75 Minuten reichen dem frisch gebackenen Vater Pirmin Bertle für die zwei 9a-Erstbegehungen Chromosome X und Chromosome Y in Charmey

Na dann ist das mit dem schwer Klettern ja vorbei…“. Es ist Ende 2011. Erzähle ich anderen Kletterern in meinem Umfeld von unserem Baby, das sich für März 2012 angemeldet hat, ist dies oder ähnliches der häufigste Kommentar, den ich zu hören bekomme. Man klingt überzeugt und so regen sich auch bei mir Bedenken, ob unter zerstückelten Nächten, ständigem Windelwechseln und allerlei neuartigen Verpflichtungen eine Erhaltung – oder gar ein Ausbau – der Formkurve noch möglich sein würde. Einzige Hoffnung: für meine Riege an Projekten – die meisten davon an der Tribune in Charmey – bleiben ja noch ein paar Monate. Bis zum Tag X. Dem leichthin prophezeiten Ende meiner Kletterkarriere.

Diese Monate vergehen erst in einer sechswöchigen Kletterpause wegen Schulterverletzung, dann einer Land-unter-Periode in den Alpen Anfang 2012, sowie dem obligaten Formwiederaufbau in sibirischer Kälte im Februar. Alle Erstbegehungen, die schwerer als 9a sind (also Fruit du rapport, geschätzt 9b und Occupy Wall Street, geschätzt 9a+) werden von der Projektliste für dieses Frühjahr gestrichen, denn richtig gute Bedingungen herrschen im südseitigen Charmey nur bis zum April. Zudem gilt es wie alle Jahre wieder die Nässeperiode der Schneeschmelze zu überstehen.

Ziel der ausgehenden Saison werden also die beiden noch unbegangenen Routen Chromosome X und Chromosome Y im linken Wandteil. Pate bei der Namensgebung steht die etwas komplizierte Linienführung. Die beiden Touren kreuzen sich im unteren Drittel und teilen dort einen Ruhepunkt, haben aber keine gemeinsamen Züge. Genau wie bei einem Chromosom. (Dazu X und Y… Das Geschlecht unseres Nachwuchses zu erraten, sei jedem selbst überlassen.).

Chromosome X beginnt links mit einem Startboulder inkl. Sprung im Grad Fb7b+/7c. An besagtem Ruhepunkt – einem mehr schlechten als rechten Knieklemmer in 40° steilem Gelände an offenen Griffen – zieht sie kurz nach rechts und mündet in einer 6 Meter langen Passage im Grad Fb8a+/8b. Üble Sloper, seichte Leisten, dafür aber etwas flacheres Gelände. (Vor allem vor diesem Part sei bei nicht perfektem Grip ausdrücklich gewarnt.) Die restlichen 15 Meter dann sind ca. 7c und sollten höchstens Boulderspezialisten noch abwerfen. Gefragt sind in der Route insgesamt eher Fingerkraft und Präzision. Ganz schwere Einzelzüge sind nicht dabei, Maximalkraftausdauer und durchaus auch Kraftausdauer sollte man aber nicht zu knapp mitbringen. Den ersten guten Ruhepunkt gibt es erst nach 33 Zügen.

In Chromosome Y dagegen wird sofort volles Engagement gefordert. Die ersten steilen 5 Meter von rechts sind gleich mal Fb8a+/8b und werden von einem Fb7b+/7c abgerundet, bevor man wiederum in besagtem Ruhepunkt landet. Die knapp 20 Meter zur Kette gehen für 7c+ über die Ladentheke. Angesichts des spannungsfressenden Knieklemmers am Rastpunkt und der 9a, die man bis dorthin geklettert ist, ist aber auch dieser etwas längere „Ausstieg“ kein Selbstläufer. Chromosome Y fordert mehr Körperkraft als sein Gegenpart, ist aber sicher kein hirnloses Geballere. Bezeichnend hierfür ist der Umstand, dass die beiden schwersten „Züge“ Fußbewegungen sind. Wer keine Ausdauer mitbringt, wird ebenso abblitzen, wie jene ohne Maximalkraft und Maximalkraftausdauer. Dass man vor der Komplexität der Charmey-Kletterei nicht zurückschrecken sollte, bedarf kaum einer expliziten Erwähnung.

