Markus Pucher ging Free Solo durch die Cerro Torre Westwand [News]

Patagonien hat es dem Markus Pucher angetan. War er in seinen früheren Expeditionen oft vom Wetterpech verfolgt, so gelang ihm nun 2 mal hintereinander die Besteigung des Cerro Torre über die Ferrari/ Ragni Route in der Westwand. Dass er es heuer am 14.Januar im Alleingang wagte, war nicht geplant…

Aber am besten erzählt er euch selbst, wie es war und dazu kam…..

Alles was ich weiß, weiß ich von dir – alles was ich habe, habe ich von dir – alles was ich liebe, hat mit dir zu tun und so lange ich lebe wird mein Herz nicht ruhen. Und so wird es immer bleiben, du kannst gar nichts dagegen tun. Alles was ich tue, gestern, heute und hier, soll auch nur ein Umweg sein auf meinem Weg zu dir. Alles was ich tue, hat nur einen Sinn: dass ich am Ende meines Lebens endlich bei dir bin“, singt Philipp Poisel auf meinem iPod, als ich mit meinem Freund und Seilpartner Markus Steiner auf dem Weg ins Basislager des Cerro Torre bin. Da ich meinen Blick nicht von diesem gewaltigen Berg lassen kann, stolpere ich wieder und wieder über den ein oder anderen Stein. So geht es die ganze Zeit während der sechs Stunden, die wir vom letzten Ort El Chaltén bis zum Wandfuß zurücklegen. Es ist Samstag, der 12. Jänner 2013. Das Wetter ist herrlich und die Vorhersage für die nächsten vier Tage ist auch sehr gut. Markus und ich haben das Ziel, eine neue Route auf der Westseite des Cerro Torre zu machen. Dafür sind wir nun mit unseren 25 Kilo schweren Rucksäcken in die Richtung „Traumberg“ unterwegs. Einen Namen für diese Route hatten wir uns noch nicht überlegt, aber es sollte sowieso alles ganz anders kommen.

„Vor uns steht er, der Cerro Torre – feuerrot und atemberaubend“

Im Basislager – auch Niponino genannt –angekommen, bauen wir unser Biwak und machen es uns gemütlich. Wir haben natürlich alles dabei, was man so braucht…oder eben auch nicht braucht. Um drei Uhr nachts läutet der Wecker, ohne den wir niemals aufgewacht wären. Zu schön warm sind die Schlafsäcke. Es nützt nichts, jetzt heißt es aufstehen, zusammenpacken und los geht’s! Wir stolpern den Lichtkegeln unserer Stirnlampen hinterher und nach kurzer Zeit stehen wir auf dem Gletscher, der zum Standhardt-Col führt. Allmählich wird es hell an diesem Sonntag, einem wundervollen Sonntag! Die Sonne geht auf und vor uns steht er, der Cerro Torre – feuerrot und atemberaubend!Das Gelände zum Standhardt-Col ist steil und durch die vielen Gletscherspalten sehr unwegsam. Um auf die Westseite zu gelangen, müssen wir zunächst 1.100 Meter rauf und auf der anderen Seite wieder 700 Meter runter. Geschafft, wir stehen auf der Westseite, im Niemandsland! Der Blick nach oben zeigt einen 1.000 Meter langen und steilen Gletscher zum Col de la Esperanza, dem Sattel der guten Hoffnung. Wie aus dem Nichts meint Markus plötzlich: „Ich glaube, ich kann nicht weitergehen, ich fühle mich krank, irgendwie geht es mir nicht gut.“ Ich täusche vor, nichts gehört zu haben und blicke hinauf zum Gipfel mit dem großen Eispilz, der in der Sonne funkelt. Ein seltsames Gefühl durchströmt mich, als ich Markus ins Gesicht schaue. Es ist eine Mischung aus Enttäuschung, Zorn, Angst und aber auch Verständnis. Er ist mein bester Freund, wir brauchen nicht viele Worte. Wir sitzen einfach nur da, ganz still. Nach reiflicher Überlegung fasse ich eine Entscheidung: ich werde alleine auf den Cerro Torre gehen und Markus wartet, bis ich zurückkomme.

