Bereits 1992 versuchten die beiden Engländer Andy Perkins und Brendan Murphy die Wand zum Gipfel des Cerro Kishtwar zu durchsteigen. Nach 17 Tagen mussten sie 100 Meter unter dem Gipfel erschöpft aufgeben. Ein Jahr später kletterten ebenfalls zwei Engländer — Mick Fowler und Steve Sustad — über eine Eisrampe im linken Teil dieser Wand in eine Scharte auf etwa 5600 Meter und wechselte dann auf die etwas flachere Ostseite des Berges und erreichten als erstes Team den Gipfel.

Im Anschluss wurden die Berge in Kaschmir aus militärischen und politischen Gründen über Jahre für ausländische Bergsteiger gesperrt. Anfang 2010 wurde die Sperre aufgehoben und Stephan Siegrist, Denis Burdet und David Lama waren 2011 die erste Expedition in dieser Bergregion. Ihr Ziel war es, im Alpinstil den Cerro Kishtwar zu besteigen. Über eine Eisspur auf der Nordwestseite, rechts neben der markanten Granitwand, erreichten sie als zweites Team den Gipfel. 2015 kletterten Hayden Kennedy, Marco Prezelj, Manu Pellisier und Urban Novak im Alpinstil über die Ostwand den Granitturm und erhielten dafür den Piolet d’Or.

Es ist 3 Uhr morgens. Unser Koch Surij reißt uns militärisch aus unseren Träumen.  Es ist kalt und sternenklar. Nach einem kurzen Frühstück starten wir zu unseren zweiten Versuch, die Cerro Kishtwar Nordwestwand zu durchsteigen. Die Stimmung im Team ist verhalten weil jeder weiß, es gibt kein Zurück mehr. Jetzt oder nie! Jeder hat sein persönliches Ritual, bevor die Herausforderung all unsere Aufmerksamkeit und Erfahrung in Anspruch nimmt. Stephan sucht als Glückbotschaft den Himmel nach Sternschnuppen ab. Julian zieht den linken Bergschuh zuerst an. Ich lege einen roten Stein auf ein übergroßes Steinherz, meine Schwelle vom Basislager in die Bergwelt. Ich bitte, dass wir behütet werden in allen Gefahren. Ich  lasse alles hinter mir. Nur noch das „Jetzt“ ist wichtig und ein „nie“ hat keinen Platz mehr. Vor mir das Abenteuer, die Wand, die vereisten Risse, der nächste Meter, der wackelige Cliffhanger oder fragwürdige Birdbeak. Egal was uns erwartet, ich werde alles geben, um die Herausforderung zu bestehen!

Vor einem Jahr bekam ich von Stephan Siegrist eine E-Mail mit einem Bild eines unglaublich schönen Berges aus Kaschmir. Er hätte ihn zwar schon bestiegen, aber es  gäbe noch eine perfekte Linie an einer bisher noch undurch- stiegenen Wand! Eigentlich hänge ich immer noch mit meinen Gedanken im Karakorum, an dem Siebentausender Latok I. Mittlerweile bin ich bereits zweimal an diesem Berg gescheitert, glaube jedoch an das Projekt, die Nordwand durchsteigen zu können. Aber ein drittes Jahr in Folge Latok 1, dort vielleicht sogar wieder scheitern zu müssen, das wäre für mein Selbstbewusstsein als Bergsteiger nicht besonders aufbauend.

 

Dieser im Abendlicht glühende, orange Granit einer senkrechten 6000 Meter Wand, der fast aussieht wie der Cerro Torre und Cerro Kishtwar heißt, bringt mich auf einen neuen Weg. Ohne jedoch Latok zu streichen. Ich verstand, dass ich wieder ein Ziel brauche, um mich für mein Herzensprojekt vorzubereiten. Wieder das Gefühl zu haben, oben zu stehen, zu wissen, dass man es doch noch kann. Die Berge zu besteigen und sie nicht von unten zu betrachten und Luftschlösser zu bauen.

