Illimani Southface Expedition erfolgreich beendet [Abschlußbericht]

Das Team um Extrem-Bergsteiger Florian Hill ist Anfang des Monats erfolgreich von ihrer Illimani Southface Expedition zurückgekehrt. Nach einer intensiven dreimonatigen Vorbereitungsphase vor Ort in Bolivien und einer schon vorausgegangenen noch längeren Planungsphase in Österreich, gelang es hill_gratFlorian Hill und seinem Team, unter zum Teil schwierigen Bedingungen, eine völlig neue Route an der Südwand des Illimani ausfindig zu machen und diese bis zum Gipfel zu durchsteigen. Innerhalb von sechs Tagen gelang es Florian Hill und Robert Rauch schlußendlich nicht nur den höchsten von vier Gipfeln des Illimani zu bezwingen, sondern gleichzeitig eine Massivüberschreitung.

Während der klassische Westgrat des Illimani Südgipfels, der höchste Punkt des gesamten Massivs, für den gut ausgerüsteten Andinisten von heute nicht mehr die größte Herausforderung dieses Berges darstellt, ist die Südwand dagegen ein Superlativ geblieben.

Der Illimani ist ein spezieller 6000er, besonders für die Menschen in der bolivianischen Hauptstadt La Paz. Für sie ist der Illimani nicht nur ein bloßer Berg, er ist mehr! Der Illimani ist ihr Wahrzeichen. Die Menschen richten sich am Illimani auf wenn sie schweres durchmachen, sie freuen sich mit ihm, wenn sie glücklich sind. Eine seltsame Symbiose zwischen Mensch und Mysterium, eine tiefe und reine Liebe, welche die Herzen einer Großstadt voller sozialer Gegensätze eint, deren multikulturelle Bevölkerung sich durchaus nicht immer einig ist. Der Illimani ist ein mystischer Berg und die Aymara haben gleich verschiedene regionale Namen für ihn. Einige nennen ihn „Illemana“, „wo die Sonne geboren mondnachtwurde“ oder „Jilir Mamani“, „der älteste Sohn“. Der linke Gipfel ist auch bekannt als „Khunu Urucuncu“, Schneebär. Dichter schreiben Verse, Musiker komponieren Lieder und Maler malen Bilder über die Schönheit und Anmutigkeit des Illimani. Aber nur ein Bergsteiger der den Illimani aus nächster Nähe betrachtet, kann wirklich sagen wie viel Wirklichkeit hinter all diesen Facetten steckt.

Hans Ertl, Erstbesteiger von Ortler- und Königsspitze Nordwand, begnadeter Bergfilmer und Kameramann der deutschen Vorkriegs-, Kriegs-, und unmittelbarer Nachkriegszeit, zählte den 6.439 m hohen Illimani 1950 zu den 10 schönsten Bergen der Welt. Lionel Terray, herausragender französischer Alpinist der 50er und 60er Jahre (Zweitbegehung der Eiger-Nordwand, Erstbegehung des Annapurna und somit erste Begehung eines 8000ers überhaupt), muss überwältigt gewesen sein ber-den-wolkenvom Anblick der Illimani-Südwand: „Derjenige, der die furchterregende und gewaltige Südwand des Illimani durchsteigt, der muss erst noch geboren werden“ schrieb er voller Respekt im Jahr 1952. In den darauffolgenden Jahren wurden bahnbrechende Neuerungen im Bereich alpiner Ausrüstung erfunden. Das verschob die Grenzen und Möglichkeiten des gerade noch Machbaren unaufhaltsam. Florian Hill und sein Team vollbrachten mit Hilfe dieser technischen Neuerungen eine für damals nicht menschenmöglich gehaltene alpinistische Leistung.

Folgendes schreibt Florian Hill, über die Expedition.

Endstation Sehnsucht

Ein Gipfel-oder Expeditionserfolg leistet wahrlich keinen großen Beitrag zurflorian-hill menschlichen Evolution. Man könnte das (Extrem)-Bergsteigen folglich als sinnlos betrachten. Denn letztendlich kommen wir über einen Gipfel, den höchsten Punkt eines Berges, dorthin zurück, von wo aus wir unsere Reise begonnen haben. Der Gipfel zwingt uns somit zum Umkehren. Während dieser Reise in noch nicht betretene Gebiete, hinterlassen wir ein vergängliches Kunstwerk, welches später nur noch in unseren Köpfen existiert. Von dieser Reise kommt man nicht zurück, man nimmt sie mit.


Die vollkommene Intensität des Bergsteigens bekommt man zu spüren, wenn ein Mangel an detaillierten
einstiegsrouteInformationen vorliegt, so wie es bei der Eröffnung unserer neuen Route an der Illimani Südwand der Fall war. Gelenkt durch die ureigenen Instinkte gibt man dem Wort Abenteuer seine ursprüngliche Bedeutung zurück.

Mein Leben und meine Bedürfnisse habe ich acht Monate zurückgestellt und der Idee an der Illimani Südwand eine neue Route zu eröffnen untergeordnet.

Der Illimani hat mich in dieser Zeit gekrönt und gekreuzigt, gefesselt und befreit! Stillschweigend hat der Illimani oftmals Bedingungen gestellt, die ich akzeptieren mussten. In Momenten in denen ich dem Illimani völlig ausgeliefert war, ist mir nichts anderes übrig geblieben als ihm zuzuhören was er mir zu sagen hatte.

