Patagonien | Siebe Vanhee und Tommy Caldwell klettern die South African Route an einem Tag

Eine Granitwand, die für Nässe, Eis und brutale Winde berüchtigt ist. Eine Route, die seit Jahrzehnten als alpinistischer Maßstab gilt, und mit Siebe Vanhee und Tommy Caldwell zwei Alpinisten, die sich nicht mit dem Üblichen zufriedengeben wollten: Das sind die Zutaten für eine Expedition mit Seltenheitswert. Am 13. Februar gelang den beiden eine der raren Begehungen an der Ostwand des Central Tower im Nationalpark Torres del Paine: Dabei kletterten sie, nach drei intensiven Versuchen innerhalb von drei Wochen, die South African Route als erste Seilschaft an einem Tag frei.

Der Startschuss fiel um 3:20 Uhr morgens, der Gipfel wurde exakt 24 Stunden später erreicht.

Es fühlt sich immer noch surreal an. Erst ganz oben war klar: Wir haben es wirklich geschafft.

so Siebe Vanhee Rückblickend

Eine Route mit Geschichte

Siebe Vanhee und Tommy Caldwell klettern die South African Route 

Die South African Route (7c / 30 Sl.) ist eine 1200 Meter hohe markante Linie, die sich durch die Ostwand des Central Tower zieht. Sie wurde erstmals 1973/74 geklettert, von einem südafrikanischen Team, das dabei keine Bohrhaken verwendete und den Schwierigkeitsgrad A4/5.10 dafür vorschlug. Die erste freie Begehung gelang 2009 Sean Villanueva, Nico Favresse und Ben Ditto, die dafür 13 Tage am Stück in der Wand hingen. Seither wurde die Route nur ein weiteres Mal frei geklettert – bis jetzt.

Der nun realisierte One-Day-Ascent ist also erst die dritte freie Begehung überhaupt – und die erste in einem durchgehenden Push.

Patagonien ist nicht Yosemite

Auf dem Papier mag die Route im Grad 7c nicht gerade als die große Herausforderung erscheinen: Ungefähr so hoch wie der El Capitan und leichter als die berühmte und oft wiederholte Route Freerider (7c+ / 30 Sl.). In der Realität ist Patagonien mit seinen häufigen und extremen Wetterumschwüngen, ständigem Wind, vereisten Rissen und nassen Kletterpassagen eher eine Lotterie.

Manchmal ist der Fels unten trocken, oben aber voller Eis – oder genau umgekehrt.

so Siebe rückblickend

Der Anspruch eines Ein-Tages-Versuchs verschärft alles: kein Portaledge, keine Fixseile, kein Rückzug in die Komfortzone. Wer mit diesem Vorhaben einsteigt, muss 30 Seillängen durchziehen.

Schlüsselstellen und Entscheidungen

Siebe Vanhee und Tommy Caldwell klettern die South African Route 

Nach einem etwas verhaltenen Start und einem überraschenden Sturz von Tommy in der 14. Seillänge wurden die beiden etwas nervös, kletterten die Länge jedoch beide im nächsten Versuch frei. Viel Spielraum hatten sie nicht, um in einer Seillänge zu stürzen und es erneut zu versuchen. Ihr Hauptziel war es, dass sie beide jede Seillänge frei klettern, und dazu mussten sie zügig unterwegs sein.

Schließlich kamen sie an den Stand der einschüchterndsten und zeitaufwändigsten Seillänge an: dem 60 Meter langen Offwidth. Eigentlich war der Plan gewesen, dass Tommy, der diesen Part beim Ausschicken der Route bereits erfolgreich gelöst hatte, diese Cruxlänge klettern sollte. Doch Siebe wagte den Vorschlag, es zu versuchen, und stieg die Seillänge innerhalb von knapp über einer Stunde erfolgreich vor. Tommy folgte zur Zeitersparnis zügig innerhalb von 20 Minuten im Toprope. 

Ich hatte Respekt davor, aber ich wollte es versuchen. Umkehren war keine Option

so Siebe

Nach 70 Minuten war die Seillänge also frei geklettert – ein psychologischer Wendepunkt. Danach war jegliche Nervosität wie weggeblasen und Siebe voller Tatendrang, so dass er von den restlichen 13 Seillängen, bis auf eine, alle vorstieg.

Gipfel, Sturm und acht Stunden Abstieg

Der finale Grat zum Hauptgipfel verlangte noch einmal volle Konzentration: verblocktes Gelände, Schnee, Eis – alles im Dunkeln. Um 3:20 Uhr morgens standen beide nach exakt 24 Stunden Kletterei auf dem Gipfel. Kurz darauf wurden Siebe und Tommy von einem heftigen Schneesturm überrascht und seilten sich bei schlechter Sicht und extremer Müdigkeit acht Stunden lang zurück zum Basislager ab. Erst mit dem Tageslicht entspannte sich die Lage.

Während Tommy die Abseilpunkte suchte, versuchte ich, mich warm zu halten und wach zu bleiben. Ich bin mehr als einmal eingeschlafen. Glücklicherweise begann es zu dämmern und unsere Körper kam langsamen aus diesem lethargischen Zustand heraus.

so Siebe ganz offen und ehrlich

Mehr als nur eine Begehung

Das war mit Abstand eines meiner epischsten Erlebnisse in den Bergen, und ich bin sehr stolz darauf, dass ich es mit Tommy teilen durfte, einem wirklich starken und unterstützenden Kletterpartner.

so Siebe Vanhee nach der Tour

  • Credits Text kletterszene.com
  • Credits Fotos Felipe Nordenflyght / Matthew Tangerman
  • Beitragsdatum 25. Februar 2026