Markus Urbanowski berichtet in seiner humorvollen smarten Art über den Klettertrip in den Norden Schottlands. Abenteuerlustig sind die vier Kletterer unterwegs! Urbanowski schildert neben den Erlebnissen mit dem Wild Life, kühne Zustiege und berauschende Trad-Klettereien.

«Im August 2016 machten wir uns also auf nach Hoy. Das Team bestand aus einem der besten Fotografen und Filmemacher der deutschen Kletterszene, Nico Altmaier von VerticalAxis, Thomas Shorty Tauporn mit seiner Frau Selina und mir. Nach 19 Stunden per Auto, Flugzeug und Fähre kamen wir auf der Hauptinsel der Orkneyinseln an. Unglaublich, in der Zeit und für die Kosten hätten wir auch locker nach Miami Beach fliegen können, wollten wir aber nicht! Nach dem Peak District in 2014 und den Hybriden vor Schottland im letzten Jahr wollten wir den Old Man Of Hoy klettern.

Mit der Fähre ging es früh am nächsten Morgen auf die Insel Hoy, bekannt für seinen ‚Old Man‘ die wohl berühmteste Felsennadel der schottischen Küste. Unser Basecamp schlugen wir in Rackwick, der Riviera von Hoy auf. An den ersten Tagen begrüßte uns Hoy mit viel Sonne und einer leichten Brise – perfekte Bedingungen um sich an die Kletterei und Eigenheiten des Gebiets zu gewöhnen.

Die Zustiege und Abseilmöglichkeiten waren nicht mehr ganz so simpel zu finden. Bei unserem letztjährigen Trip nach Schottland mussten wir nur selten Felsbrocken zusammentragen oder Felsen ausgraben, um über die Klippen abseilen zu können. Bis in die Haarspitzen motiviert seilten wir uns in Richtung Meer und kletterten die ersten leichten Touren.

Auch auf den Orkneyinseln werden die Touren ausschließlich im Trad Stil geklettert. Cams in allen Größen und Formen, Schlingen, Keile, Microstopper, Helme und starke Nerven sollten immer dabei sein. Natürlich wurde in brenzligen Situationen immer genau der passende Cam, Keil oder Microstopper schon ein paar Meter tiefer oder im Stand verbaut und dann sind die Nerven und Unterarme gefragt. Dass muss man schon wollen aber für uns ist es das dritte Jahr in Folge in GB – wir suchen genau diese Situationen; auch wenn wir im akuten Moment genau diese Situation verfluchen.

Zwischen Rackwick und dem Old Man of Hoy stürzt sich ein Bach über die Klippen ins Meer und wir entdeckten eine kletterbare Linie direkt daneben. Ich behängte mich dem Material und stieg in die neue Linie ein. Eine wunderschöne, leicht überhängende Kletterei an guten Griffen. Das letzte Viertel der Route wurde von einem nassen Grasband mit spuckender Möwe unterbrochen. Zum ersten Mal hatten wir mit diesen Tieren beim Klettern zu tun und wurden zur Begrüßung mit halbverdautem Fisch bespuckt. Shorty wiederholte die Route und ich gab ihr den Namen „Hitchcock“, E3 6a.

Wir waren soweit, am nächsten Tag greifen wir den Old Man of Hoy an. Die ursprünglich geplante Route war aber durch eine Seilschaft belegt. Einer der Kletterer hing frei in einem Überhang und kam nicht mehr weiter. Über eine Stunde schafften es auch seine Partner nicht, ihn hoch an den zweiten Stand zu bekommen. Wir entschieden uns für die Route „A Few Dollars More“ über die nördliche Seite des Old Man.

Der Zustieg zum Old Man ist wohl der gefährlichste Teil der ganzen Aktion. Supersteile und immer nasse Graspolster, wie man sie wohl nur in den sehr kühnen Klassikern des Allgäus findet. Ein falscher Schritt oder ein nachgebender Tritt und du fällst die verbleibenden Meter über die Klippen.

Die Route war leicht sandig und mit ein paar Möwen versetzt aber am sicheren Standplatz die Seelöwen beim Schwimmen und Tauchen zu beobachten, beruhigte wieder die Nerven für die nächste Länge. Eine Seillänge vor dem Gipfel erreichten wir die Seilschaft aus der Originalroute – zwei Jungs aus Sheffield, die ihren Vater (Ü50, Thekensportler, >120kg) mit allen Tricks und seit über 8h auf den Gipfel transportierten. Unter lautem Gelächter erklärte mir einer der Söhne, dass ihr Vater noch nie in einem Klettergurt hing und aufgrund der Tatsache, dass sie kurz vor der Abreise keinen Brustgurt mehr bekamen, schnallten sie ihm einen normalen Hüftgurt um die Schultern. Eine Steigklemme in die Hand uns los. Ich konnte es nicht glauben, zumal der Wind immer weiter auffrischte. Da die Vatersohn-Seilschaft die Abseilpiste blockierte, mussten wir noch knappe zwei Stunden auf dem Gipfel des Old Man verbringen. Der Wind war inzwischen so stark geworden, dass wir unser eigenes Wort nicht mehr verstanden und nur noch nach unten wollten. Wir sprachen uns mit den Engländern ab und richteten eine Abseilpiste ein. Das hatte zur Folge, dass wir im Tal wieder über eine Stunde warten mussten bis die Jungs nachkamen. Die letzten 60m waren überhängend und der Vater hing horizontal, bis bananenförmig in seiner Gurtkonstruktion. Es war zum Lachen und Weinen zu gleich. Zehn Meter über dem Boden wickelte sich dann das Seil, welches Oli, einer der beiden Söhne von oben als Backup mitlaufen ließ, um einen seiner Friends mit starren Steg. Mit jedem Zentimeter welchen sich der Vater abseilte, bohrte sich der Friend immer weiter in das Schienbein von Oli. Irgendwann ging’s nicht mehr weiter, Oli brüllte wie am Spieß und wir konnten vom Boden aus nicht helfen. Irgendwie konnte er sich doch noch befreien und der Vater landete zwischen den Brandungsbrocken. Zurück am Einstieg warteten wir noch bis die Jungs den Grashang bewältigt hatten und freuten uns dann auf das verdiente Bier!

