Michi Wohlleben läuft von Schanz nach Hammersbach über den Wettersteingrat in 40 Stunden

Was passiert, wenn dich die Motivation packt? Wenn dich dein Ziel vor Augen nicht mehr loslässt? Dich deine Hartnäckigkeit an die Grenzen treibt? Wie lange hältst du durch? Der Profialpinist Michi Wohlleben setzt sich die Messlatte im Sommer 2018 hoch: Er will den Wettersteingrat Non-Stopp ohne Pause überqueren. 70 Kilometer und 7000 Höhenmeter ausgesetzte und brüchige Gratkletterei liegen vor ihm, verteilt auf unzählige Gipfel – inklusive der Alpspitze, der deutschen Zugspitze, der Dreithorspitze und dem Schlüsselkar. Ein Projekt, welches 6-7 ambitionierte Tagestouren verbindet. Das Ziel: In nur fünfunddreißig Stunden möchte Michi die Tour bewältigen.

Neben Kraft und Ausdauer sind vor allem mentales Durchhaltevermögen und Konzentration gefragt. Fehler sind nicht erlaubt. Um sich bestmöglich auf die Belastung vorzubereiten unterzieht sich Michi, unter Anleitung von Freund und Trainer Alex Scherl, monatelang einem harten und strukturierten Trainingsplan. Es bedarf einer Menge Disziplin um die wiederkehrenden, sich sukzessive steigernden Einheiten durchzuhalten. Michi muss lernen, fokussiert und agil zu bleiben, auch wenn sein Körper vor Erschöpfung schreit.

Der Grundstein für das Projekt liegt jedoch bereits in seiner Kindheit. „Da sind natürlich meine Eltern“, sagt Michi, „die mir zum einen meinen Dickschädel vererbt und zum andere gelehrt haben, zu Ende zu bringen, was ich anfange“. Gefördert durch den Klettertrainer und Expeditionskader entwickelt sich der junge Alpinist schon früh zu einem begabten Allrounder. Eine neue Sichtweise auf das Bergsteigen eröffnet ihm sein Kindheitsheld und späterer Trainingspartner Ueli Steck. Durch ihn aber auch durch die vielen Speed- und Non-Stopp-Begehungen am Watzmann, der Zugspitze, der Droites Nordwand oder am Fitz Roy bekommen Distanz und Zeit für Michi eine neue Bedeutung. So beginnt der Sportler nach Herausforderungen zu suchen, mit dem Ziel, noch schneller und länger unterwegs zu sein.

 

Seine Begeisterung für das Wetterstein Gebirge entsteht, während der vielen Zeit welche Michi dort als Bergführer und während prägenden Erstbegehungen wie „Stirb Langsam“, „Dornröschen“ oder „Optimist“ verbringt. Betrachtet man das Wetterstein Gebirge aus der Luft, ergibt sich ein großes Hufeisen. „Über dieses Hufeisen eine Linie zu ziehen war schon immer ein Traum von mir – allerdings nicht irgendwie, sondern so schnell wie möglich. Umso ästhetischer, beeindruckender und unmöglicher, desto faszinierender.“, erklärt der Alpinist.

Nicht nur körperlich, sondern auch mental ist das Projekt ambitioniert. Als Michi am 25.07.2018 um 01:30 Uhr in Schanz zum Versuch der Überschreitung aufbricht, wird er von seinem Freund David Bruder begleitet. „Ich habe viel Mentaltraining gemacht und kenne meinen Körper gut. Aber wie gehe ich zum Beispiel damit um, wenn ich mich im Zustieg verlaufe?“, erklärt Michi seine Entscheidung nicht allein aufzubrechen. Die zweite mentale Hürde folgt bereits mit dem Aufgehen der Sonne. „Ein unvergesslicher Sonnenaufgang. Mit ihm eröffnete sich aber auch der Blick zur weit entfernten Zugspitze. Ich wünschte mir, das Gelände bis dorthin nicht zu kennen, wusste aber fast auf die Minute genau, wie lang ich bis dorthin noch brauchen würde“, erinnert sich Michi. „Bei einem Marathon spricht man gern davon, wie hart die langen Geraden sind, bei denen man das Ende sieht und sich gefühlt im Schneckentempo darauf zu bewegt.“

