Roger Schäli und Sean Villanueva klettern “La Vida es Silbar” (8a/ 900m) an einem Tag

Ich habe das Foto von Sean Villanueva am 23. Juli auf meinem iPhone gemacht. Er steht oben am Tschechenpfeiler am Eiger. Sean streckt seine Arme zum Himmel, kräftig und gespannt. Seine Augen leuchten zufrieden. Von diesem Moment träumte ich schon drei Sommer lang. Die erste Rotpunktbegehung an einem Tag von “La Vida es Silbar”. Eine lange Geschichte verbindet mich mit dieser Route.

Simon Anthamatten und ich kletterten diese wahnsinns Route das erste Mal im Sommer 2003. Simon und ich verbrachten fast den ganzen Sommer in der benachbarten Japaner Direttissima mit dem Ziel der ersten freien Begehung. Bis auf eine Seillänge gelang es uns auch. Während derselben Zeit waren Stephan Siegrist und Ueli Steck mit einem Rotpunkt der “La Vida es Silbar” beschäftigt, der ihnen auch innerhalb von zwei Tagen gelang.

Simon und ich biwakierten das erste Mal in einer Höhlennische, die den Namen Hotel Rote Fluh von den Erstbegehern erhalten hat. Am zweiten Tag erwischte uns ein Gewitter im Stand der 22. Seillänge von 26. Unser Notbiwak wurde schnell ungemütlich. Mehr in den Seilen hängend als liegend verbrachten wir den Sturm über Nacht ohne Essen und Trinken. Am nächsten Morgen waren die letzten vier Seillängen vom Hagel und Graupel grausig vereist und wir riskierten viel, um bei den weiten Hakenabständen aus der Wand zu Klettern. Als ich zurück auf der kleinen Scheidegg wieder mein Handy einschaltete, hatte ich 12 Anrufe in Abwesenheit von meinem Freund Stephan Siegrist, der sich in der vergangenen Nacht ernsthafte Sorgen um uns gemacht hatte. Dies auch nicht ohne Grund!

Die Route bekam in den folgenden Jahren selten Besuche von Wiederholern.  Doch trotz starken Seilschaften gelang es Niemandem, die Route nochmals rotpunkt zu Klettern. Ich konnte die Tour 2016 dank der großen Unterstützung von Mayan Smith Gobat innerhalb von drei Tagen rotpunkt klettern. Ich freute mich unglaublich über diesen Erfolg!

Mayan und ich träumten bereits damals von einer eintägigen Rotpunktbegehung. Und wir beide wussten, dass das der abholte Wahnsinn wäre. Am Anfang war es nur die Idee, wie großartig es wäre, die Route an einem Tag rotpunkt zu klettern. Dann nimmt die Magie einer Vision Form an. Nach einer Weile Ruhe merkst du dann, dass es möglich ist, wenn man es wirklich probiert. Ich liebe den Moment, in dem ein Samen gesetzt wird und dann das Notwendige bekommt, um zu wachsen.

Mein Traum und die Faszination mit der Route wurden so groß, dass ich im Sommer 2017 einen Versuch mit Tobias Sutter wagte. Leider hatten Tobi und ich kein Glück mit dem Wetter während der Zeit, die wir uns frei genommen hatten. Zudem stürzte Tobi an einem wettertechnisch suboptimalen Tag ins Seil.  Der Ausrutscher von Tobi und das etwas unsichere Wetter nahm uns den Wind aus den Segeln und wir seilten ab. Obwohl die klettertechnisch schwersten Seillängen bereits hinter uns lagen! Das tat ziemlich weh. Wir hofften nochmals auf ein gutes Wetterfenster zu bekommen. In diesem Sommer kam es nicht.

Ich habe es nochmal im Sommer 2018 mit Frédy Abächerli versucht. Wir lagen schon früh in unseren Schlafsäcken und ich schlief mit dem Gefühl ein, dass morgen ein großer Tag sein würde. Ich hatte alle Bewegungen im Kopf gespeichert. Doch dann wachte ich auf, als Regen auf mich tropfte. Ich dachte ich bin verrückt! Wir haben die letzten Tage auf den wetterstabilsten Tag in einem guten Wetterfenster gewartet. Wir hatten hundert Mal den Wetterbericht angesehen und einige Male die Wetterdienste angerufen. Sie waren sich alle einig, dass heute der beste Tag sein würde. Es kam aber anders. Eine Wolke hatte sich in der Nordwand des Eiger über Nacht ausgeregnet. Alles war viel zu nass, um in der Früh auch nur den Hauch einer Chance einer Eintagesbegehung zu haben.