Kaschmir ist die nördlichste Provinz Indiens,touristisch und bergsteigerisch gegenüber anderen Regionen noch unerschlossen. Anfang der 90er Jahre hatten einige namhafte englische Bergsteiger wie Steven Venables, Mick Fowler und Andy Perkins die Bergregion entdeckt und spektakuläre Erstbesteigungen gemacht. Der Cerro Kishtwar war sofort im Fokus der Bergsteiger. Er sieht einfach perfekt aus, bietet sich als ultimative Herausforderung an. Er gibt den Anschein, es gäbe nichts Besseres. Ein Cerro halt. Nicht Torre, dafür Kishtwar, Cerro Kishtwar. 1992 waren And Perkins und Brendan Murphy 17 Tage in der Nordostwand, kletterten an vereisten Rissen, Verschneidungen, hatten mit Schlechtwetter und Spinndrift zu kämpfen und scheiterten 100 Meter unter dem Gipfel. Ihre Essensvorräte gingen zu Ende und sie waren buchstäblich am Ende ihrer Kräfte. Im folgenden Jahr kamen Mick Fowler und Steve Sustad und sie fanden als Erste einen Weg auf den Gipfel dieses Sechstausenders. Aber Kaschmir hat nicht nur den Cerro zu bieten. Rundherum stehen zahllose bizarre Felstürme und Berge, die nur auf eine Erstbesteigung warten.

Mitte der 90er wurde aus politischen und militärischen Gründen die Grenzen in Kaschmir geschlossen. Kein Ausländer durfte die Region mehr bereisen. Während das Bergsteigen im übrigen Himalaya und im Karakorum boomte, befanden sich die Berge in Kaschmir im Dornröschenschlaf. Erst ab 2010 wurden die Bestimmungen etwas gelockert und 2011 war es dann Stephan Siegrist zusammen mit Denis Bordet und David Lama, die die Bergwelt Kaschmirs wachgeküsst haben. Ihr Ziel damals war der Cerro Kishtwar und  sie konnten über eine  kühne Eislinie im rechten Teil der Nordwestwand den Berg im Alpinstil  besteigen.

 

In den folgenden Jahren bereiste Stephan weitere vier Mal das Kaschmirgebirge, realisierte sieben Erstbesteigungen und fand einen neuen, spektakulären Weg auf den Kishtwar Shivling. Auch der Cerro Kishtwar wurde noch einmal über die Ostwand bestiegen durch  Manu Pellisier, Marco Prezel, Urban Novak und Hayden Kennedy. Diese Unternehmung wurde mit dem französischen Bergsteigerpreis Piolet d‘Or ausgezeichnet. Auch wenn es in dieser Region noch so viele Berge gibt, die auf eine Erstbesteigung warten, der Cerro ging Stephan nicht aus dem Sinn. Diese Schönheit, diese Wand, dieser Granit! Eine Wand wie man sie selten findet, nicht nur hier, sondern weltweit!

So eine Einladung konnte ich nicht ablehnen! Ich schrieb ihm sofort eine E Mail zurück mit den Worten: „Ich bin dabei! Wer kommt noch mit? Wann geht’s los?“ Ich kenne Stephan sehr gut, war mit ihm schon in der Antarktis, auf dem Cerro Torre und in der Eiger Nordwand im Winter und ich weiß, dass es mit ihm immer Spaß macht in den Bergen. Ich glaube sowieso, dass der Humor beim Extrembergsteigen nicht nur eine schöne Begleiterscheinung ist, sondern auch erfolgsfördernd wirkt. Als dritter Mann wird uns ein junger Schweizer begleiten: Julian Zanker. Ich hatte ihn schon flüchtig kennengelernt.

Am 7. September landeten Stephan und ich in New Delhi. Julian, der mitten in seiner Bergführerabschlussprüfung steckt,  kam  10 Tage später. Alle bürokratischen Hürden wurden schnell erledigt, uns wurde ein License Officer zugewiesen mit dem Namen Happy und zwei Tage später wanderten wir durch das gut besiedelte Tal Richtung Machall, in dem ein wichtiger Tempel der Hindus steht. Obwohl der Pilgerweg regelrecht mit Müll markiert war, ist die Landschaft einzigartig, die Dörfer ursprünglich und die Menschen freundlich.

