Siebe Vanhee – Solo-Erstbegehung der Voie Petit (8b – 450m)

Dem belgischen Bergsteiger Siebe Vanhee gelang am 24. und 25. Juni 2025 die Rope-Solo-Erstbegehung der Voie Petit (450 m, 8b). Der 33-Jährige kletterte die Route am Grand Capucin (3838 m) in der Mont-Blanc-Region in den französischen Alpen innerhalb von 1,5 Tagen.
Die Voie Petit wurde 1997 von der Seilschaft Arnaud Petit, Stephanie Bodet, Pascal Gaudin und Jean-Paul Petit erstbegangen und später (2005) von Alexander Huber befreit. Sie gilt als eine der anspruchsvollsten Felsklettereien in den Hochalpen.

Klettern im Rope-Solo ist in den letzten zwei Jahren eine kleine Nebenbeschäftigung von mir geworden. Ich liebe die logistische und taktische Herausforderung, Seilsysteme zu managen, mit dem Ziel, so frei und sicher wie möglich zu klettern, und zwar alleine.

Siebe beschreibt sich selbst als einen Kletterer und Menschen, der schon immer gerne seine Erfahrungen mit anderen teilt, gemeinsam Probleme an einer Wand löst und seine Energie teilt, um sich gegenseitig zu persönlichen Erfolgen anzuspornen. Doch in den letzten Jahren faszinierte ihn das
Klettern auf eigene Faust einfach immer wieder und die Herausforderung reizte ihn.

Das Vorstiegssolo in schweren Mehrseillängenrouten ist eine weitere Möglichkeit, mich selbst besser kennenzulernen und über das Klettern etwas über mich zu erfahren.

In den letzten Jahren hat der Belgier bereits mehrere schwere Mehrseillängen-Seilsoli geklettert, darunter Une Jolie Fleur dans un Peau de Vache (8b -300m), Take it or Leave it (8a -110m), El Pilar del Cantábrico (8a+-500m) und Dame Cookie (8a+-160m). Er räumt ein, nie konsequent an seinen LRS-Fähigkeiten gearbeitet zu haben, fühlte sich aber dennoch bereit für ein größeres Abenteuer.
Die Voie Petit (450m) ist eine der mythischen harten Mehrseillängenrouten in den Alpen und hat den Ruf, eine Herausforderung zu sein, sowohl wegen der konstant harten Kletterei als auch wegen der Höhenlage der Route.

Da ich das Abenteuer suchte und auch an meine Grenzen gehen wollte, hatte ich mir vorgenommen, die Voie Petit LRS an einem Tag zu klettern. Um für den Fall gewappnet zu sein, dass ich es nicht an einem Tag oder onsight schaffen sollte, hatte ich einen leichten Schlafsack, etwas zusätzliches Essen und einen Kocher mitgebracht, um den Schnee auf dem Felsvorsprung nach der 7. Man weiß ja nie!

Am Dienstag, den 24. Juli, verließ Siebe sein Zelt an der Combe Maudite, direkt unterhalb von Grand Capucin. Sehr schnell wurde ihm klar, dass dies eine ganz andere Herausforderung sein würde als die vielen Kalkstein-Mehrseillängen, die er zuvor im Rope-Solo begangen hatte.

Die Seillängen schlängelten sich über viele Dächer in allen Formen und Größen. Beim Klettern selbst ist das kein Problem. Allerdings wird es zu einem Problem, wenn es um das Abseilen, das Hochjumarn und das Schleppen eines Haulbags geht.

Die Schlüsselseillänge, Seillänge 5 (8b/8a+ oder 8a, je nachdem, mit wem man spricht), war komplexer als gedacht. Doch trotz eines schweren Sturzes, eines feststeckenden Seilendes, das ihn zu einem teilweisen Ab- und wieder Aufstieg zwang, trotz sengender Sonne, kochender Füße und ausgehendem Chalk kämpfte Siebe Vanhee sich durch.

Ich bin nicht dafür gemacht, in der Sonne zu klettern. Aber wer hätte gedacht, dass es auf 3500 m Höhe so heiß werden kann?

Er gönnte sich ein Nickerchen, das den angenehmen Nebeneffekt hatte, dass sich die Seillänge, als er aufwachte, im Schatten befand.

Allerdings war es nun beinahe 15 Uhr, und es sah nicht danach aus, als würde er die Route wie geplant an einem Tag bis zum Gipfel schaffen. Was folgte, war die alpine Berg- und Talfahrt der Gefühle. Vom Flowzustand über die Enttäuschung, in fast jeder Seillänge eine Niederlage erlitten zu haben, war alles dabei. Um 19 Uhr des ersten Tages kletterte er bis zu einem Felsvorsprung, um dort zu biwakieren.

Eine wunderbare Nacht mit etwas überreizter Schlaflosigkeit, die Sterne betrachtend und meine erste Nacht allein an einer Wand genießend.

Tags darauf änderte Siebe die Strategie und ließ es etwas langsamer angehen, um mehr Onsight-Chancen zu haben. Die Reise von Seillänge 10 zum Gipfel war dann einfach magisch: ein exponierter Grat (6b), gefolgt von weiterem Fels von hoher Qualität.

Am 25. Juni um 11 Uhr stand ich auf dem Gipfel und war stolz auf mein kleines Rope-Solo-Erlebnis.

  • Credits Text Hanna Rexer f. kletterszene.com
  • Credits Fotos Bernardo Gimenez/Julien Nadiras
  • Beitragsdatum 7. Juli 2025