Schnell packe ich das Nötigste und mache mich auf den Weg zum Col de la Esperanza. Jetzt geht es 1.000 Meter in weichem Schnee unter glühender Sonne nach oben. Nach etwa 100 Metern schaue ich zurück zu Markus und rufe ihm zu: „He Steiner, morgen um die selbe Zeit bin ich wieder zurück! Scheiß dir nicht in die Hosen und such derweil ein paar Steine“. Markus, der tatsächlich ein leidenschaftlicher Kristallsucher ist, grinst, schüttelt den Kopf und schreit: „Scheiß du dir nicht in die Hosen, du Irrer!“

Allein ins steile Eis
Auf dem Weg zum Col hole ich zwei kanadische Bergsteiger ein, die ich bereits aus El Chaltén kenne. David und Carl, zwei sehr nette Kerle. Carl ist einer von der Sorte, mit denen man stundenlang Witze machen kann. Dann erreiche ich um 4 Uhr nachmittags den nächsten Biwakplatz, der sich 150 Meter unter dem Col befindet. Die Sonne brennt unbarmherzig auf mich herab – natürlich habe ich meine Sonnencreme vergessen. Carl hilft mir aus und lässt es sich nicht nehmen ein paar Scherze über mich zu machen – die zugegebenermaßen gar nicht schlecht waren. Nach einiger Zeit steigen vom Col ein paar Bergsteiger ab, die schon einen Tag vor uns gestartet waren. Unter ihnen sind auch meine Freunde Isidor und Vito aus Osttirol. Sie hatten es bis zum Gipfel geschafft und sind sehr glücklich. Ich erzähle ihnen noch, warum ich alleine unterwegs bin und erkundige mich nach den Verhältnissen in der Route. Sie wünschen mir viel Glück und wir verabreden uns auf ein Bier nach unserer Rückkehr in El Chaltén.

Die Route, die ich am nächsten Tag klettern will ist die „Ferrari-Ragni Route“, 600 Meter vom Col de la Esperanza zum Gipfel mit Eis bis 95 Grad und Mixed-Gelände bis M5. Ich sitze also im Biwak, ganz alleine – eigentlich bin ich nicht alleine, da ja noch Carl, David und zwei weitere Seilschaften hier sind. Aber trotzdem bin ich alleine. Das ist schon eine ganz eigenartige Stimmung: Die einen fragen die anderen, wann sie starten wollen und die anderen stellen den nächsten dieselbe Frage. So geht es eine Zeit lang hin und her, mich fragt keiner…wahrscheinlich hatten sie gesehen, was ich so an meinem Klettergurt hängen habe! Schließlich einigen sie sich auf 2 Uhr nachts, das hätte ich mir auch gedacht, gute Zeit. Schnell noch eine Suppe essen, was trinken, aufs Klo und rein in den Schlafsack. iPod an, Augen zu „...alles was ich tue, gestern, morgen und hier, soll auch nur ein Umweg sein, auf meinem Weg zu dir…

Free Solo durch die Ragni Route
Verdammt, habe ich verschlafen? Überall Lichter, Lärm und Stress. Beim Blick auf meine Uhr entspanne ich mich, es ist erst 1 Uhr morgens. Die anderen wollten sich wohl gegenseitig austricksen und eine Stunde früher losgehen. Mir egal, ich stehe gemütlich auf, esse mein Müsli seelenruhig und sehe dabei zu, wie die Lichter langsam in der Dunkelheit verschwinden. Ruhig bleiben, ganz ruhig, sage ich zu mir. Und ich fühle mich stark an diesem 14. Jänner, sehr stark! Ich mache mich bereit: Stirnlampe montieren, Helm aufsetzen, Jacke und Klettergurt anziehen, Material checken: 1 Eisschraube, 3 Reepschnüre, 3 Karabiner und mein Abseilgerät. Steigeisen anziehen und kontrollieren, ob sie richtig sitzen, 60 Meter Halbseil auf den Rücken, Trinkflasche an den Gurt, Eisgeräte in die Hand und los geht es! Ich fühle mich fast schwerelos, spüre meine Freiheit. Schon nach kurzer Zeit hole ich die erste Seilschaft ein, dann die zweite und schließlich noch die dritte. Nach etwa 80 Metern über dem Col bin ich wieder einmal alleine, diesmal aber alleine mit dem Cerro Torre und der Nacht. Es ist ganz still, nur der Wind flüstert mir etwas ins Ohr, es ist wunderschön! Ich fühle mich sehr gut aufgehoben dort oben und weiß, hier gehöre ich hin. Es geht schnell voran und nach einer Stunde bin ich in den Mixed-Längen über dem Helmo – einem riesigen Eispilz. Ich klettere etwas zu weit rechts und so wird aus M5 gleich mal M6 oder noch schwieriger, aber zurückklettern will ich nicht. Augen auf und durch, denke ich. Das sehr steile, mit Eisglasuren durchsetzte Gelände führt mich direkt in die Headwall – eine senkrechte Mauer aus Eis, die nach oben hin immer noch steiler wird. Ich zögere nicht und klettere drauf los. Dieser Teil der Route ist extrem ausgesetzt und ich spüre die Schwerkraft. Konzentrieren und ruhig weiteratmen, sage ich mir – wem auch sonst, ich bin ja allein. Ich schüttle meine Hände, versuche schön zu steigen und bloß kein Eisgerät fallen zu lassen (da ich keine Handschlaufen habe). Also, cool bleiben und weiterklettern.