„Namastè! Julè!  Which Country?“ hörten wir von allen Seiten. Selten verirrt sich ein Tourist in dieses Tal. Nach zwei Tagen erreichten wir den Tempel von Machall, der Wunder verspricht und der Heiligen Familie um Lord Shiva gewidmet ist. Im August besuchen 80.000 Pilger diesen Tempel. Die meisten erwandern sich diesen heiligen Ort und manch einer, der es sich leisten kann, fliegt mit dem Hubschrauber. Aber an diesem Tag war alles menschenleer, bunte Fahnen glitzerten im Wind, eine Statue Lord Shivas sah friedlich aus und wir zogen weiter.  Hinter Machall hörte auch der Müll auf, die Landschaft bekam ihre Ursprünglichkeit zurück und eine tibetische Fahne markierte die Grenze zwischen Hinduismus und Buddhismus. Wir stiegen auf nach Sumchan, dem letzten Dorf. Wir erlebten die unglaubliche buddhistische Gastfreundschaft,  bevor tags darauf eine weitere Kulturveränderung folgte. Die Schäfer, die mit hunderten Schafen die Hochtäler bewirtschaften, sind islamisch geprägt. Für mich ist dieses Tal ein Beweis  dafür, dass man mit unterschiedlichsten Konfessionen friedlich und gut zusammenleben kann.

In 4000 Meter Höhe, auf einer Randmoräne, lag das Basislager und eine schöne Wiese versprach eine erholsame und schöne Zeit in unserer neuen, temporären Heimat. Surij,  unseren Koch, kannte ich  schon aus einer vorrangegangenen Expedition. Das Wetter war gut und wir konnten im Anschnitt den Gipfel des Cerro Kishtwar sehen.  Es könnte nicht besser sein, wir fühlten uns im Flow! Gleich am nächsten Tag stiegen wir die Moräne ab Richtung Berg. Immer wieder blieb ich stehen und staunte über die Wildheit der Landschaft. An der gegenüberliegenden Seite donnert eine Lawine ins Tal und ich bemerkte so nebenbei, dass ich auf einem perfekten, übergroßen Steinherz stehe, dessen Spitze direkt auf den Gipfel des Cerro Kishtwar zeigte. Ich nahm einen roten ovalen Stein, der zufällig daneben lag und legte ihn in die Mitte. Dieses Ritual sollte in den nächsten Wochen zu einem festen und wichtigen Bestandteil werden. Mein Herzstein mit dem Symbol „OM“ auf das Herz des Berges, meine Pforte in die Wildnis!

Wir verbrachten die Akklimatisierungsphase mit dem Tragen schwerer Rucksäcke Richtung ABC Lager. 150 kg Material, Seile, Essen, Gas, Zelte wuchteten wir auf 5000 Meter. Als ich das erste Mal vor dieser Wand stand, war ich komplett von ihr überwältigt. Hätten wir einen Klettergurt dabei gehabt, würde ich sofort einsteigen wollen. Auf den ersten 400 Metern lag eine steile Eisflanke mit einigen kombinierten Passagen. Darauf türmte sich überhängend erscheinend eine sechs- bis siebenhundert Meter hohe Granitwand auf. Verrückt! Etwas links von unserer gedachten Linie erkannten wir das vereiste Verschneidungssystem der Engländer. Weiter links konnten wir noch die Eisspur von Mick Fowler und Steve Sustad sehen, die ihnen die erste Besteigung dieses Granitturmes einbrachte. Rechts außen zog verwegen die Eislinie von Stephans Besteigung in den Kaschmiri Himmel und wir wollten mitten durch!  Kein Serac bedroht unseren geplanten Aufstieg! Es sah zwar schwierig aus, aber die Gefahren sind gut zu kalkulieren, was für uns so viel heißt wie: „Es konnte nicht schöner und besser sein.“

