Klettern in Zeiten von Corona

Die Corona-Krise: Ausgangsbeschränkungen, stay.at.home. Keine Wettkämpfe bis mindestens Ende Mai, kein Tokio 2020. Unser Leben ist komplett aus den Fugen geraten, auch das der Kletterwelt.

Wir haben uns umgehört und Stimmen gesammelt: Von Felskletterern, Wettkampfathleten, einem Trainer und Hallenbesitzer.

Urs Stöcker

DAV-Bundestrainer:

Urs Stöcker _DAV-Bundestrainer

„Für die beiden Athleten (Alex Megos und Jan Hojer haben sich bereits für die Olympischen Sommerspiele qualifiziert; Anmerkung Ks.com) bedeutet die Verschiebung natürlich eine neue Planung. Auch für den Betreuerstab. Wir müssen nun schauen, wie wir die Spannung runter und wieder hochfahren können. Und die Vorbereitung auf die nächste Saison verschieben. Soweit ich das einschätzen kann, wird wohl die gesamte Saison auf den Sommer beziehungsweise Herbst verlegt werden müssen. Das bedingt eine hohe Konzentration im Herbst, wo wir sicher auch Abstriche in Sachen Anzahl und Größe der Events machen müssen. Die Sicherheit und Gesundheit aller geht aber stets vor. Die Athleten trainieren momentan alle zuhause. Wir versorgen sie bestmöglich mit Plänen, sind in stetem Kontakt und haben auch schon Gruppen-Heimtrainings per Skype durchgeführt. Es ist nicht einfach. Aber diese Krise ist auch eine Chance, zu den Basics zurückzufinden. Was braucht man wirklich und was ist Schnickschnack. Wir alle werden daraus lernen.“

Lucia Dörffel

Athletin des Bundeskaders:

„Eigentlich hätte vor Kurzem die EM in Moskau stattfinden sollen. Da hätte man noch die Chance gehabt, sich für die Olympischen Sommerspiele zu qualifizieren. Ich glaube, wir haben uns das alles anders vorgestellt, doch wir können leider nichts an der jetzigen Situation ändern und müssen das Beste daraus machen. Das Wichtigste ist, dass wir gesund bleiben und die Motivation beibehalten. Natürlich versuche ich, trotzdem so gut wie möglich zu Hause zu trainieren. Ich mache Kraftübungen, Yoga, Hangboard zur Fingerkräftigung und dehne mich. Alles eben, um so fit wie möglich zu bleiben. Das ist natürlich kein Vergleich dazu, in einer Boulderhalle zu trainieren. Aber man hat eigentlich viel mehr Möglichkeiten, zu Hause etwas zu machen, als ich gedacht hätte. Ich bereite mich jetzt auf die nächsten Wettkämpfe vor – auch wenn sie verschoben wurden.“

 Hannah Meul

Athletin des Bundeskaders:

Hannah Meul - klettern -Corona - Training

„Natürlich ist das eine Riesen-Umstellung, die gerade alle Wettkampfathleten durchmachen müssen. Wir haben den Winter über auf ein Ziel hingearbeitet – das Training war auf ein bestimmtes Datum angepasst, an dem wir abliefern wollten. Neben den großen Einschränkungen bei den Trainingsmöglichkeiten ist die größte Hürde, nicht den Fokus zu verlieren. Die erste Wettkampfhälfte ist verschoben beziehungsweise gecancelt worden, wann oder ob dieses Jahr Wettkämpfe noch stattfinden, weiß niemand, was es für uns superschwer macht, zu trainieren. Als Athlet arbeitet man zielgerichtet auf die Saison und Höhepunkte hin. Das ist wegen der derzeitigen Lage nicht möglich. Natürlich versuche ich, mich fit zu halten, trainiere an der Klimmzugstange, am Griffboard, mache Yoga und Stretching. Das Allerbeste aber ist, dass mein Vater mir innerhalb zweier Tage eine Kletterwand an die Außenwand unseres Hauses gebaut hat. Dafür bin ich ihm unendlich dankbar. Ohne Klettern halte ich es keine Woche aus. Nicht zu wissen, wie lange die Kletterhallen geschlossen haben, macht einem Wettkampfathleten etwas Panik. Ich versuche, das Beste aus der Situation zu machen.

