Make me great again!
Auf eine Tasse Kaffee mit dem Kilterboard

Seit gut dreißig Jahren hänge ich an kleinen Wänden in irgendwelchen Kellerräumen, die mehr oder weniger wahllos mit Griffen von meist minderer Qualität bestückt sind – und hoffe auf Fortschritt. Wie sagt Jerry Moffatt vor seiner Kellerwand in einem Video so schön? »This is the reason why the british climbers are so superior to the french. In climbing, the whole personality, in bed …« Auch wenn sich im Laufe der Zeit manches besserte – die Frischluftzufuhr, die Beleuchtung, die Griffe – so blieb das Prinzip immer gleich: Denk Dir Deine eigenen Boulder aus oder versuche Dir die Deiner Kumpels zu merken. Das kann mit der richtigen Crew sogar ziemlich geil sein, Knackpunkt ist aber immer gewesen, dass man bei seinen eigenen Bouldern stets mehr oder weniger die immer gleiche Suppe kocht. Ist ja auch klar: Wer will schon in seinen eigenen Bouldern schlecht ausschauen?

Der erste echte Quantensprung war das Moonboard von his Majesty Ben Moon: Ein festes Set an Griffen in definierter Anordnung und eine App, mit der sich kreierte Boulder weltweit teilen lassen. Absolut genial und für viele DAS Tool, um einen Quantensprung in ihrer höchstpersönlichen Kletterkarriere hinzulegen. Aber: Das Moonboard ist nichts für Schwachstromatoren, denn es gibt keine „großen“ Griffe (was natürlich höchst subjektiv ist), die Neigung ist konstant 40 Grad steil und aufgrund der relativ kleinen Größe sind die Boulderprobleme meist sehr kurz, sprich die Einzelzüge müssen besonders hart sein, um auf einen bestimmten Grad zu kommen. Zudem ist die Bewertung in der Moonboard-App schön britisch, also Sandbagging ohne Ende. Es kommen halt nur die Harten in den Garten!

Die Firma Kilter aus Colorado hatte nun, typisch amerikanisch, nichts anderes vor als das beste Board der Welt zu bauen. Jackie Hüftle, der eine Teil des Kilter-Führungsduos betont, dass sie Ben Moons Pionierarbeit mehr als wertschätzen und respektieren. Und sieht ihr Board vor allem als eine Ergänzung zum Portfolio der existierenden Wände.

Kilter ist im Kern ein Griffherstellermit dem genialen Ian Powell als Headshaper. Ian war in seinem vorherigen Leben ein hochbezahlter Künstler, dessen Hände wundervolle Plastiken schufen. Wo Geld und Kunst zusammenkommen, sind Drogen meist auch nicht weit. Ich kenne die Story nun auch nicht in allen Details, auf jeden Fall war’s irgendwann hinter schwedischen Gardinen aus mit dem dekadenten Leben und so mußte sich Ian was neues einfallen lassen. Und da er ein leidenschaftlicher Kletterer ist, lag es sprichwörtlich auf der Hand, was er mit seinem Talent anfangen konnte.

Seine bessere Hälfte Jackie Hueftle ist eine der, wenn nicht DIE bekannteste Routenschrauberin der USA. Was für ein Glück, dass ich gerade in Colorado just in den Kilterstudios an dem tollen Board moven durfte und Jackie willens war, meine knallharten Fragen zu beantworten.

Hannes: Jackie, seit 30 Jahren dengele ich an kleinen Boards in irgendwelchen Kellern rum. Warum sollte ich zu einem Kilterboard switchen?

Jackie: Das Kilterboard wurde für Kletterer entwickelt, die an anderen Boards vielleicht ein paar Schwierigkeiten haben. Das fängt damit an, dass Du den Winkel der Wand verändern kannst. Also kann auch ein Anfänger schon an unserem Board klettern, weil Du es nahezu senkrecht stellen kannst. Und genau das Gegenteil gilt natürlich für Starkstromatoren, die es sehr steil einstellen können. Wir haben V15 Kletterer, die uns in den Kilterstudios besuchen und Spaß an dem Board haben. Zudem sind die Griffe deutlich komfortabler als an anderen Boards, wodurch Du Dich auch an dem Teil gut aufwärmen kannst. Wir fanden, dass es bereits sehr coole harte Boards gibt, aber eben keine komfortablen leichteren, an denen letztendlich Deine ganze Familie klettern kann, wenn das Ding in Deiner Garage steht.