Endlich tauchte Julian zusammen mit Stefan, einem Fotografen und Kameramann aus Hamburg, im Basislager auf. Wir erzählten von dem, was wir bereits erleben durften und was wir geschafft haben. „Julian, du brauchst nur deinen Schlafsack ausrollen und den Klettergurt anziehen. Es ist angerichtet und das Wetter ist seit Tagen gut und es scheint weiterhin so zu bleiben!“ Er ließ sich von unserer Euphorie sofort anstecken und nach einer sehr kurzen Akklimatisierungszeit legten wir los. Wir versicherten teilweise den unteren Teil der Wand mit Fixseilen, anschließend zerrten wir unsere Haulbags bis zum Beginn der Felswand. Neben Portaledge, Schlafsäcken, Isomatten, Kocher und dem gesamten Kletterequipment war bei der Proviantkalkulation die Dauer unseres Durchstiegs entscheidend. Wir planten, nach fünf Tagen Kletterei den Gipfel zu erreichen. Wenn es gut lief, sogar einen Tag weniger. Sicherheitshalber haben wir aber sechs Gaskartuschen eingepackt, eine pro Tag. Essen und Riegel für fünf Tage, zwei Dosen Mineraldrink, Müsli und Kaffeepulver für fünft mal Frühstück, zwei Packungen Gummibärchen. Auch das Wichtigste war dabei, ein schönes Stück Speck meiner Heimatmetzgerei in Berchtesgaden! Wir fixierten die Materialsäcke und kehrten noch einmal ins Basislager zurück. Jeder optimierte seine persönliche Ausrüstung. Wir aßen und schliefen viel und jeder bereitete sich auf seine Art und Weise auf den Durchstieg vor. Ich war mir sicher, dass alles gut funktionieren wird. Das Team harmonierte, alle waren wir gut vorbereitet, gut trainiert und motiviert. Die Risssysteme in der Wand waren gut sichtbar und dadurch die Herausforderungen zu bewältigen.  Zudem habe ich selbst viel Erfahrung im Yosemite sammeln dürfen. Ich konnte die Zodiac am El Capitan, ebenso 600 Meter wie am Cerro Kishtwar, in 1 Stunde 52 Minuten klettern. Die Nose mit 1000 Metern kletterte ich in 2 Stunden 45 Minuten. Dann sollte uns das wohl in fünf Tagen gelingen!

1. Oktober:

Wir verabschiedeten uns von Surij, seinem Hilfskoch Sachim, Happy und unserem Basislager. Ich legte den Stein in die Mitte und war jetzt frei und bereit fürs Abenteuer. Stefan, unser Kameramann, war mit dabei. Er würde uns bis zum ABC  Lager begleiten. Er versuchte mit einem guten Teleobjektiv schöne Momente wie „Kleiner Mensch, große Wand“ einzufangen!

2. Oktober:

Um 10 Uhr am Vormittag standen wir am Einstieg an der Wand. Jetzt sollte es aber wirklich losgehen. Ein haarfeiner Riss zog etwa 150 Meter auf ein Band, unser Tagesziel. Aber wer fängt an? Julian, unser Jüngster, Stephan, der die Idee hatte oder ich der Älteste! Bevor ich die Frage in die Runde stellen konnte behängte sich Julian mit Cams, Stopper, Haken und Birdbeaks. Der junge Wilde wollte es jetzt wirklich wissen! Es war ziemlich schattig und kalt, sicher unter Minus 10 Grad. Erst ab etwa 3 Uhr nachmittags kam die Sonne um die Ecke und schickte uns für etwa drei Stunden Wärme. Kletterschuhe und Magnesia blieben dadurch erst einmal im Haulbag. Julian machte sich bereit für die erste Technoeinheit. Stephan hackte aus dem Eis ein kleines Band und baute unser Lager auf. Ein Portaledge für drei Personen, der pure Luxus hier oben. Ich legte das Seil in den Grigri und Julian schlug zwei Meter über dem Stand den ersten Birdbeak. Das sollte auch nicht der letzte sein, wie sich in den kommenden Tagen herausstellen sollte. Mit diesem kleinen Wunderding aus Stahl, ein Hybridhaken oder besser eine Mischung aus Cliffhanger und Messerhaken, lassen sich fast kompakte Passagen technisch bewältigen ohne ein Loch in den Felsen bohren zu müssen. Er ersetzt schon fast den Cooperhead und ist mittlerweile das wichtigste Tool der modernen Techno-Technik. Trotz dieser Errungenschaft brauchte Julian seine Zeit und ich sicherte geduldig. Nach drei Stunden konnte ich nur noch sagen: der Anfang ist gemacht, aber kalt war’s! In zwei Stunden würde die Sonne kommen und dann geht es hoffentlich schneller. Julian bohrte einen Standplatz und ich wurde jetzt von Stephan abgelöst. Er machte die Seillänge clean und als er anfing, kam bereits die Sonne um die Ecke. Ich machte mir keine Illusionen mehr, dass wir unser Tagesziel, das Schneeband 150 Meter über uns, erreichen würden. Ich machte es mir im Portaledge gemütlich, schmolz Schnee und genoss die abendliche Sonne. Immer wieder hörte ich aus 30 Metern über mir ein Fluchen auf Schwyzerdütsch. Dass alle Risse geschlossen wären, was „a Hure Schisdreck“ sei und nichts weitergeht. Ich lachte und schaltete auf Durchzug. Ich konnte sowieso nichts ändern und genoss einfach nur, da zu sein. Gegen Sonnenuntergang hatte Stephan weitere 20 Meter geschafft. Heutiges Tagespensum waren 50 Meter von etwa 600. Das ist, realistisch betrachtet, zu wenig. Wenn es so weiter ging, würden wir es nicht schaffen, den Gipfel in fünf Tagen zu erreichen! Etwas erschlagen kamen die beiden zurück in unser Lager am „Snowledge.“ Wir aßen, tranken, und verkrochen uns ins Portaledge. Julian und ich teilten uns den Platz oben, darunter hing Stephan in einer Hängematte. Es dauerte eine Zeit bis jeder sich in seinen Schlafsack hineinbaut. Aber wenn es mal passt, dann ist es perfekt. Dann bin ich nur noch in meiner Welt meines warmen Schlafsacks und das was Draußen ist, interessiert mich nicht mehr. Ob das Portaledge zuhause in meinem Garten in einem Apfelbaum hängt oder hier auf 5400 Meter, in dieser eisigen Nordwestwand,  spielt keine Rolle mehr. Das einzige was zählt: es ist kuschelig, warm, und schön.