Auch eine körperliche Herausforderung bringt der Sonnenaufgang: Die steigenden Temperaturen erschweren ab der ersten Verpflegungspause an der Meilerhütte das Vorankommen. „Ich hatte mein Trinken perfekt eingeteilt. Von der Meilerhütte bis ins Gatterl 2 Liter auf ca. 10h“, erklärt Michi. „Ich wusste, jedes Tröpfchen was ich zu viel ausschwitze, kann mich Kopf und Kragen kosten. Daher musste ich das Tempo reduzieren.“ Als er nach etwa 45km, 4000hm und 18 Stunden die Gatterlköpfe erreicht hat eine hohe Quellbewölkung die Temperaturen bereits sinken lassen. Das Aufatmen ist jedoch nur kurz, denn nordöstlich türmt sich eine Gewitterwolke auf. „Laut Wetterradar würde diese zwar vorbeiziehen, die Anspannung war jedoch groß. Ich hatte dieses mulmige Gefühl im Bauch und sollte Recht behalten. Plötzlich baut sich über der Zugspitze eine riesige Gewitterzelle auf.“, berichtet Michi. Es dauert nur Minuten, bis die Wolken sich von weiß zu dunkelgrau färben und Donner, Hagel und Wind über dem Grat einbrechen. Sieben lange und kalte Stunden harren Michi und Alex Scherl, der ihn ab dem Gatterl begleitet, im Biwak aus, bevor der Regen um drei Uhr abklingt und sie sich eine Stunde später entscheiden, ihren Weg fortzusetzen.

Ein Blick auf die Uhr verrät, das Vorhaben ist gescheitert. Das Ziel in Hammersbach in unter 35 Stunden zu erreichen ist nicht mehr realistisch. Trotzdem findet Michi zurück in das Projekt. „Ich war sehr froh, als nach 30min gehen der Flow und die Lebensgeister zurückkamen.“, erzählt er. „Die Schlüsselstellen flogen an uns vorbei. Wir marschierten im Eilschritt auf den Schneefernerkopf und weiter über den Grat auf die Zugspitze.“

Die letzte große Herausforderung erwartet den erfahrenen Alpinisten am ihm wohl bekannten Blassegrat. „Den Grat habe ich viele Male gemacht. Leider nur in Aufstiegsrichtung. Wir stiegen ihn ab.“, erinnert Michi sich. „Und da mein Kopf so langsam nicht mehr funktionierte, fühlte ich mich ein bisschen wie ein Besoffener, in einer fremden Stadt, der nicht weiß, welche U-Bahn er nehmen muss um zu seinem Hotel zu kommen, dessen Name er nicht kennt.“ Doch auch die letzte Hürde lässt Michi hinter sich, meistert die schwierigen Kletterpassagen und läuft mit ungeahnter Energie die letzten 8km ins Tal.

Nach knapp 40 Stunden steht er im Gras und weiß, es ist vorbei. Ob er mit seiner Leistung zufrieden ist? Michi sagt: „In 40 Stunden von Schanz nach Hammersbach. Ich wollte es in 28-35h schaffen. Ziehen wir die 7 Stunden im Biwak ab, war die Rechnung gar nicht so schlecht. Zufrieden? Ja.“ Hinzu fügt er: „Es waren wohl die intensivsten 40 Stunden meines Lebens, von denen ich keine missen möchte.“ Wenn Michi heute zurückblickt, zaubert ihm die Erinnerung ein kleines Lächeln auf die Lippen. Die sportliche Ambition bleibt. Abschließend sagt er: „Vielleicht gehe ich irgendwann zurück, denn ich bin überzeugt, man kann diesen Grat auch in unter 24 Stunden laufen. Ob ich das machen werde steht in den Sternen. Den Grundstein dafür habe ich jedoch gelegt.“

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