Ich gehe beispielsweise bei gutem Wetter joggen und merke, wie viel Spaß das mir – der Antijoggerin – machen kann. Ich habe Zeit für Dinge, für die ich im Alltag sonst keinen Raum gefunden habe. Meinen Ehrgeiz verliere ich auf keinen Fall. Ich versuche, weiterhin so gut es geht zu trainieren und mich fit zu halten. Wann es weitergeht, weiß keiner. Aber ich bin dann auf jeden Fall voller Motivation und Freude am Start.“

Chris Hanke

Athlet des Bundeskaders:

Chris Hanke - Klettern Corona

„Ich finde es absolut richtig, dass die Sommerspiele verschoben wurden. Alleine auch aus Gründen der Fairness. Eine Olympiade abzuhalten, an der sich Sportler messen, welche womöglich absolut unterschiedliche Einschränkungen hatten – von regelmäßigen Trainingsalltag bis hin zur wochenlangen Hausquarantäne -, ist einfach kein fairer Maßstab. Abgesehen von der Sinnhaftigkeit einer Großveranstaltung inmitten einer Pandemie. 

Um ehrlich zu sein, gehe ich davon aus, dass wir maximal im Herbst eine Möglichkeit bekommen werden, an nationalen oder internationalen Wettkämpfen teilzunehmen. Der Schritt von einer Ausgangsbeschränkung bis hin zu einem Wettbewerb wird wahrscheinlich nicht innerhalb weniger Wochen getan werden.

Ich habe als Profisportler, wie inzwischen viele Teamkollegen, zum Glück einen Behördenplatz als Sportsoldat inne, der mir in dieser Zeit eine gewisse wirtschaftliche Sicherheit wahrt.

Ansonsten wird jetzt auf Trainingsinhalte geschaut, welche man in den letzten Monaten eher vernachlässigt hat und genießt auch ein bisschen die Zeit, mal keinen Wettkampf im Nacken sitzen zu haben. Die letzten zwei Jahre waren, glaube ich, für uns alle eine sportliche Herausforderung: Einmal für unsere Olympioniken sich zu qualifizieren und jetzt vorzubereiten, zum anderen gab es auch einfach unglaublich viele Zusatzevents im Combined-Format. Das schlaucht auf Dauer auch einfach. 

Momentan verbringe ich gemeinsam mit Chiara viel Zeit in meiner Scheune, mache viel Yoga und Krafttraining.“

Chiara Hanke

Wahlfränkin, 9a-Kletterin:

 „Momentan habe ich zum Glück viel mit der Uni zu tun, da ich meine Masterarbeit angefangen habe. Dennoch vermisse ich das Felsklettern gerade sehr. Ich gehe auch momentan nicht an den Felsen: Zum einen, da an vielen Felsen sonst einfach die Personenzahl überschritten wird – und letzten Endes zum Leidtragen aller dann die Felsen nach und nach geschlossen werden. Ich kann verstehen, dass einige sich irgendwo alleine oder als Pärchen unter einen Block legen, das ist auch nachvollziehbar, solange gewisse Regeln eingehalten werden. Aber es gibt auch einfach mal wichtigere Dinge als das Klettern. Je schneller die ganze Sache in den Griff bekommen wird, umso schneller können wir alle wieder gemeinsam am Fels angreifen.“ 

Dirk Uhlig

(einer der beiden Geschäftsführer des E4, Routenschrauber)

