No One Mourns the Wicked Yannick Flohé bouldert seine erste 9A – und wertet ab
06. Mai 2026 in News
- Bouldern
Eigentlich hätte es für ihn in die Red Rocks gehen sollen, aber am Ende durchkreuzte eine Hitzewelle die Pläne von Yannick Flohé. Stattdessen verschlug es ihn nach Colorado, wo ihm innerhalb nur weniger Versuche Defying Gravity (8C) gelang – die legendäre Linie von Daniel Woods.
Seit knapp zwei Jahren gibt es auch einen dazugehörigen Sitzstart: No One Mourns The Wicked, 2024 vom US-Amerikaner Nathaniel Coleman erstbegangen und mit 9A bewertet. Nach insgesamt sieben Sessions gelang Yannick Flohé am 9. April die vierte Begehung der Linie. Es ist das erste Mal, dass ein Deutscher einen Boulder im derzeit höchsten bestätigten Schwierigkeitsgrad wiederholt hat.
Flohé: "Fühlt sich nicht wie 9A an"
Eigentlich könnten wir Yannick Flohé an dieser Stelle zu seiner ersten 9A gratulieren – er selbst würde das allerdings anders sehen.
Für den 26-Jährigen bestand die Herausforderung nicht im Boulder selbst, sondern vor allem im Umgang mit den Bedingungen. Dass Flohé letztlich sieben Sessions in No One Mourns The Wicked investierte, lag laut ihm nicht nur daran, dass er aufgrund seiner Körpergröße eine eigene Lösung für die Sitzstart-Sequenz finden musste.
Vor allem die wechselhaften Bedingungen und seine trockene Haut hätten den Prozess unberechenbar gemacht: "An manchen Tagen konnte ich nichtmal die Züge aus dem Stehstart, an anderen Tagen konnte ich Defying Gravity mehrfach hintereinander zum Aufwärmen klettern", so Flohé.
Entsprechend nüchtern bringt Flohé in einem Instagram-Post seine Einschätzung zur Schwierigkeit auf den Punkt:
Ich glaube nicht, dass No One Mourns The Wicked eine 9A ist (...). Ich habe noch keine 9A geschafft, aber ich weiß, wie sich andere 9As anfühlen. Deshalb schlagen ich 8C+ vor.
Kritisch im Umgang mit Schwierigkeitsgraden
Es ist bei weitem nicht das erste Mal, dass Yannick Flohé nach einer schweren Begehung ein Downgrade auspackt. Erst vor wenigen Tagen wiederholte er Will Bosis Brain Rot in Magic Wood, für das der Schotte 8C+ vorgeschlagen hatte. Yannicks Gegenvorschlag: 8B+.
Im Juli 2025 gelang Flohé außerdem mit Dave Grahams Ausdauer-Testpiece Foundation's Edge der erste 8C-Flash aller Zeiten. Auch hier zeigte sich der Essener bescheiden und beschrieb die Linie in Fionnay als "soft" und als "die wahrscheinlich flashbarste 8C der Welt".
Flohé hat bereits mehrere Linien im Grad 8C und 8C+ wiederholt – darunter Story of Three Worlds (8C+), Return of the Dreamtime (8C+) und Off the Wagon Sit (8C+) im Tessin. Am Seil gelang ihm kurz vor Weihnachten 2025 sein bisher härtestes Projekt, Excalibur (9b+) in Arco. Der 26-Jährige gönnt sich derzeit eine Pause vom Weltcup und verbringt seine Zeit lieber draußen an schweren Bouldern und Routen.
Gemischte Reaktionen aus der Community
Für seine Begehung – aber vor allem seinen Vorschlag zur Abwertung auf 8C+ – bekam Flohé überwiegend positives Feedback aus der Boulder-Community. Der überwiegende Konsens der Kommentare: In einer Zeit, in der 9As scheinbar nur so aus dem Boden sprießen, ist ein ehrliches Downgrade überraschend erfrischend.
Zu berücksichtigen ist dabei natürlich, dass das Internet bekanntlich immer für ein bisschen Drama am Start ist. Trotzdem erntet Flohé aus der Szene aufrichtiges Lob dafür, dass er eben nicht den prestigeträchtigen Schwierigkeitsgrad mitnimmt, sondern dass er den Bewertungsvorschlag seinen Erfahrungen in anderen 9As gegenüberstellt.
Der erste Deutsche, der 9A bouldert und direkt abwertet. Solide wie immer.
Währenddessen schaltete sich in den Instagram-Kommentaren auch Hamish McArthur ein, der No One Mourns The Wicked 2025 innerhalb nur eines Tages wiederholt hatte. Der Brite teilte seine Sichtweise auf schwere Outdoor-Begehungen – demnach dürfe man beim Schwierigkeitsgrad die externen Faktoren nicht außer acht lassen.
Das Downgrade erscheint schon sinnvoll, aber ich glaube, dass ein Boulder nie unabhängig von den Bedingungen oder der Haut existiert. Die Herausforderung beim Klettern ist nicht trotz der Bedingungen, sondern wegen der Bedingungen. Das ist vielleicht schwer zu akzeptieren, aber ich finde diesen Unterschied wichtig.
Flohé selbst sieht auch das jedenfalls anders. Unter McArthurs Kommentar nimmt er auf dessen blitzschnelle Wiederholung der Linie Bezug und schreibt ironisch: "Sicher ist das 9A, wenn man das in einem Tag klettern kann."
Über die Linie
Als Sitzstart zu Daniel Woods Klassiker Defying Gravity (8C) fügt die 9A-Variante je nach Beta rund zwei Handvoll extrem fingerlastige Züge hinzu. Coleman bewertete die Sequenz vom Sitzstart bis zu den Startgriffen des Stehstarts mit 8B+, Flohé wiederum mit 8A. Ursprünglich war der tiefere Start Daniel Woods' originale Vision für die Linie, galt aber lange Jahre als Zukunftsprojekt.
Nathaniel Coleman hatte No One Mourns The Wicked 2024 nach 22 Sessions erstbegangen. Im Mai 2025 gelang dem Briten Hamish McArthur die erste Wiederholung innerhalb nur eines Tages – inklusive des Stehstarts. Beckett Hsin, der die Linie im Februar diesen Jahres wiederholt hat, bewertete sie als softe 9A.
McArthur ist der bisher einzige Begeher von No One Mourns The Wicked, der eine weitere 9A auf der Tickliste stehen hat. Vergangenes Jahr gelang ihm Shawn Raboutous Megatron im Eldorado Canyon.