Warum das Klettern nicht nur den Körper, sondern auch den Kopf fordert [Sasha DiGiulian im Interview]

Sasha DiGiulian erläutert im Interview, warum das Klettern nicht nur den Körper, sondern auch den Kopf fordert. Klettern verlangt Körperbewusstsein, Problemlösungen, Konzentration, Strategie und Planung. Die Informationen, die ein Kletterer bei der Analyse einer Wand gewinnt, haben sogar einen Namen: „Beta“. Profikletterer sagen, dass Klettern wie ein Schachspiel sein kann, bei dem die Wand den manchmal sehr schlauen Gegner darstellt.

Wissenschaftler haben bewiesen, dass das Lösen eines Puzzles gegen Gedächtnisverlust hilft und die Leistung des Gehirns fördert. Laut Erkenntnissen der Indiana University erreichen Kletterer, die sich völlig im Flow ihrer Aktivität verlieren, einen mentalen Zustand, der Euphorie auslösen und Schmerzen blockieren kann. Außerdem wurde aufgezeigt, dass Klettern der geistigen Gesundheit förderlich ist. Und während unser Alltag hektischer, schneller und anstrengender als je zuvor geworden ist, stellt sich die Frage, ob das Klettern das perfekte Gegenmittel zu diesem Druck des modernen Lebens ist.

Wenn du dir eine Wand / Route ansiehst – was siehst Du und wie bereitest Du dich mental darauf vor?

Wenn ich eine Wand hochschaue, sehe ich ein Problem, das ich lösen möchte. Das ist, als ob man einzelne Puzzleteile vor sich hätte und sie zusammenfügen würde. Das Klettern beansprucht Körper und Gehirn – mein Körper muss die Bewegungen beherrschen, aber mein Kopf muss herausfinden, welche Bewegungen oder Sequenzen ich überhaupt ausführen muss. Um eine optimale Leistung zu liefern, muss ich immer konzentriert bleiben und meine Gedanken unter Kontrolle haben.

 

Absolvierst Du mentales Training, um dich im Klettern weiter zu verbessern?

Ich übe die Visualisierung. Dabei geht es darum, sich bestimmte Sequenzen durch Training einzuprägen oder sie aufzuschreiben und sich dann vorzustellen, wie man sie durchführt. Wenn ich das Puzzle im Kopf gelöst habe, hilft mir das in der Wand. Dann muss ich die Bewegungen nur noch ausführen.

 

Was ratest Du Kletterneulingen im Hinblick auf die mentalen Aspekte des Sports?

Ich empfehle Kletteranfängern, häufig und mit einer hohen Frequenz zu klettern. Drei- bis viermal wöchentlich in die Kletterhalle oder an einen Felsen im Freien zu gehen, ist ein sehr guter Weg, um die Grundlagen für das Klettern zu schaffen. Dadurch lernt man sehr viel über Bewegungen, Technik, Körperhaltung und wie es sich ganz allgemein anfühlt, zu klettern.

 

Unser Leben ist hektischer, schneller und anstrengender als je zuvor. Ist Klettern das perfekte Gegenmittel gegen diesen Druck des modernen Alltags – und wenn ja, warum?

Klettern bringt mich in das Hier und Jetzt. Die Verbindung zwischen Kopf und Körper zwingt mich dazu, das Chaos des Lebens auszublenden und mich voll dem Ziel zu widmen, das vor mir liegt: dem Klettern. Das ist es, worin ich am besten bin. Ich mag diesen Aspekt wirklich gerne, besonders in der heutigen Welt, in der wir uns mit so einem hohen Tempo bewegen und so vielen Ablenkungen ausgesetzt sind. Man muss immer Millionen Dinge gleichzeitig tun. Klettern lässt das nicht zu. Es ist nur eine einzige Sache – und das ist eine angenehme Umgebung, auf die man sich konzentrieren muss. Außerdem bringt mich das Klettern hinaus ins Freie. Es ermöglicht mir, meine Umgebung und die Natur mehr zu schätzen.

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