Klettern ist Dranbleiben: Jacopo Larcher wiederholt Bon Voyage (9a/ E12)
Jacopo Larcher hat mal wieder gezeigt, wie tief sein Herz fürs harte Trad-Klettern schlägt – und das nicht zum ersten Mal. Zwischen 2023 und 2025 reiste er nämlich gleich dreimal nach Annot, um die Route Bon Voyage (E12/9a) zu versuchen. Nun gelang ihm als viertem Kletterer die langersehnte Wiederholung von James Pearsons Testpiece der traditionellen Kletterkunst.
Bon Voyage teilt sich den Einstieg mit Pearsons Route Le Voyage aus dem Jahr 2017 und zweigt dann nach links ab. Durch ein wildes Geflecht aus flachen Rissen, kleinen Leisten und fiesen Löchern führt die Linie dann über eine technisch anspruchsvolle Kante zum Umlenker.
Die härteste Trad-Route der Welt

James Pearson hatte für die Linie nach langem Überlegen den Grad 9a/ E12 vorgeschlagen, was sie zur härtesten Trad-Route der Welt macht. Im Frühjahr 2024 gelangen Seb Berthe und Adam Ondra die ersten Wiederholungen – beide bestätigten den Bewertungvorschlag von James Pearson.
Gäbe es in der Route Bohrhaken, wäre sie eine solide und sehr spezifische 9a. Die Sicherungen zu legen macht sie physisch und mental etwas anspruchsvoller.
so Adam nach seiner Begehung zu dem Grad
Jacopo Larcher, der mit Tribe seinerseits die Erstbegehung einer der schwierigsten Trad-Routen im Portfolio stehen hat, fühlte bei sich von Bon Voyage sofort angezogen. Als er die Route 2023 zum ersten Mal versuchte, machte er schnell gute Fortschritte und konnte einige Sequenzen zusammenhängend klettern.
Harter Start: Fingerverletzung im Mono-Pocket
Trotzdem wurde ihm schnell klar, dass diese Linie es in sich hat – schwere Kletterei, anspruchsvolle Platzierungsmöglichkeiten für die mobile Absicherung und ein großes Sturzpotenzial. Besonders der gefürchtete Zug an dem Einfingerloch bereitete ihm enorme Schwierigkeiten: Sein kleiner Finger war schlicht zu schwach und verletzte sich. Also legte er den Fokus erst mal auf andere Projekte und trainierte in der Zwischenzeit den Finger auf.

Meine Finger waren einfach zu schwach. Mir wurde klar, dass es keinen Sinn macht, mich im Vorstieg zu versuchen, wenn ich diesen Zug nicht einmal konstant halten konnte. Im Frühjahr 2024 war ich nochmal kurz allein am Projekt, aber wieder ohne wirklichen Fortschritt bei diesem Zug.
Jacopo Larcher
Erst im Wintertraining 2024/25 und bei einem Annot-Trip mit Kletterpartner Nemuel Feuerle machten sich bei Jacopo langsam Fortschritte breit, und er plante den nächsten Tripp. Doch eine Halsverletzung am vorletzten Klettertag nach einem Sturz zwang Jacopo zu einer Pause, die ihn den ganzen Sommer über ausbremste.
Aufgrund der Verletzung, der Frustration und anderer Pläne habe ich das Projekt schließlich auf Eis gelegt. Nach der Routensaison war für den Herbst wie üblich viel Zeit im Yosemite geplant – dann verletzte sich leider Babsi, und ich habe die Reise ebenfalls abgesagt. Bon Voyage kam mir wieder in den Sinn, zumal auch ein anderer Freund motiviert war, sie zu klettern. Ich begann, meinen kleinen Finger zu trainieren.
Jacopo Larcher
Neustart nach Verletzungspausen
Als dann im Herbst eine weitere Reise nach Frankreich anstand, war sein kleiner Finger endlich fit genug. Die Motivation stieg nochmal ordentlich an, als der lang ersehnte Einfingerloch-Zug auf Anhieb klappte. Jacopo konnte endlich Bon Voyage im Verstieg angreifen.
Der erste Versuch im Vorstieg fühlte sich seltsam an. Ich hatte so viel Zeit damit verbracht, die Route zu trainieren, meist allein an einem statischen Seil, und ich wusste nicht, was mich erwarten würde. Ein Teil von mir hoffte auf einen unwahrscheinlichen „First go, best go”. Ein anderer Teil war einfach nur gestresst. (…) Ich bin schlecht geklettert und war sehr angespannt, aber als ich fiel, war ich erleichtert, endlich echte Versuche zu unternehmen. Dieser Versuch hat wirklich etwas gelöst, und meine innere Motivation ist wieder gewachsen.
Jacopo Larcher
Jeder weitere Versuch, jeder Sturz brachte ihn näher an seinen Traum – trotz des Drucks und der Frustration, die diese Route mit sich bringt. Denn Vorstieg ist kein Toprope: Immer wieder musste er nach dem kraftzehrenden Schlüsselstelle abspringen. Aber mit einer genialen Sicherungstaktik von Mathieu Miquel, die Stürze an der Kante sicher macht, konnte sich Jacopo voll auf die Kletterei konzentrieren.
Langersehnter Durchstieg im November 2025
Am 29. November 2025 fiel dann endlich der Hammer: Jacopo erwischt den magischen Flow, in dem alles mühelos zu klappen scheint. Ein Moment, an dem ihn Bon Voyage lange Zeit verzweifeln ließ, endet mit einem wohlverdienten Durchstieg.
Es ist nur ein Stück Fels, aber ich bin dankbar für das, was mir diese Route während des gesamten Prozesses beigebracht hat: dass es sich immer lohnt, an einem Ziel festzuhalten, egal wie sehr man dabei zu kämpfen hat. Sie hat mich daran erinnert, wie wichtig es ist, den Prozess mit anderen zu teilen, mich wieder mit einem Land verbunden, in dem ich viele schöne Zeiten verbracht habe, und – insbesondere auf dieser letzten Reise – mich wieder mit dem Klettern verbunden.
Jacopo Larcher
Nach Ondra und Berthe reiht sich Jacopo damit in eine Riege von Kletterern ein, die nicht nur im Sportklettern, sondern auch im Trad-Klettern absolute Spitzenleistungen zeigen. Und das alles mit einem entspannten Vibe und dem Bewusstsein, dass Klettern mehr ist als nur der Grad an der Wand: sondern auch die Reise, die Freundschaften, das Teilen von Erfahrungen und das Dranbleiben an einem Ziel, egal wie schwierig es ist.