Bei so komplexen Anforderungen dauerte der Formaufbau bis auf „Wettkampfniveau“ natürlich etwas. Bei -18° Grad im Tal ist der Grip zwar super, im Februar sind beide Durchstiege aber noch in ordentlicher Distanz. Bis zur Geburt würde vielleicht eine der beiden zu realisieren sein, beide durchzusteigen, erscheint mir allerdings wenig realistisch. Und danach wäre die Saison ja erst mal gelaufen. Ungünstigerweise ist es schwer, nur eine der zwei Routen zu versuchen, da beide körperlich so fordernd sind, dass nur ein Ruhetag zwischen Versuchen in der gleichen Route kaum reicht um Haut und Muskeln voll zu regenerieren. Also bleibe ich an beiden dran, auch wenn ich dann bis zur Geburt keinen Rotpunkt verbuchen werden kann.

So kommt es dann auch. Anfang März beginnt die Zeit der kurzen Nächte und der 24 Stunden Überwachung. Es wäre nicht schlimm, müsste das Klettern jetzt ein paar Monate oder auch ein Jahr zurücktreten, aber unser Sohn ist nett zu uns und friedlich und so kann ich nach einer Woche Pause – allerdings etwas übernächtigt – wieder an die Tribune. Und plötzlich zieht die Form an und in der Folgezeit bin ich ein paar Mal nicht weit vom Durchstieg von Chromosome X entfernt. Spätestens der letzte schwere Zug auf ein Einfingerloch wirft mich aber immer ab. Zudem wird es ein warmer März. Guten Grip gibt es nur noch zwischen 19 Uhr und Sonnenuntergang. Der ist Ende März so gegen 20:15 Uhr.

Am 30.03. stehe ich dann Punkt sieben am Einstieg von Chromosome X. Zwei Ruhetage, eine Fresssession beim Türken am Abend zuvor, ein ausgiebiges Mittagsessen mit zwei Gläsern Wein und ein miserabler Versuch eine Stunde zuvor waren die zentralen Bestandteile der Vorbereitung. Ich erwarte nicht viel, zähle aber zumindest klammheimlich auf den besseren Grip. Den gibt es dann auch. Zudem eine Überportion Kraft, einen technisch perfekten Go. Der Rotpunkt fühlt sich plötzlich nur noch wie eine Formsache an. Vor dem Regen Anfang nächster Woche und den Osterferien würde ich zumindest schon mal etwas in der Tasche haben.
Eigentlich will ich Feierabend machen, es wird ohnehin langsam dunkel. In Chromosome Y fehlt mir eh noch einiges zum Durchstieg und ich will mich für zwei Tage später schonen. Dann entschließe ich mich um acht Uhr zu Trainingszwecken doch noch einmal einzusteigen. Ich sehe nicht mehr sehr viel, aber ich kenne die Moves ja. Und ich kann nicht sagen, woran es liegt, aber auf einmal scheint sie auch mein Körper perfekt zu kennen. Er spult die Züge in bester und effizientester Manier runter, ich verfehle zwar den zu angelnden Tritt im Fb7b+/7c Boulder vor dem Ruhepunkt, habe aber noch die Reserven, es noch einmal zu versuchen. Ich erwische ihn und hänge auch die nächsten Bewegungen bis in den Knieklemmer an. Die 7c+ oben wirft mich zwar noch fast ab, aber einen solchen Moment vermasselt man dann doch nicht. Um 20:15 klippe ich die Kette von Chromosome Y.
Ein Hund unten im Tal dreht unter meinen Jubelschreien halb durch, ich kann mich vor Lachen über diesen Coup kaum halten, Adrian und ich fallen uns in die Arme. 1 Stunde 15 Minuten und die Tribune hat ihre 9a’s Nummer 3 und 4. Und ich meinen bisher unglaublichsten Klettertag. Unter ganz neuen Bedingungen, von denen man sicher zu glauben wusste, dass sie das schwer Klettern verunmöglichen würden.

Für Chromosome Y und Chromosome X habe ich ohne zu zählen geschätzte je 40 Versuche gebraucht, Formaufbau inbegriffen. Gemessen an den Bedingungen und dem „Liegfaktor“ sind sie damit deutlich schwerer als alle meine 9a-Wiederholungen (z.B. Cabane au Canada oder Jungle Speed), aber in etwa auf einer Linie mit meinen Erstbegehungen in diesem Grad, wie Force du rapport oder Torture physique 2.0.

Mit dem schwer Klettern ist es auf jeden Fall noch nicht vorbei, kann es fast nicht sein, schließlich warten noch das eine oder andere Projekt in Charmey. Und vielleicht hatte ja doch der eine Bergführer und doppelte Vater recht, der mir vor der Geburt sagte: „So richtig motiviert am Fels bin ich erst seit meinen Kindern…

Pirmin wird von Edelrid unterstützt.

Text: Pirmin Bertle kletterszene.com Foto: Pirmin Bertle

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