Dieser Sommer wurde also zum dritten Sommer, an dem ich meine Energie auf „La Vida“ richtete. Am 18. Juli kletterte ich mich meinem Seilpartner Lucien Caviezel in den ersten schweren Seillängen der Route. Es fühlte sich wieder so schwer an! Ich musste auch feststellen, dass Teile der sechsten Seillänge ausgebrochen waren, was sie schwerer machte. Im Sommer vorher musste ich schon mit Schrecken feststellen, dass ein großer Steinschlag einen Bohrhaken zerstört hatte an einem Hängestand und einen zweiten teilweise zerstört hatte.

Tobias Sutter und ich richteten einen neuen Stand ein zu Beginn der nächsten Seillänge bei einem No-Hand Rest. Perfekt also! Die nächste Seillänge wurde um fünf Meter kürzer. Das machte die nächste, horizontal traversierende Seillänge ca. 15 Meter lang bis zu einem weiteren Hängestand. Es wurde es für mich zu einem logischen Ziel, dass ich die nächsten sehr steilen 30 Klettermeter in das Hotel Rote Fluh an einem Stück klettern wollte.

Am 23 Juli sollte das Wetter stabil sein. Ohne Zweifel. Ich konnte Sean Villanueva O’Driscoll ohne Mühe dazu motivieren, mit mir zu klettern. Wir konnten die Chance nutzen, uns auf eine im September geplante Expedition ins Himalaya Gebirge vorzubereiten.

Wieder einmal lag ich im Tschechen Biwak. In diesem Biwak habe in der Zwischenzeit sicher über 30 Nächte verbracht während ich die Japaner Direttissima, unsere eigene „Odyssee“, „Paciencia“ und „La Vida es Silbar“ geklettert habe. Wird morgen der große Tag sein? Leider konnte ich kaum schlafen da ich in meiner linke Schulter wieder Schmerzen hatte, trotz der Schmerzmittel. Ich kochte Wasser mit Sean im Dunkeln. Wir tranken Cappuccino und aßen das Nettle Curry von Lyo, das Sean mit entwickelt hatte. Mir ging es nicht gut und ich begann den Tag sehr nervös. Ich dachte darüber nach, dass dies der einzige Tag im Jahr sein könnte, an dem dieser Rotpunkt möglich sein würde. Zudem konnte ich wegen meiner Schulter nicht schlafen. Aber so läuft es eben manchmal und ich musste mein Bestes geben.

Wir kletterten die erste Seillänge noch im Dunkeln. Die erste 7a brachte dann das Tageslicht. Ich fragte Sean, ob ich die ersten und schweren Seillängen im Vorstieg klettern darf da ich mich so besser konzentrieren kann. Ich konnte Seillänge um Seillänge rotpunkt klettern, aber ich musste mich wirklich anstrengen. Sean stieg nach und er war sehr entspannt und in top Form. Ich rief ihm meine Beta zu wenn nötig und rief ihm motivierend zu. Er konnte die Schlüsselstelle in der 10. Seillänge gerade so klettern, ich schrie ihm die Bewegungsabläufe von oben noch rechtzeitig runter. Es war unglaublich! Wir konnte beide die physisch schwersten Passagen klettern. Wenn wir so weitermachten könnten wir eine Team-Rotpunktbegehung an einem Tag schaffen! Wir waren total motiviert und ich war mehr als glücklich über Seans Leistung am Berg. Fast mehr als über meine eigene.

Die 12. Seillänge ist relative leicht mit 6b+ aber sie ist sehr abenteuerlich mit losem Gestein und wenig Absicherung. Perfekt also für Sean. Er kletterte die Seillänge flüssig, flink und selbstbewusst. Doch dann kam die Schrecksekunde in der ihm ein Tritt wegbricht! Hätte Sean sich nicht an seinen Händen auffangen können, hätte unser Tag vermutlich mit Sean 20 Meter tiefer auf einem Schotterband geendet!

Wir kamen wieder gut voran, doch wir bemerkten langsam die Müdigkeit in unseren Armen und Beinen. Ab dem oberen Tschechen Biwak, das wir soeben erreichthatten, warteten noch vier schwere Seillängen auf uns. Sean übernahm den Vorstieg in den letzten vier Seillängen. So ergibt sich zwischen den Seillängen auch immer eine kleine, jedoch dringend nötige Pause! Sean kletterte stark durch die letzte schwere Seillänge, eine 7b Platte. Seine Bewegungen waren entspannt und flüssig.