„Den Rest schaffe ich locker, doch das Schwierigste kommt bekanntlich zum Schluss…“
Natürlich macht man sich so seine Gedanken, aber ich denke mir, du kannst das, also tue es – jetzt! Später, im leichteren Gelände nach der Headwall weiß ich, dass ich nach dem Stück auch den Rest schaffen werde! Doch der Rest hat es in sich, das Schwierigste kommt bekanntlich zum Schluss: die Gipfelseillänge, eine gut 50 Meter senkrechte und teilweise leicht überhängende Eiswand. Gleich zu Beginn muss man 15 Meter nach rechts queren. Die Querung ist – in Anbetracht der 1.000 Meter Luft unter mir kombiniert mit schlechtem, brüchigem Eis – echt ungut. Ich nehme also alles von meinem Gurt, was ich nicht brauche, befestige meine Trinkflasche an einer Sanduhr, die eine Seilschaft vor mir gemacht hatte und klettere los. Es beginnt langsam zu dämmern, der Abgrund unter mir wird immer größer und tiefer. Das Eis am Cerro Torre ist nicht so, wie man es vom Eisklettern her kennt. Nein, es ist ein seltsames Eis aus Schnee und Luft, was das Ganze natürlich sehr instabil macht. Ungesichert klettere ich mit eiskalt gefrorenen Fingern Meter für Meter dem Gipfel entgegen und ja, ich weiß genau warum ich das mache. Es ist für mich ein absolutes Gefühl der Freiheit und Lebendigkeit, das ich in diesem Augenblick spüren und erleben darf.

Dann, am Montag, den 14. Jänner 2013 erreiche ich um 5.15 Uhr morgens den Gipfel des Cerro Torre. Die Sonne geht langsam auf, der Wind peitscht mir ins Gesicht und ich bin glücklich. Ich habe es geschafft, ich konnte free solo auf diesen gewaltigen Berg – meinen Traumberg – klettern! Oben angekommen stehe ich ein paar Minuten ganz still da und bedanke mich beim Cerro Torre.

Jetzt versuche ich, so schnell wie möglich wieder nach unten zu kommen. Zu Markus, der sicher die ganze Zeit in Gedanken bei mir war und bereits wartet. Auf dem Weg nach unten treffe ich wieder auf Carl und David, sie sind gerade im Mixed-Gelände über dem Helmo. „Markus, could you please borrow me one of your ice axes?„, fragt David. Er hatte zehn Minuten zuvor tatsächlich ein Eisgerät verloren. Ich überlege kurz, ob ich noch beide „Hu.gos“ für den Abstieg brauchen würde, denke nicht und gebe dem strahlenden David einen davon. Nur solle er mein „Baby“ bitte wieder gut zurück nach El Chaltén bringen, sage ich ihm. Er lacht und umarmt mich, bevor sich unsere Wege trennen.

Um 7.30 Uhr erreiche ich mein Biwak unter dem Col de la Esperanza, das ging echt schnell, viel schneller als erwartet. Zu diesem Zeitpunkt bin ich insgesamt 5 Stunden und 40 Minuten unterwegs. Schon von weitem sehe ich Markus auf seinem Platz sitzen, auf dem er die Nacht verbrachte. Er begrüßt mich mit einem „Was machst du schon da? Ist doch erst 10 Uhr, warst doch nicht oben, hast du es dir anders überlegt?“ Ich grinse nur und meine: „Einen schönen Gruß vom Torre und er wartet auf dich bis du ihn auch einmal besuchen kommst!“ Er kann es fast nicht glauben und fragt „Du warst echt oben? Unfassbar!“ Als ich kurze Zeit später so hinter Markus und seinen Spuren im Schnee nachtrotte, schaue ich zuerst vor zu Markus, drehe mich dann noch einmal um zum Cerro Torre, bleibe stehen und schließe meine Augen. Jetzt weiß ich den Namen unserer neuen Route, falls wir diese jemals klettern würden: „Freunde in Freiheit“ …so soll sie heißen!


Text: AustriAlpin, Markus Pucher Foto: Markus Pucher

  • Beitragsdatum 19. Februar 2013