3. Oktober:

Heute ist mein Tag! Ich war motiviert und es musste was vorwärts gehen! Nach einem schnellen Morgenimbiss aus ein paar Löffeln Müsli und einer Tasse Kaffee, in der noch aufgelöst die Reste der gestrigen Nudelsuppe schwimmen, stiegen Julian und ich mit dem Jumars am fixierten Kletterseil auf zum Umkehrpunkt von gestern. Julian sicherte und ich setzte  auch gleich mal meinen ersten Birdbeak. Ein sehr feiner Riss zog ins Endlose. Ich ließ mich nicht einschüchtern, dachte nur von Placement zu Placement. Viele warne gut, manche hielten grad mal so mein Körpergewicht. Manchmal klemmte ein Cam hinter einer holen Schuppe und ließ mich die Luft anhalten. Dann wieder pfiff singend ein Birdbeak in den Riss und beruhigte meine Nerven. So arbeitete ich mich stetig bis auf ein kleines Felsband.  Dort baute ich einen Stand, Julian machte  die Seillänge clean, und weiter ging’s im Technoland. „Get your hands out of your pocket!“ Nach diesem Motto begann ich die nächste Länge. Das Gelände war steil, nicht leicht. Vielleicht im Stil vom Megaklassiker „The Shield“ am El Cap. Aber auch nur machbar wegen den Birdbeaks! Ohne diese wäre ich manchmal vor einem Fragezeichen gehangen! Kurz nach Mittag erreichte ich dann endlich unser Band, das wir „Happyledge“ nennen. Julian, der mich vier Stunden im Schlingenstand sicherte, war durchgefroren und spürte seine Zehen nicht mehr. Er wechselte sich mit Stephan ab.  Ich querte das Schneeband nach rechts und dann kamen endlich die ersehnten, perfekten Risse. A2 Gelände, Cam reinschieben und durch. Leider waren die Kletterschuhe im Haulbag, 150 Meter tiefer am Snowledge. So kletterte ich nur in meiner Vorstellung diesen perfekten Handriss frei. Wonderland!

Ich fixierte alles für morgen, seilte bei Sonnenuntergang ab ins Lager und war noch immer euphorisiert vom heutigen Tag. Der etwas verhaltene Start von gestern war vergessen, das Wetter schien perfekt zu bleiben und wir waren jetzt zuversichtlich.

 