Ich fing an zu klettern und mein Kopf sagte mir, dass dies die letzte Seillänge vor der Rotpunktbegehung an einem Tag sein könnte. Nur noch ein Stolperstein und ich hätte es geschafft! Was ist, wenn ich den Kopf verliere? Ich kletterte los, ziemlich angespannt. Der Anfang ist schwer und man muss auf seine Tritte achten. Ich rutsche aus, falle ins Seil. Der Druck in mir stieg. Die Chancen schienen gegen mich zu sein. Ich hatte diese Seillänge bereits mit Mayan rotpunkt geklettert. Aber jetzt drehte sich mein Kopf, ich hatte so viele Erwartungen. Ich wusste, ich musste diese Seillänge klettern, damit mein Traum in Erfüllung gehen würde. Ich wusste, es würde noch schwerer werden, wenn ich ein zweites Mal stürzen würde. Je mehr du glaubst, dass du es schaffen musst, desto schwerer wird es. Die Herausforderung ist, wieder den Flow zu finden. Ich kletterte los aber stockte wieder. Ich konnte einen abschüssigen Griff scheinbar nicht erreichen. Ich wollte dynamisch zu dem unteren von zwei Griffen springen als ich Sean schreien hörte: “ Nein Roger, der Untere ist zu schlecht!“ Also ging ich nochmal zurück, wechselte Tritte, und gab Alles. Ich drückte mich ab, vorwärts und nach oben, zum Besseren der beiden Griffe. Sean rief: “Boah das ist verrückt Alter!“ Es fühlte sich verrückt an, aber es hatte funktioniert. Ich war zurück im Flow. Ich kletterte die Seillänge fertig!

Die letzten sieben Seillängen sind einfacher, aber mental anstrengend da unsere Finger, Zehen und Arme einfach zu schmerzen. Es war ein Kampf, sich zu konzentrieren. Wir kamen am Standplatz 22 vorbei, wo ich die Nacht mit Simon Anthamatten im Notbiwak verbringen musste. Manchmal braucht es Jahre, bis man merkt, dass das Leiden tatsächlich Spaß gemacht hat.

Sean und ich umarmen uns auf dem Tschechen Pfeiler bevor es dunkel wurde. Wir haben es geschafft! Sean, der halb Ire und halb Belgier ist, war noch nie am Gipfel des Eiger. Deshalb nahmen wir noch die eineinhalb Stunden in kauf und liefen hoch zum Gipfel in der Dunkelheit. Ich erinnerte mich, wie weit der Weg eigentlich noch ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich bisher noch keine andere Seilschaft auf den Weg zum Gipfel gemacht hat nachdem sie am Tschechen Pfeiler ausgestiegen sind.

Unser Abenteuer war noch nicht ganz zu Ende. Wir seilten die Südwand runter. Ich wusste, dass Resu Leibungut von seiner Erstbegehung der Märmelibahn einen Schlafsack und Matte dort deponiert hatte. Sean und ich waren am Morgen um 2:00 Uhr so glücklich mit der Vorstellung, uns in der Mitte der Südwand in das Biwak legen zu dürfen und nicht frieren zu müssen. Doch wir fanden dort schon zwei Seilschaften, durch das gute Wetterfenster. Wir wollten sie nicht wecken. Ich wollte ihnen auch nicht „meinen“ Schlafsack wegnehmen. Also stand uns eine kalte Nacht bevor. Doch die Nacht fühlte sich ganz schön lang an mit meiner schmerzenden Schulter. Am nächsten Morgen spielte Sean jedoch auf seiner mitgebrachten Flöte und die Schmerzen waren vergessen. Es blieb die Erinnerung an meinen mit Abstand besten Freiklettertag am Eiger im mit Sicherheit besten Team! Und ich habe schon ein paar gute Referenzpunkte mit meinen ersten beiden Eintagesbegehungen von “Magic Mushroom” mit Raphael Vogel und der “Ghilini-Piola Direttissima” mit Robert Jasper!

Zum Glück war die Flöte die ganze Zeit mit dabei. Unsere Tasche mit der Kreditkarte, Bergführerausweis und Seans Mobiltelefon hatten nicht so viel Glück. Wir seilten uns vorsichtig die restlichen 400 Meter in der Südwand ab. Ein riesen großer Traum von mir ging in Erfüllung. Danke Sean und allen, die mich auf diesem langen Weg mit Geduld, Motivation und Verständnis unterstützt haben.

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