Sasha DiGiulian und ihr Kletterpartner Edu Martin haben die erst zweite Rotpunkt Begehung der 700 Meter hohen Multi-Pitch-Route Mora Mora (8c) in Madagaskar geschafft.

Am anspruchsvollsten Pitch der 700 Meter-Route Mora Mora – einem wahren Monster von Kletterroute, tief in Madagaskar gelegen und bisher nur einmal erfolgreich bezwungen – starrt Sasha DiGiulian auf die Erhebungen und Spalten des nächsten Abschnitts, mit nur einem Ziel im Auge: Die Route in einem durchzuziehen und den erst zweiten erfolgreichen freien Durchstieg der Route einzusacken.

Die Natur des massiven und groben Granit-Felsens bringt es aber mit sich, dass die Zahl der Möglichkeiten, weiter zu klettern, nur sehr spärlich ausfällt. Die Griffmöglichkeiten, aus denen sie auswählen kann, beschränken sich auf kleine kristallisierte Granit-Kanten, die nicht größer, als „geschälte Erdnüsse“ sind.

„Es ist wie ein Tanz“, erzählt DiGiulian. „Jede Platzierung des Beins muss präzise auf den Punkt passieren. Es ist wichtig, nur leicht zu Atmen und den Körper mit langsamen Bewegungen zu positionieren, vor allem aber gilt es, viel Vertrauen in die kleinen Kanten zu setzen.“

Am 20. Juli 2017, nach drei Tagen und Nächten in der massiven Wand, haben Sahsa und Edu Marin ihr Ziel erreicht. Mora Mora zu klettern ist eine wahre Herausforderung, alleine, was den Schwierigkeitsgrad betrifft, doch können die beiden vor allem deshalb stolz auf sich sein, da sie in dem 20-jährigen Bestehen der Route die erst Zweite Seilschaft sind, die Mora Mora per erfolgreich bezwungen haben. Damit treten sie in die Fußstapfen eines Adam Ondra: Er hat es bereits zehn Jahre, nachdem die Route Erstbegangen wurde, geschafft, sie rotpunkten.

Sasha darf sich zudem darüber freuen, dass sie die erste Frau überhaupt ist, die die Route bezwungen hat. Im Nachhinein sind sie und Edu übrigens davon überzeugt, dass Mora Mora ganz klar zu den schwersten und furchteinflößensten Mehrseillängen-Routen der Welt gehört.

Mora Mora, was freiübersetzt „langsam, langsam“ bedeutet, ist eine 700 Meter hohe Wand, die sich an der linken Seite des Tsaranoro-Massivs auf der ostafrikanischen Insel Madagascar in die Höhe streckt. Das Gebiet geizt nicht mit atemberaubenden visuellen Eindrücken: Die schwarz-orangen Wölbungen sind mit dezenten gelben Flächen abgerundet und kreieren eine bergige Landschaft,die einen in Staunen versetzt. Das Dorf Andonaka, das ganz in der Nähe liegt, heißt zudem jeden Kletterer herzlichst Willkommen.

„Der Lifestyle hier ist simpel, zugleich sind die Leute aber ungeheuer freundlich“, erklärt DiGiulian. Während Tsaranoro bereits seit den späten 90ern ein Kletter-Gebiet ist, sind hier aufgrund der Abgeschiedenheit tatsächlich nur sehr wenige Kletterer zu finden.

Wenn du dir grob geschätzt etwa sechseinhalb Fußballfelder vertikal aufeinandergeschichtet vorstellst, dann bekommst du einen Eindruck von der Größe von Mora Mora. Herausfordernde Routen wie diese verlangen Hingabe: Es gilt, mehr zu klettern, mehr Ausrüstung dabeizuhaben und mehr Zeit und Energie aufzuwenden. Das nur schwer zugängliche Gebiet und die Größe der Route sind alles Faktoren, die das Klettererlebnis um ein Vielfaches intensivieren.

Sasha erzählt von den schwierigen und hochtrabenden Testläufen: „Wir brauchten ein paar Tage, um alle Sequenzen zu entschlüsseln und die Airline hat unser Portaledge verloren, also mussten wir jeden Tag um die 90 Minuten den Berg rauf wandern, 426 Meter jümarn, dann den 8c probieren, uns abseilen und wieder rauswandern.“

Aber erst, als sie eine genaue Ahnung von der Schlüssellänge hatten, wagten sie den Versuch, die ganze Route in einem durchzuziehen.

Eine Achterbahnfahrt der Gefühle

Für Sascha DiGiulian liegt der zermürbende und herausfordernde Part von Multi-Pitch-Climbing vor allem in dem Mix der Emotionen.

„Die erste Woche eines Projektes dieser Größe ist für mich mental immer am schwierigsten“, erzählt DiGiulian weiter. „Ich habe Angst davor, zu fallen und dieses Ausgesetzt-Sein, auch wenn ich mich nicht wirklich vor große Höhen fürchte, gräbt sich ihren Weg ganz tief in meine Psyche, was dann dieses schwere Gefühl der Unsicherheit in mir auslöst.

Manchmal braucht DiGiulian Stunden auf der Wand, manchmal sogar Tage, damit sie sich selbst pusht und sich an das Fallen und das Gefühl, den großen Höhen völlig ausgesetzt zu sein, gewöhnt. Erst dann fühlt sie sich bereit für die Herausforderung.

„Am Ende waren die ersten paar Tage emotional eine wahre Achterbahnfahrt. Den einen Tag fühlten sich die einfachsten Pitches an, als würde es um Leben und Tod gehen, den anderen hing ich nur mit meinen Fingerspitzen an der Wand und es war kein Problem für mich.“

Darin liegt wohl auch die größte Herausforderung für Kletterer generell. Sie testen ihre physischen Limits hunderte von Metern über dem Boden und müssen dabei mit ihren Emotionen irgendwie klarkommen. Dabei gilt es eine Regel immer zu beherzigen: Lass sie passieren, aber lass sie dich nicht auffressen.

Sasha DiGiulian und Edu Marin können Mora Mora nun ihrer Tickliste der Multi-Pitch-Routen, die sie zusammen geklettert sind, hinzufügen. Darin stehen bereits Bellavista (8c) in den Dolomiten und die Viaje de los Locos (8b+) in Sardinien zu finden. Genau eine solche einfühlsame und kühne Partnerschaft ist das, was eine Route solchen Ausmaßes braucht.

Die beiden verbrachten fast einen ganzen Monat ohne Handy-Empfang und ohne Strom. Dennoch hat das Duo eine einfache, aber umso wirksamere Routine gefunden. Tag für Tag haben sie lange damit verbracht, sich die Route zu erarbeiten, woraufhin sie die Nacht in ihrem doch noch angekommenen Portaledge – hoch über dem Boden verbrachten.

Sasha bringt das Ganze am Ende auf den Punkt:

„Wenn es einen Weg gibt, jemanden wirklich kennenzulernen, dann in einem Abenteuer, wie diesem.“

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