Wie lange habt Ihr an dem Board entwickelt?

Die Entwicklung ist noch längst nicht abgeschlossen. Wir arbeiten an einer Art System von mehreren Wänden und weiteren Grifflayouts. An dem jetzigen Kilterboard haben wir etwa eineinhalb Jahre gearbeitet. Ian hat weit über 800 Griffe für das Board entwickelt, wovon letztendlich gut dreihundert den Weg an unsere Wand fanden. Und von vielen dieser 300 Griffe wiederum hat er drei verschiedenen Versionen entwickelt, bis es einfach richtig gut passte. Jeder Griff ist einzigartig an dem Board. Ian wollte es perfekt haben and here we are!

Denkst Du, dass dieses Board der Weg in die Arbeitslosigkeit für alle Routenschrauber ist?

 Klaro! Mein Traum war, dass der Job, den ich über alles liebe, komplett überflüssig wird. Nein, ich denke, dass es ein Tool ist, dass den Menschen hilft das Trainieren zu lernen. Und ich denke, dass es einfach eine Lücke füllt für diejenigen, die vielleicht gerade alle Boulder in ihrer Halle geklettert haben. Sie können sich dem Kilterboard zuwenden und finden via App tausende von Bouldern aus aller Welt vor. Und sie können sich selber verwirklichen und eigene Boulder für die weltweite Community kreieren. Jimmy Webb hat beispielsweise auch Boulder einprogrammiert, an denen kannst Du jahrelang arbeiten, weil sie eben nicht wieder weggeschraubt werden.

Wie viele Kilterboards gibt’s da draußen schon in der Welt?

God, I don’t know. Es gibt einige in Korea, bald welche in Japan, eine Menge in Kanda, bald eins in Australien, a bunch in the US, eins schippert grad nach Schweden, demnächst welche in England …

Ich hab gehört, dass demnächst vielleicht auch eins in Deutschland steht, promotet von einem Universalgenie?!

Ja, sowas hab ich auch gehört.

Ich hab allerdings keine Ahnung wer sie oder er ist.

Universal halt. Could be anybody.

Arbeitet Ihr auch an Trainingsprogrammen, die man an dem Board ausführen kann?

Absolutely, we have so many dreams!  Wir arbeiten ja bereits mit vielen professionellen Settern zusammen, das wollen wir um Trainer und Coaches erweitern. So dass Du den Jimmy Webb Plan oder den Nina Williams Plan durchziehen kannst. Jimmy shaped übrigens auch Griffe für uns. Genauso wie Alex Puccio.

Christian (Popien): Denkst Du, dass das Kilterboard auch uns alte Old School Kletterer great again macht?

 YES! Durch die Rundum-Beleuchtung der Griffe ist es für ältere Kletterer viel leichter zu erkennen, welche Griffe sie überhaupt verwenden sollen. Es gibt drei Farben für Start- und Topgriff, die Tritte und die Griffe dazwischen. Das ist einfach intuitiver und bringt die Leute viel schneller dazu, sich überhaupt mal mit dem Training am Board auseinander zu setzen.

Christian: Wieviele Sessions bräuchte Hannes um von jetzt 8b auf 9a zu kommen?

I have no idea. Aber das coole ist, dass Du Dich einem schweren Problem leichter näher kannst, in dem Du es erstmal in einem flacheren Winkel probierst. Damit hast Du die Gelegenheit die Bewegung zu lernen und machst faster progress.

Hannes: Was ich ja besonders gut finde ist, dass es auch kleine Tritte gibt und man nicht nur »pied á main« klettert.

Da bist Du nicht der einzige. Wir hören oft, dass sich das deutlich mehr wie Outdoor-Climbing anfühlt, wenn Du nur auf den kleinen Tritten kletterst. Und ganz offensichtlich ist der Trainingseffekt ganzheitlicher, weil Du die Körperspannung stets aufrecht halten mußt.

Christian: Ich hatte den Eindruck, dass das fette Soundsystem Teil des Erfolges ist.

It seems like the massive sound system is the key to success for Ian to lift heavy weights. Und auch für unsere Nachbarn – to love us (lacht).

Hannes: Danke Jackie!

Jackie: Immer Hannes :)

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