Welt. Die Kletterei durch kombiniertes Gelände ist durchwegs anspruchsvoll und nur der kleinste Fehler kann fatal enden. Man ist daher so fokussiert, dass man das alles unterbewusst ausklammert und die Angst so gar nicht wirklich wahrnimmt, die Konzentration gilt nur den nächsten Metern.

 

Hast du nun mit dem Berg abgeschlossen oder würdest du nochmal – eventuell mit einem anderen Seilpartner – zum Lunag Ri zurückkehren?

Nächstes Jahr möchte ich zur SO-Kante der Annapurna III zurückkehren, die ich dieses Jahr im Frühjahr schon mit Hansjörg Auer und Alex Blümel versucht habe. Im Gegensatz zum letzten Jahr werden wir aber in der Nach-Monsunzeit, also im Herbst, nach Nepal fliegen und deshalb wird sich nächstes Jahr keine Reise zum Lunag Ri ausgehen. Der Berg ist grundsätzlich immer noch sehr reizvoll für mich, aber ob und wie ich das Projekt nochmal versuche, kann ich jetzt noch nicht sagen.

«Spätestens wenn man wieder erholt die Annehmlichkeiten des Alltags genossen hat, möchte man wieder raus auf ein Abenteuer.»

Viele Bergsteiger erzählen, dass sie beim Bergsteigen mit Angst sehr gut umgehen können, Extremsituationen souverän meistern können. Der Alltag zuhause fällt vielen dagegen manchmal schwer – man muss sich auch für banale Dinge motivieren, hat vielleicht keine neue Ziele. Fällst du nach Expeditionen, die dich sehr fordern manchmal auch in eine „Loch“?

Für mich trifft das auf jeden Fall nicht zu. Natürlich muss ich mich nach einer anstrengenden Expedition nicht sofort wieder mit dem exakt gleichen Thema beschäftigen, aber gerade das ist ja das reizvolle an Expeditionen. Man lebt ein komplett anderes Leben als Zuhause – alles dreht sich nur um den Berg. Die „banalen Dinge“ – die in gewisser Weise für den Komfort stehen – rücken in den Hintergrund und genau deshalb kann man sie daheim auch wieder richtig geniessen. Und spätestens wenn man wieder erholt die Annehmlichkeiten des Alltags genossen hat, möchte man wieder raus auf ein Abenteuer.

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