Dirk Uhlig Boulderhalle E4 Corona Training Klettern

„Unsere aktuellen Aufgaben sind: Den Verbleib der 50 Mitarbeiter zu sichern, Kurzarbeitergeld zu beantragen, Steuer- und Versicherungsbeiträge zurückzufordern, Stundungen mit der Bank zu klären und mit dem Vermieter in Verhandlung zu treten. Also hauptsächlich ist es Büroarbeit. Wir müssen die Ausgaben – soweit es geht – minimieren, damit der Laden so lange als möglich überleben kann, ohne erneut Kredite aufzunehmen. Von staatlicher Seite ist zwar Unterstützung zugesichert worden. Diese greifen aber nicht oder sind nur für die Überbrückung von ein bis zwei Wochen ausreichend. Solange es nötig ist, werden wir aber durchhalten. Einige Angestellte bringen während der Schließung die Halle auf Vordermann.  Erledigen beispielsweise Reparaturen, machen sauber und schrauben neue Boulder.

Für mich als Schrauber sind durch die Schließung aller Hallen und den Wegfall aller Wettkämpfe meine Einnahmen zu 100 Prozent weggefallen.

Um meine Kosten zu decken, werde ich Jobs – beispielsweise als Erntehelfer – machen müssen. Am meisten vermisse ich aber die Arbeit mit den anderen Schraubern. Den Austausch mit ihnen und die kreative Zeit mit ihnen.

Da die Halle nach fast acht Jahren immer besser lief, konnte ich wieder mit dem Training beginnen. Am 19. April wollte ich mir einen alten Traum erfüllen und nach Australien zum Klettern fliegen. Den Flug werde ich dann wohl leider nicht antreten können. Im großen Ganzen ist zu sagen: größter Gewinner der Corona-Krise ist – neben Amazon – die Natur, die für eine Weile Ruhe vor den Menschen und den Umweltbelastungen hat.“

DAV appelliert: Bitte geht nicht klettern und bouldern

Kletterhallen sind inzwischen flächendeckend geschlossen. Es liegt nun freilich nahe, dass viele Aktive an die Kletterfelsen in den Mittelgebirgen ausweichen. Wie bei den Bergtouren lautet der Appell des DAV allerdings: Bitte geht nicht klettern! Die Gründe sind die gleichen wie beim Bergwandern. Unfälle können passieren, ein gewisses Infektionsrisiko besteht. Im angehenden Frühling drängen sich die Kletterinnen und Kletterer an den sonnigen und bekannten Felsen – und das umso mehr, weil eben die Hallen geschlossen sind.

Bergsport und Corona – die rechtliche Situation

In Bayern gilt eine relativ weitgehende Ausgangsbeschränkung, das Verlassen der eigenen Wohnung ist nur aus triftigen Gründen erlaubt. Zu diesen triftigen Gründen gehören explizit „Sport und Spazierengehen an der frischen Luft“. Das bedeutet: Bergsport ist nicht verboten.

Klettern Grit Stone Sarah B. Foto Lukas B.

In Bayern gilt eine relativ weitgehende Ausgangsbeschränkung , das Verlassen der eigenen Wohnung ist nur aus triftigen Gründen erlaubt. Zu diesen triftigen Gründen gehören explizit „Sport und Spazierengehen an der frischen Luft“. Das bedeutet: Bergsport ist nicht verboten.

„Unter dem Aspekt des Gemeinwohls möchten wir Sie bitten, zu Hause zu bleiben bzw. Bewegung an der frischen Luft in der unmittelbaren näheren Umgebung durchzuführen. Es wird dringend davon abgeraten, am Wochenende Ausflüge in die Berge zu unternehmen.“

heißt es allerdings in den Empfehlungen des Bayerischen Innenministerium

Die rechtliche Situation in anderen Bundesländern und im angrenzenden Ausland stellt sich unterschiedlich dar. In NRW zum Beispiel ist der Klettersport flächendeckend verboten. In Tirol ist Bergsport generell verboten, es herrscht eine sehr weitgehende Ausgangssperre. Die Regelungen in den Bayerischen Alpen beruhen auf Freiwilligkeit und Vernunft jedes Einzelnen. Auch, damit das so bleibt, appelliert der DAV an die Bergsportgemeinde, sportliche Aktivitäten nur in der Nähe der eigenen Wohnung zu betreiben.

Die Berge und Routen warten, wir auch!

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