Am nächsten Tag fuhren wir in den Süden von Hoy. Unser Ziel die „Needle“ eine 60m hohe Felsennadel im Meer, welche seit ihrer Erstbegehung 1990 wohl noch keine Wiederholung bekommen hat. An der Südwestküste von Hoy suchten wir uns den Weg durch die Moorlandschaft. Verendete Schafe und angriffslustige Raubmöwen, die Bonxies, begleiteten uns auf dem Weg. Nach knappen 2h mühsamen Zustiegs sahen wir die „Needle“ vor der Küste auftauchen und wir bereiteten uns schon auf das Schwimmen vor. Laut Beschreibung der Erstbegeher, sollten wir zuerst 60m in einen tiefen Felseinschnitt direkt ins Meer abseilen und dann zum Einstieg schwimmen. Der Abseilpunkt war aber nur ein verrosteter alter Zelthering im steilen Gras der Klippen. Ein falscher Schritt und wir hätten die Klippen direkt genommen. Die Needle selbst war bevölkert von unzähligen Möwen und sah auch von der Felsqualität nicht sehr einladend aus – nach einer Stunde Abwegen der Pro- und Contra- Argumente entschieden wir uns gegen die Besteigung der Needle. Kein Steinhaufen der Welt ist es wert ein zu hohes Risiko einzugehen. Die Stimmung war nicht besonders, ein blöder langer Zustieg und dann kein Klettern – Mist! Auch die Alternativroute stellte sich als überhaupt nicht lohnend heraus. Wenigstens gab es viele Felsbrocken die direkt über die Klippen und mit lauten Schlag ins Meer befördert werden wollten.

Ruhetag: Es ging kein Wind, war bewölkt und wir konnten nicht vor die Türe. Die berühmt berüchtigten Midges hatten die Insel im Griff. Zum Glück hatten wir ein Ferienhaus mit Kühlschrank und Küche. So konnten wir den ganzen Tag trinken, schlafen, kochen, trinken, essen, lesen, trinken.

Immer noch ohne Wind entschlossen wir uns am nächsten Tag zurück zum Old Man zugehen – Shortys Frau Selina und Nico unser Fotograf sollten auch dem Wahrzeichen der Orkneyinseln stehen. Aufgrund der wenigen Ausrüstung blieb Shorty „an Land“ und ich stieg den beiden vor. Diesmal über die Originalroute und bei bestem Wetter. Wale und Delphine, die die Küste entlang schwimmen – eine paradiesische Szenerie.

Wir verließen Hoy und kehrten auf die Hauptinsel zurück. Direkt nach Yesnaby, wieder an die wilde Westküste und zu unserem letzten Sea Stack, dem berühmten „Castle of Yesnaby“. Uns erwartete der heißeste Tag des diesjährigen schottischen Sommers, keine Wolke am Himmel, perfekte Bedingungen. Die Flut hatte bei unserer Ankunft ihren Höhenpunkt und das Meer war zu wild, um an das Schwimmen zum Castle auch nur zu denken. Die Klippen und Routen drum herum aber schauten selbst schon so spektakulär aus, dass es nicht lang dauerte und ich mit meinem Material über die Klippen abseilte. Die Einstiege lagen im oder knapp über dem Wasser und wir holten uns nasse Kletterschuhe und Hosen. Dass die Seehunde nun bis auf 5m und quasi auf Augenhöhe herankamen, machte die Sache zusätzlich spannend. Die gekletterten Touren wurden die schwersten des ganzen Trips. Bester Fels und die extreme Motivation von Shorty und mir heute nochmal richtig Gas zu geben, bescherte uns unter anderen die bislang schwerste Tour auf den Britischen Inseln: „Dragonhead, E6 6b“ im ersten Versuch. Im Eifer des Kletterns bemerkten wir erst spät am Nachmittag, dass nun die Ebbe da war und das Meer sich beruhigt hatte. Wir hatten noch ein Zwei-Stunden-Fenster für das Castle. Wenn wir dieses Jahr noch das Castle klettern wollten, mussten wir es quick & dirty klettern. Das bedeutete für uns: keine Seilbahn, kein Kleiderwechsel, kein Handtuch, keine trockene Ausrüstung, kein Chalk. Beide schwimmen zum Einstieg, raus aus dem Wasser, kurz vom Wind trocknen lassen und dann hoch. Ein Vergnügen wie es wohl nur selten möglich ist – Bedingungen wie auf Mallorca beim DWS – nur eben mit Camalots und Seil. Was für ein Tag – der krönende Abschluss einer tollen Zeit auf Orkney.»

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