4. Oktober:

Heute verschoben wir unser Lager auf das Happyledge. Ich kümmerte mich um den Lager Ab,- und Aufbau und ums haulen. Julian und Stephan wollten, wenn möglich, bis zum nächsten Schneeband klettern.  Aber die Kälte verzögerte Julians Start. Seine gefühllosen Zehen wurden nicht besser. Auch Stephan kämpfte mit einer angeschwollenen Hand, vermutlich aufgrund einer Sehnenscheidenentzündung. Es warne sicher nicht die optimalsten Voraussetzungen für unser Vorhaben, aber Stephan biss die Zähne zusammen und Julian war voll motiviert. Um 10 Uhr setzte Julian seinen ersten Haken in die neue Seillänge, ich dagegen hatte bis auf weiteres nach getaner Arbeit Pause am Happyledge. Ich genoss dann am späten Nachmittag wieder die Sonne und konnte mir mal wieder nichts Besseres vorstellen, wie hier zu sein. In Gedanken teilte ich diesen Moment mit meinen Liebsten in der Heimat und ich hoffte, wir würden unser Abenteuer in drei Tagen durchziehen. Dann wäre ich bald wieder bei ihnen,  um diese Erlebnisse hautnah erzählen zu können.  So schön der Abend war, die Einsamkeit, die Abgeschiedenheit und Ausgesetztheit, die untergehende Sonne, die  die umliegenden Berge und die Wand in ein friedliches, warmes Licht taucht, so ernüchternd war die Ankunft der beiden. Zu viele hohle Schuppen, extrem schwierig und nur 35 Meter geschafft in sechs Stunden. Mehr ging nicht und der Weiterweg sah nichtbesser aus! Eine unendliche, steile Welt aus Granit. Unser Plan würde so nicht aufgehen. Wir warne schon den dritten Tag unterwegs, wollten in fünf Tagen oben sein. Wir hatten aber nicht einmal ein Drittel der Wand geschafft. Wir würden so unser Ziel, in zwei Tagen den Gipfel zu erreichen, nie realisieren können. Wir reduzierten unsere Essensration und legten uns schweigend in unser Portaledge. Ich denke, an diesem Tag kämpfte jeder mit seinen eigenen Problemen. Das ließ uns schlecht schlafen. Stephan mit seiner Schwellung an der Hand, die keine Verbesserung versprach. Julian mit seinen durch die extreme Kälte gefühllosen Zehen. Ich mit der Angst vor dem Scheitern. Anfangs begegnete uns die Wand freundlich, heute erschien sie unendlich zu sein. Realistisch betrachtet würde sie unter diesen Umständen zur Unmöglichkeit heranwachsen. Obwohl das Wetter seit Tagen zwar kalt, aber perfekt und wolkenlos war, glaubte ich, dass wir nach zwei Tagen bis drei Tagen mitten in der Wand aufgeben müssten. Ähnlich wie damals bei den Engländern wird uns der Proviant ausgehen. Julian würde zudem erhebliche Erfrierungen haben, Stephans Hand würde ihm massive Probleme bereiten und wir wären allesamt mit den Kräften am Ende. In meinen Wachträumen spielte ich alle Szenarien durch. Umdrehen oder Weiterklettern. Doch nochmal alles mobilisieren, Essensrationen auf das Minimum reduzieren und alles geben, vielleicht doch bis zum Gipfel. Oder lieber morgen umdrehen, alle Kletterseile so fixieren, dass nach einem Tag vom Basislager startend der Status quo erreicht werden kann. Julian könnte seinen gefühllosen Füßen eine Pause gönnen, Stephan seine Hand mobilisieren und wir uns im Team nochmals auf die erschwerten Bedingungen mental vorbereiten. Welcher Weg ist der richtige? Irgendetwas gab mir das Gefühl, das nur eine Entscheidung zum Erfolg führen würde. Sollte ich jetzt endlich mal Mut beweisen und es wagen bis an die Grenzen zu gehen? Dagegen stand die Angst, es nicht zu schaffen. Ich weiß,  wenn wir irgendwo oben kurz vor dem Gipfel erschöpft aufgeben müssten, gäbe es kein zweites Mal. Ich würde dann wieder einmal ohne Gipfel die Heimreise antreten. Wenn wir aber jetzt diesen Versuch abbrechen würden, könnten wir nach einer Pause wieder starten. Würde dann das Wetter gut sein? Mich drückte ein kleiner Stein in meiner Jackentasche. Ein Steinchen, den mir meine Tochter vor der Abreise in die Hand gedrückt hat. „Den brauchst du, nimm ihn mit auf den Gipfel und bring mir dafür vom Gipfel einen Stein mit.“ Auf diesem Steinchen meiner Tochter stand „Mut“ und ich hatte da verstanden, was zu tun war. Jetzt abzusteigen würde nicht davonlaufen bedeuten, sondern Mut beweisen. Vertrauen zu haben und mit neuer Kraft eine Woche später durchzustarten.

5. Oktober:

Julian und Stephan verstanden meine Bedenken und Überlegungen, auch wenn es schwer und fast unverständlich war, bei diesem Topwetter die Begehung abzubrechen. Heute ging dann alles ganz schnell. Wir fixierten die schwierigsten Passagen mit den Kletterseilen und am späten Nachmittag waren wir im Basislager!