Das Abenteuer beginnt

Als ich am Morgen aus meinem Zelt im Basislager schaue, haben sich bereits dicke Wolkenfelder unterhalb meines Zeltes ausgebreitet. Die Südwand hat ihr ganz eigenes unberechenbares Mikroklima.
Am gleichen Tag verlassen Robert und ich das Basislager I, um zwei verschiedene Aufstiegsmöglichkeiten auszuprobieren. Einen dünnen Eisschlauch können wir bereits vom Basislager aus entdecken. Die Frage die sich uns
biwak-iunmittelbar stellt: reicht dieser Eisschlauch bis zum Einstieg. Zu unserem Erstaunen müssen wir feststellen, dass der Eisschlauch nur im letzten, oberen Teil vorhanden ist.
Der Fels scheint extrem brüchiger Stein zu sein, die Route ist somit nicht kletterbar für uns.

Wieder im Basislager I entscheiden wir uns im Scheine unserer Stirnlampen am nächsten Morgen etwas östlicher nach neuen Möglichkeiten Ausschau zu halten. Als wir am nächsten Morgen über grobe Geröllfelder und brüchigen Stein klettern, können wir einen Gletscherbruch erkennen. Direkt in den Gletscherbruch führt mit einigen Verästelungen ein Eiscouloir, welches sich stetig aufsteilt. Nur sehr früh morgens hätten wir hier eine reelle Chance, die Séracs unbeschadet zu umgehen. Die Linie scheint uns logisch, bleibt aber unberechenbar. Die komplette Aufstiegsroute ist nicht einsehbar. Nach einer unumgänglichen Linkstraverse werden wir vor einem Abenteuer stehen, dessen Ausgang ins Ungewisse führt.

Aufgrund der großen Entfernung zu Basislager I entscheiden wir uns ein Basislager II zu errichten. Am darauffolgenden Tag starten Robert und ich um 03.00 Uhr in der Nacht. Da unsere Erstbegehung auf eine Vollmondnacht gelegt ist, vereint sich das Mondlicht mit dem unserer Stirnlampen. Als wir endlich am Einstieg des Eiscouloirs stehen, geht es auch schon unmittelbar zur Sache. Abschnitte des Couloirs mit bis zu 95 Grad Steigung pumpen einem schnell das Laktat in die Waden.

Wir machen Stand unter einem gewaltigen Sérac und bereiten uns auf einen Quergang nach links vor. florian-im-vorstiegRobert beginnt den Quergang über extrem brüchigen Stein und hangelt sich nach links. Erst als ich das singende Geräusch, welches charakteristisch für das einschlagen eines Hakens ist höre, atme ich erleichtert auf. Die nächste Querung drytoole ich weiter nach links und finde vorerst keine Möglichkeiten geeignete Sicherungen anzubringen. Als ich einen Spreizschritt wage und in die 200 m tiefe Schlucht unter mir blicke, wird mir die Ernsthaftigkeit dieser Kletterei bewusst. Alle Sicherungen im ersten und zweiten Quergang sind mehr als fragwürdig, was sich auf den extrem brüchigen Fels zurückführen lässt.

Nachdem Quergang treffen wir auf eine zweite, fast 150 m breite Eiswand. Die Sonne leckt mittlerweile gefährlich an den zahlreichen Séracs über uns und Robert und ich können gerade noch rechtzeitig einem grat-iiAusläufer einer Eislawine ausweichen. Nach einer kurzen Ruhephase an einem sicheren Stand entschließen wir uns seilfrei und zügig die gefährliche Stelle zu überwinden. Wir haben Glück und keiner der Kühlschrankgroßen Eisbrocken erwischt uns.

Nach schöner Firnkletterei auf knapp 6000 m, gelangen wir zum Einstieg der zweiten Eiswand. Wir finden eine Schwachstelle die Eiswand zu überwinden und werden Zeuge von immer wieder einstürzenden Séracs. Im oberen Teil ist das Eis sehr dünn und selbst unsere kürzeste Eisschraube, lässt sich nur zu 1/4 eindrehen. Häufig verklemmen wir zusätzliche Keile an eingefroren Steinbrocken. Um die Stände und Zwischensicherungen nicht zu belasten klettern wir ohne Pause durch die Wand.

Wenig später folgen wir einer weiteren Querung die aufgrund der schlechten Absicherungsmöglichkeiten, eine psychische Herausforderung bleibt. Als langsam die Sonne traverse1verschwindet, scheinen auch unsere Kräfte mit ihr zu gehen. Wir entschließen uns zu einem Biwak in einer Gletschermulde. In der Nacht zeigt meine Suunto-Uhr -27 Grad Celsius. Robert und ich teilen uns eine 50 cm breite Isomatte und einen Schlafsack, wer hier den Körperkontakt scheut, erfriert!

Am nächsten Tag beginnen wir mit der Traverse und erreichen den Hauptgipfel bei Dunkelheit. Die Zeit scheint wieder einmal stehen geblieben zu sein, ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, schon sechs Tage unterwegs zu sein. Im Basislager falle ich erschöpft aber glücklich unseren Freunden in die Arme, die uns langsam in die Hände klatschend empfangen. Tränen sammeln sich unter meiner weißen Gletscherbrille und tropfen in meinen Bart. Tränen der Freude und Erlösung. Die komplette Route trägt den Namen „Deliver Me“ – erlöse mich.

Die ILLIMANI SOUTHFACE EXPEDITION 2010 und Florioan Hill werden von folgenden Firmen unterstützt:

Text: Florian Hill, kletterszene.com Fotos: Florian Hill

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