8. Oktober:

Mit neuer Kraft, gut regeneriert, mental auf die Unendlichkeit der Wand eingestellt. Mit ausreichend Gas und Proviant waren wir wieder am Ausgangspunkt unseres Abenteuers in der steilen Welt. Das Wetter schien nach wie vor perfekt zu sein, nur drehte der Wind von Nord wieder nach Süd und brachte feuchtere Luft in die Kaschmirberge. Nach einem wolkenlosen Morgenhimmel gab es nachmittags Quellbewölkung und es fing zu schneien an. Die Sonne würden wir in den kommenden Tagen nicht mehr genießen, dafür wurden wir beim Klettern mit Spindrift und vereisten Rissen belohnt. Wir wussten, dass wir keine optimalen Voraussetzungen vorfinden werden, aber keiner dachte an einen erneuten Rückzug. Jetzt oder nie. Aber das Negative existierte in uns nicht mehr. Wir akzeptierten alles, was die Wand uns bot, waren bereit an unsere Grenzen zu gehen. Egal ob es kalte Füße gab, der Spinndrift uns mit Schnee überschüttete, oder alles im Portaledge klamm, feucht und vereist war. Es gab für uns nur noch das „Jetzt.“ Es ging nach oben!

Wir lebten, um zu überleben. Nach fünf Tagen Klettern unter widrigsten Bedingungen und dem Entbehren sämtlicher  Annehmlichkeiten, wir aßen alle mit demselben Löffel, die Kaffeetasse wurde zur Suppentasse. Wir erreichten auf etwa 6100 Metern ein kleines Felsband. Über uns legte sich die Wand zurück und wir erreichten eine spürbare Endlichkeit unseres Abenteuers.

14. Oktober:

Früh morgens stiegen wir vom letzten Lager über die fixierten Kletterseile auf zum Umkehrpunkt. Wie immer war der Morgenhimmel wolkenlos. Die aufgehende Sonne kitzelte die umliegenden Berge mit den ersten Sonnenstrahlen und ich war wieder einmal überwältigt von dieser Schönheit und Wildheit dieser Kaschmirberge.  Die letzten 100 Meter Richtung Gipfel wurden ein Geschenk. Leichte, kombinierte Kletterei brachte uns in eine Scharte und von hier waren es nur noch ein paar Meter zum Gipfel. Das Wetter war an diesem Tag ausnahmsweise besser und es schien, als würde es so bleiben. Wir hatten fast das Gefühl, dass wir nicht alleine sind und dass wir für all das, was wir durchgemacht hatten, mit einem einzigartigen Moment belohnt werden. Wir gingen die letzten Meter gemeinsam und wir konnten es kaum glauben. 500 Meter über uns zogen Schleierwolken im Jetstream und wir standen dort in der Sonne, bei Windstille. Wir wussten alle, dass wir es nur schaffen konnten, weil wir uns als mutige Gemeinschaft gefühlt haben! „Har-Har Mahadev“, so wird unsere Route durch die Nordwestwand des Cerro Kishtwar heißen. Das stammt aus dem Hinduistischen und heißt so viel wie: „Steigere die moralischen Werte, damit du die Angst überwindest, um gefährliche Situationen zu meistern“!  Oder wie wir es  in Bayern sagen würden: „Reiss di zam!“

15. Oktober: Ich nahm den roten Stein aus der Mitte vom Herz aus Stein und schaute zurück zum Berg.  Ich musste lächeln, weil dieser Cerro in sieben Wochen herangewachsen ist. Wir hätten fast verloren, weil wir ihn anfangs unterschätzt hatten. Als wir aber den Berg in seiner wahren Größe erkannten, durften wir ihn besteigen. Es ist auch wieder ein Beweis dafür, das die Unmöglichkeit nur im eigenen Denken existiert. Wenn man aber seiner Erfahrung vertraut, Mut beweist, sich von seiner Intuition und seinem Herzen leiten lässt, verliert diese an Bedeutung. In den kommenden Tagen eroberte ich mir Stück für Stück die Zivilisation zurück bis ich dort ankam, wo meine Reise begonnen hat. Dann werde ich an unserem Tisch sitzen, vor mir eine Tasse Kaffee, dazu eine frische  Breze mit Butter. Um den Tisch werden meine 3 Kinder und meine Frau sitzen und ich werde ihnen eine wilde Geschichte aus den Bergen Kaschmirs erzählen.

 

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